Disziplin und gute Bücher

„Warum können wir nicht mehr lesen – Was macht das Digitale mit unserem Gehirn und können uns Bücher davon befreien?“ fragte vor wenigen Monaten Hugh McGuire. André Pleintinger hat den Artikel aus dem Englischen übersetzt, den ich allen (ehemaligen?) Bücher-LeserInnen sehr ans Herz lege. (KLICK)

Auch ich habe in den vergangenen Jahren zahlreiche rationalisierende Argumente für die Tatsache gefunden, dass es mir schwerer fällt, mich auf ein Buch zu konzentrieren. Wir hängen alle an der Leine und müssen uns mühsam losreißen von der digitalen Sphäre, weil wir sonst etwas wesentliches verlieren: Die Fähigkeit, uns allein mit einem Text ganz in der Welt zu fühlen.

Meine Strategie, wieder mehr zu lesen, klingt einfach: Disziplin und gute Bücher. Mein Lesejahr 2015 begann mit Stephan Thomes „Gegenspiel“. Der von mir hochverehrte Autor Thome hat die Geschichte einer Ehe, die er in seinem letzten Roman „Fliehkräfte“ aus der Sicht von Hartmut, einem Professor für sprachanalytische Philosophie, erzählte, aus der Perspektive der portugiesich-stämmigen Ehefrau Maria nochmal aufgerollt. Während für Hartmut die Uni-Karriere im Mittelpunkt der gemeinsamen Jahre stand, rettet sich Maria nach den bleiernen Jahren in Bonn in einen späten Aufbruch nach Berlin als Theaterassistentin. Ich bin gespannt, ob Thomes Buch es auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis schafft, die in wenigen Tagen veröffentlicht wird. (Am Preisträger des vergangenen Jahres, Lutz Seiler mit „Kruso“, bin ich gescheitert)

Erst in diesem Jahr entdeckt habe ich Thommie Bayer, einen weiteren Gentleman unter den deutschen Autoren. Besonders empfehlenswert an heißen Sommertagen und vor allem für Katzenfreunde ist „Heimweh nach dem Ort, an dem ich bin“

„Der Distelfink“ von Donna Tartt ist mit über 1000 Seiten das dickste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe (und natürlich bin ich der Meinung, es hätte nicht geschadet, in der zweiten Hälfte des Romans 200 Seiten zu kürzen). Das Buch ist spannend und berührend. Gewirkt hat es insofern, dass ich wieder Lust auf die alten Meister bekommen habe und öfter ins Städel gehe, z.B. um mir dieses Bild anzusehen: Häusliche Szene mit Musikanten und Spinnerin.

Sehr passend denn auch, dass ich kürzlich dieses Büchlein geschenkt bekam: „Frauen, die lesen, sind gefährlich und klug“ von Stefan Bollmann: https://www.youtube.com/watch?v=Dv7oA87Dh6w

Wie kritisch die Zeit des Übergangs vom Jugendlichen zum Erwachsenen ist, zeigt Antonia Baum in ihrem Buch „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“. Die junge Autorin schreibt regelmäßig in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wo sie mit ihren schonungslosen Artikeln gelegentlich Landräte in den Wahnsinn treibt. (KLICK zum Rhein-Neckar-Blog). Fast hätte mich die Lektüre inspiriert, eine Post über meine 10 peinlichsten Kneipennächte zu schreiben, aber zum Glück liegt zwischenzeitlich der sanfte Mantel des Vergessens über einigen davon, deshalb lasse ich es bei der Erkenntnis, dass das Verarbeiten der Kindheit manchmal ebenso lange dauert, wie die Kindheit selbst.

Mein absolutes Lieblingsbuch ist derzeit „Die Tage des Gärtners – Vom Glück, im Freien zu sein“ von Jakob Augstein. Seit ich einen Kleingarten habe, weiß ich überhaupt erst, was Kultur ist und seit ich Augsteins Buch lese, muss ich mich als Unkrautzupfer nicht mehr spießig fühlen. (Bald mehr zum Buch)

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5 Gedanken zu “Disziplin und gute Bücher

  1. LOB 13. August 2015 / 08:32

    danke für diese Leseempfehlung

  2. LOB 13. August 2015 / 09:53

    Lesen, lesen, lesen …
    Ja – Antonia Baum & Jakob Augstein – unbedingt weiter empfehlen – Augstein ist mehr als ein politischer Chronist – das Vorwort zu „Ungeheuerliche Neuigkeiten“ Texte v. Frank Schirrmacher postum erschienen hat mich berührt…
    lesen, lesen und vorlesen

  3. Claudia 15. September 2015 / 12:15

    Alle Achtung für die 1000 bewältigten Seiten! Üblicherweise stapele ich die ungelesenen Tageszeitungen und gebe Bücher ungelesen wieder in die Bücherei zurück. Aber endlich, endlich einmal habe ich beide in den Urlaub mitverreisten Bücher gelesen. Ich habe mir wiederholt die Zeit genommen und mir die Frechheit erlaubt, mich allein nur mit meinem Buch hinters Ferienhaus zurückzuziehen und mich von einer möglichst ignoranten Seite zu zeigen. Das brauchte Disziplin! Kinder mussten sich um sich kümmern oder andere Erziehungsbevollmächtigte damit beauftragen. Aber dann klappte es auch mit dem Lesen. Und ich kam in den Genuss des kleinen, feinen Buches „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler. Tief berührt hat mich dieses in wohltuend ruhigem Takt und achtsamen Worten erzählte Leben des Arbeiters Andreas Egger. Dieses schöne Buch möchte ich unbedingt empfehlen.

    • Carmen 15. September 2015 / 13:25

      Es muss interessant sein, Dich von einer ignoranten Seite zu sehen, Claudia 😉

      Danke für den Buch-Tipp. Spiegel online nennt den Roman einen „bittersüßen Downer an lichten Sommertagen“. (KLICK)

      Ich bin wegen einer kurzzeitigen Immobilität derzeit auch viel am Lesen und arbeite mich gerade durch die Longlist des Deutschen Buchpreises. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele im besten Sinne unterhaltsame Vorschläge auf der Liste gefunden zu haben. Demnächst schreib ich was zu meinen Favoriten.

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