Bio – Weil ich es mir wert bin

Wie unterschiedlich die Lebensverhältnisse in Deutschland sind, ist mir gerade erst auf einer Reise durch Thüringen aufgefallen – dass ich mich aber bald wie ein Frankfurter Ossi fühlen würde, hätte ich da noch nicht gedacht.

Kürzlich lud das Frankfurter Umweltamt unter dem Titel „Mordshunger“ in die Freitagsküche, um im Rahmen der Veranstaltungsreihe Wilder Sonntag über „wertvolle Ernährung zu sinnieren“.

Weil als Referenten der Kolumnist und Theatermacher Michi Herl und die Bio-Bäuerin Margarethe Hinterlang (Dottenfelderhof) sprechen sollten, sagte ich zu. Ernährung ist eines meiner Lieblingsthemen. Die Veranstaltung im Hof der In-Location „Freitagsküche“ war gut besucht: Die Beiträge der Referenten, der Moderatorin und der Umweltdezernentin Rosemarie Heilig waren eindeutig: Supermarktware ist Teufelszeug und der/die deutsche VerbraucherIn hat alles in der Hand.

Das ist natürlich Unsinn, es ist apolitisch und es ist elitär. Aber leider war Udo Pollmer nicht da, um das in Kürze zu erklären. Also brachte ich das Beispiel mit der ESL-Milch. Diese H-Milch – Stephan Börnecke nennt sie Mogel-Milch – wird seit sechs Jahren in allen Supermärkten als Frischmilch verkauft. Als „Länger Haltbare“ hat sie die frische Vollmilch fast vollständig verdrängt. Die logistischen Vorteile des Produktes kommen den Molkereien und dem Handel zugute, auf einen Aufschrei der Verbraucher gegen diesen schlecht riechenden Frischmilch-Ersatz warte ich bis heute vergeblich. Bei der Veranstaltung heute war keiner der Referenten mit dem Thema vertraut. Stattdessen das immergleiche Gejammer, der Deutsche wolle kein Geld ausgeben für gutes Essen und wir Verbraucher hätten es doch in der Hand. Träumt weiter. Ohne von der Politik durchzusetzende Regularien hat der Verbraucher keine Chance und das Argument der Umweltdezernentin, die Leute sollten doch alle auf dem Wochenmarkt einkaufen, zeigt für wen die Veranstaltung gedacht war: Die grüne Klientel in Bornheim und im Nordend, die sich vergewissern konnte, dass sie alles richtig macht.

Wir Stadträndler, die wir zuweilen etwas abschätzig auf diejenigen blicken, die zwar in Altbauten mit Stuckdecken wohnen, als grünen Freilauf aber ein Handtuch großes Plätzchen im Holzhausenpark akzeptieren, sind froh, wenn wir einen Supermarkt im Umkreis von drei Kilometern haben. Und nein, wir fahren nicht mit dem SUV oder mit dem Porsche zum Bio-Bauernhof Dottenfelderhof, sondern mit dem Rad zum Netto. Was ist wohl nachhaltiger?

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4 Gedanken zu “Bio – Weil ich es mir wert bin

  1. Kupferoxichlorid 24. August 2015 / 00:27

    Wow. Volltreffer.

    Also eins muss man Ihnen echt lassen. Sie sind zwar links und deshalb oft auf dem Holzweg :-). Aber im Gegensatz zu den meisten Ihrer Genossen sind Sie zu einer unabhängigen eigenen Meinung fähig. So wie hier und dann treffen Sie auch mal mitten ins Schwarze!

    Außerdem können Sie schreiben. Auch selten.

    • Carmen 25. August 2015 / 18:11

      Danke für die warmen Worte 😉

  2. LOB 24. August 2015 / 12:37

    Sicher, hat es auch der Verbraucher in der Hand und gleichzeitig entbindet es nicht die Politik aktiv zu werden und die Steuererungselemente zu überprüfen – was ist erwünschtes Verhalten und was nicht? – die Ernäherungsfrage ist, trotz des zunehmenden Bewusstseins keinesfalls besser geworden, viel zu viele Kinder essen zu viel usw. – es ist wohl das Eine qualitativ hochwertige Produkte zu wollen, aber ein anderes der persönliche Verzicht – bis dahin, dass man eben ein Gefühl dafür hat, dass es wenig sinnvoll ist mit SUV zum Dottenfelderhof zu fahren, wenn auch die Dottenfelder das sehr begrüßen und die Anfahrt mit dem Auto nicht verbieten wollten.

    Wo kämen wir da auch hin – noch sind wir selbstbestimmte Zeitgenossen, die eigenverantwortlich entscheiden, wie sie mit dem umgehen, was sie zu sich nehmen, hinterlassen und wie sie die Welt gestalten, in der sie leben – dabei sich selbst nicht zu überschätzen und als Teil des Ganzen zu verstehen, ist auch wieder so eine intellektuelle Leistung, die nicht allen innewohnt.

