Shortlist des Deutschen Buchpreises 2015

Von der vorgelegten Longlist des Deutschen Buchpreises 2015 habe ich in den letzten Wochen Peter Richter, 89/90, Gertraud Klemm, Aberland, und Alina Bronsky, Baba Dunjas letzte Liebe, gelesen.

Alina Bronsky auf der Buchmesse 2013 (Foto: Carmen Treulieb)
Alina Bronsky auf der Buchmesse 2013 (Foto: Carmen Treulieb)

Alina Bronsky ist die coolste Schriftstellerin Deutschlands.

Ihr neues Buch bringt uns die Tschernobyl-Rückkehrerin Baba Dunja näher und liest sich so unterhaltsam und witzig wie alle Bronsky-Bücher. „Hör auf das Kind in Dir zu entdecken und entdecke lieber die alte Frau in Dir“, riet Alina Bronsky kürzlich in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Baba Dunjas Satz „Ich bin schließlich keine 82 mehr“ werde ich mir für spätere Verwendung auf jeden Fall merken. Absolut empfehlenswert!

Von der österreichischen Autorin Gertraud Klemm habe ich zum ersten Mal etwas gelesen. Der Plot von „Aberland“ liest sich für eine gestandene Feministin als hätte man sich im Jahrhundert geirrt: Aus der Sicht der 58-jährigen Mutter Elisabeth und ihrer 35-jährigen Tochter Franziska wird die gutbürgerliche Frauenrolle problematisiert. Während die Mutter unter den Affären ihres Mannes zwar litt, nach einem enttäuschenden Informationsgespräch bei einer Scheidungsanwältin diese aber tolerierte, rutscht der mit Kind und Promotion überforderten Tochter gegenüber Ihrem Mann schon mal die Hand aus. Die Frauenfiguren könnten nicht weiter entfernt sein von Alina Bronskys Heldin Baba Dunja, aber Gertraud Klemm gelingt es, ihre Protagonistinnen absolut überzeugend darzustellen. Im beschriebenen Zwiespalt leben tatsächlich die Mehrzahl der Frauen in unserer Gesellschaft. Gleichberechtigte Teilung von Berufs-und Familienarbeit bedeutet in der Regel finanziellen Verzicht. Man muss also bereit sein, den Preis für die weibliche Würde zu zahlen. Franziska lernt das auf schmerzliche Weise und ihr gelingt es schließlich, sich aus der postnatalen Depression und #Regrettingmotherhood zu kämpfen. Der Roman hat mir sehr gut gefallen. (Meine kurze Recherche ergab, dass das österreichische Scheidungsrecht vorsieht, dass auch ältere Frauen ihren Unterhaltsanspruch verwirken können, wenn sie sich „nach der Scheidung einer schweren Verfehlung gegen den Verpflichteten schuldig machen oder gegen dessen Willen einen ehrlosen oder unsittlichen Lebenswandel führen“. KLICK zum Gesetzestext)

Jedem ans Herz legen muss ich „89/90“ von Peter Richter. „Wer damals im Osten unbedingt die Einheit wollte, war ein Wirtschaftsflüchtling, der nicht mal seine Heimat verlassen musste“, sagte Peter Richter vor wenigen Tagen im Interview mit mopo. Der autobiographische Roman über eine Jugend im deutschen Osten, über „Schimmelmenschen“ und tägliche Straßenschlachten zwischen Rechten und Linken ist der erste mich überzeugende Roman über die Wendejahre. Und er rockt! Das Buch muss Schullektüre werden und jeder, der sich schon auf die Einheitsfeiern Anfang Oktober freut, sollte das Buch vorher lesen. Einen schönen Eindruck vom Autor vermittelt das Video des Gesprächs zwischen Denis Scheck und Peter Richter:

Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht keiner der drei Romane, aber sie werden auch so ihre LeserInnen finden.

Nach der Lektüre der Longlist-Leseproben interessieren mich noch „Über den Winter“ von Rolf Lappert und „Eins im Andern“ von Monique Schwitter. Neben diesen beiden sind noch Jenny Erpenbeck, Inger-Maria Mahlke, Ulrich Peltzer und Frank Witzel auf der Shortlist der Jury des Deutschen Buchpreises.

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2 Gedanken zu “Shortlist des Deutschen Buchpreises 2015

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