    Es erschreckt, was die Lebensmittelindustrie entwickelt und meint als guten Geschmack an Frau und Mann bringen zu müssen, während die Tomaten schon lange nicht mehr nach Tomaten riechen, aber tagelang im Kühlschrank auf die Weiterverarbeitung warten können.

    Die Sizilianer sind aus welchem Grund auch immer nicht in der Lage, ihr Sonnen beschenktes und verwöhntes Land dazu zu nutzen der größte Tomatenproduzent Europas zu werden, wo schon ab Februar die Tomaten dort reifen könnten – dann überlassen sie es lieber den Holländern und ihrer Gemüseindustrie uns den Geschmack zu verderben – so geht es immer weiter – der Geschmack wird der Haltbarkeit geopfert, dabei sind beide unvereinbar, man kann eben beides nicht haben.

    Wir haben uns ins eigene Fleisch geschnitten, der Anteil derer die noch kochen können nimmt ab, die Küchen sind wohl mit Highendprodukten bestückt, aber wie man effizient und lecker kocht ist vielen ein Rätsel, sie leben aus dem Kühlschrank und begnügen sich, weil in ihnen jeglicher Geschmack abhanden gekommen ist, mit dem was Rewe, Lidel, Aldi und Edeka in die Regale stellt und merken gar nicht, dass die Wahlfreiheit längsten perdu ist, weil die Produktvielfalt im Lauf der Jahre stetig abnimmt.

    Bald werden die Kunden im Supermarkt in den Kochcontent gestellt und statt zuhause zu essen, zieht es den Kunden in die Erlebniswelt des Supermarkt und an seine Esstische – schöne neue Welt – da interessiert auch nicht mehr woher die Milch kommt und das man für den Kaffee bereit ist einen Kilopreis von 60€ zu akzeptieren, weil man ja eine feine Kaffeemaschine sich andrehen lassen – George Clooney läßt grüßen.

    Ich bin sehr skeptisch, was übrig bleibt, wenn die Lebensmittelindustrie auch den letzten Produkt standardisiert hat – alles ist haltbar, aber nichts hat mehr einen Eigengeschmack, weil auch das, was uns schmeckt logarithmisch optimiert wurde.

    Schön wer noch einen eigenen Garten hat, den Geschmack der Möhren aus eigenem Anbau kennt, sich morgens ein Schnittlauchbrot mit Quark macht.

    • Carmen 25. August 2015 / 19:00

      Der Eigenanbau ist allerdings auch mit Risiken verbunden: Die Gurken aus meinem Kleingarten sind in diesem Jahr ungenießbar bitter, trotzdem habe ich letzte Woche noch eine unter ein Mayonnaise(!)-Sandwich geschmuggelt. Ich habe das überlebt, ein Mann aus Süddeutschland ist an dem Bitterstoff Cucurbitacin kürzlich gestorben (Link zum Spiegel). Dabei hat die Natur das extra so eingerichtet, dass der Mensch unbekömmliche Nahrung am Geschmack erkennen kann. Aber solches Wissen geht zunehmend verloren. Heute war ich asiatisch essen im Oeder Weg, in einem von schicken Angestellten bestens besuchtes Lokal und dann waren rohe grüne Bohnen im Essen. Das erlebt man ja immer öfter, dass das Gemüse nicht mehr bissfest sondern roh ist in den asiatischen Modeschuppen, aber rohe Bohnen sind nicht umami sondern giftig. Wenn das nicht mal mehr das Küchenpersonal weiß, dann wird’s gefährlich.

      Nochmal zu meiner Kritik an der Veranstaltung: Ich bin ja so geeicht, dass ich unter Grünen rot und unter Roten grün werde und unter rot-grün bin ich links. Aber was ich nie leiden kann, ist, wenn Leute nicht über ihren „Tellerrand“ (passt doppelt) schauen. Und als Lokalpolitiker und vor allem als Arbeitertochter, was Frau Heilig ja auch gern erwähnt, erwarte ich eben, dass auch die Bürger in den Blick genommen werden, die weder Zugang noch die Kohle für Bioprodukte haben. Hier im Frankfurter Norden gibt es auch keine Wochenmärkte mehr, weil es sich für die Marktbeschicker nicht rentiert. In Bonames gibt es zwar noch einen sogenannten Markt, aber es ist nur noch ein Weinstand und ein Olivenstand übrig und letzterer wird sicher auch bald dicht machen. Ich empfehle jedem Nordend-Grünen, dass er mal seine Wocheneinkäufe für die Familie vom Bauernmarkt an der Konstablerwache zu den Dörfern am Stadtrand schleppt – autofrei natürlich, d.h. schön mit Umsteigen von S- oder U-Bahn und warten, weil ja der Anschlussbus nur alle halbe Stunde fährt. Und dann reden wir noch mal über Nachhaltigkeit.

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