Bildungs-Dünkel

„Gallien in seiner Gesamtheit ist in drei Teile geteilt“ – So lautet die Übersetzung des ersten Satzes aus Caesars „De Bello Gallico“. Nach der Lektüre des Artikels „Eins Komma Null“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung habe ich heute morgen den ersten Bildungsbürger (Allgemeinen Deutsche Hochschulreife bis in die 4. Generation nachweisbar) gefragt, den ich traf, ob er sich an diese Latein-Lektüre erinnert. Und tatsächlich, der Satz war meinem Gegenüber auch nach einigen Jahrzehnten noch präsent.

Da ich ein Arbeiterkind und die erste in meiner Herkunftsfamilie war, die das Abitur anstrebte – und meine Lateinlehrerin auf dem Abendgymnasium es wichtiger fand, die soziale Situation der Sklaven im Alten Rom zu thematisieren -, leide ich in Bezug auf Caesars Werk unter einer klaffenden Bildungslücke.

Wahrscheinlich sollte ich meiner alten Lehrerin Ginoux aber dafür dankbar sein. Denn ihr Unterricht hat bestimmt einen Anteil daran, dass ich heute einen dünkelhaften Text erkenne, wenn ich ihn vor mir habe.

„Das Schulsystem ist durchlässiger geworden (…). Die kommenden Abiturienten sind aber nicht nur viel mehr, sie sind auch – wie die Forscher sagen würden – „nichttraditionelle Gymnasiasten“. Das bedeutet, sie sind oft die Ersten in ihren Familien, die „De Bello Gallico lesen“, komplizierte Gleichungen lösen und den Zitronensäurezyklus studieren. Wenn man nun will, dass diese Bildungsaufsteiger nicht gleich wieder aus den Gymnasien hinausgeprüft werden – was viele Oberstudienräte liebend gern tun würden! – dann muss man ihnen wohl oder übel einen gewissen Noten-Rabatt gewähren. Sprich: In der neuen unteren Mittelschicht der deutschen Gymnasiasten wird mancher Fünfer- und Vierer-Schüler ein bisschen aufgewertet, damit er sicher ans Ziel kommt.“ (Christian Füller in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 14.6.2015)

Hätte Christian Füller diesen Text der taz angeboten, sie hätte dankend abgelehnt, mit dem Hinweis, dass er den journalistischen Standards nicht genüge. Und sie hätte recht damit getan.

Welche Erkenntnisse liegen Füllers Behauptung zugrunde, dass Kinder aus bildungsbürgerlichen Verhältnissen leichter Latein, Mathe und Chemie verstehen? Keine.

Richtig ist vielmehr, dass Eltern, die selber einen hohen Bildungsabschluss haben, für ihre Kinder heute unbedingt – ungeachtet deren Fähigkeiten und Bedürfnisse – das Abitur anstreben. Dazu ist den Eltern fast jedes Mittel recht: Wiederholen der 4. Grundschulklasse, damit das Kind doch noch eine Gymnasial-Empfehlung bekommt, Privatschule, dauerhafte Nachhilfe, Internate. Es ist eine große Kränkung für Eltern, aber nicht zu ändern: Wenn zwei intelligente Menschen Nachwuchs zeugen, ist dieser nicht zwangsläufig ebenso intelligent. 40 Prozent der Akademikerkinder steigen ab, d.h. sie haben im Alter von 40 Jahren einen niedrigeren Status als ihre Eltern, darauf hat Remo Largo schon vor längerem hingewiesen:

“In Gesellschaft und Wirtschaft kommt es immer wieder zu Dramen, weil Menschen mit Hilfe von Privilegien und Netzwerken in soziale und wirtschaftliche Stellungen gelangen, in denen sie durch mangelnde Kompetenz großen Schaden anrichten können.”

Es gibt heute zu viele Abiturienten mit einem Notendurchschnitt von 1,0 – das hatte sich Christian Füller als Thema für seinen FAS-Artikel vorgenommen. Das Ergebnis seiner Bemühungen ist ein ärgerlicher, unverschämter und dünkelhafter Text – mehr als eine 4 Minus hat der Artikel leider nicht verdient. Jetzt würde ich gern noch wissen, warum die Frankfurter Allgemeine einem derart schlecht hergeleiteten Beitrag vier Spalten auf Seite 12 einräumt.

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4 Gedanken zu “Bildungs-Dünkel

  1. Andreas Lichte 14. Juni 2015 / 22:49

    Christian Füller und „genügt nicht den journalistischen Standards“ …

    Bin auch mal auf Christian Füller aufmerksam geworden, als er er einen Artikel zur Waldorfschule schrieb, hier meine Antwort:

    http://www.ruhrbarone.de/erste-deutsche-staatliche-waldorfschule-wirbt-christian-fueller-taz-fuer-die-sekte-anthroposophie/53115

    „Erste deutsche staatliche Waldorfschule: Wirbt Christian Füller, taz, für die ‘Sekte’ Anthroposophie?

    Regelmässig erfreut die taz ihre anthroposophischen Leser mit der Beilage „taz THEMA Anthroposophie“. Nun wirbt Christian Füller in der taz-Rubrik „Zukunft – Bildung“ für ein höchst umstrittenes Schulprojekt, die erste „staatliche Waldorfschule“ Deutschlands, als „Zukunftsmodell für das Bildungswesen“. Wirbt Christian Füller damit für die, Zitat Prof. Hopmann, „Sekte“ Anthroposophie? (…)“

    Hab damals, Januar 2013, auch geschaut, was Füller sonst noch von sich gibt – nicht der Rede wert, könnte man komplett vergessen, WENN er nicht für grosse, einfussreiche Zeitungen schriebe …

    • Carmen 16. Juni 2015 / 09:53

      Danke für die Erinnerung, das hatte ich gar nicht mehr präsent, das Christian Füller für das umstrittene Projekt „Staatlich finanzierte Waldorfschule“ geworben hat.

      (Mehr zum Thema auf den Seiten von GWUP)

  2. Andreas Lichte 15. Juni 2015 / 12:01

    „Und es wird mir eine Wohltat sein, mal für mich ohne Kommas zu schreiben und richtiges Deutsch – nicht alles so unnatürlich wie im Büro.“

    Irmgard Keun, „Das kunstseidene Mädchen“

    Das fiel mir wieder ein, als ich die web-Adresse des Artikels las:

    „…/bildungs-dunkel/“

    manche Formen von „Bildung“ verdunkeln das Leben – wie lebendig man schreiben kann, wenn man Regeln Regeln sein lässt, beweist Irmgard Keun:

    „Und habe mir ein schwarzes dickes Heft gekauft und ausgeschnittne weiße Tauben drauf geklebt und möchte einen Anfang schreiben: Ich heiße somit Doris und bin getauft und christlich und geboren.“

  3. Raucherecke 18. Juni 2015 / 16:10

    Schöner Blödsinn, den die F.A.S. da abdruckt. Dass „nichttraditionelle Gymnasiasten“ per se leistungsschwächer sind, so eingebildet und arrogant muss man erst mal sein, um darauf zu kommen. Das kommentieren Sie sehr treffend.

    Wo liegt aber der Grund für die 1er-Schwemme? Mehr als 50% der Grundschüler in Frankfurt wollen (und dürfen!) inzwischen auf das Gymnasium. Von Eliteschule keine Spur mehr. Damit ist das Niveau insgesamt gesunken. Schüler, die früher keine Chance gehabt hätten, sollen heute auch das Abi bekommen. Das ist politisch so gewollt; man kann es gut finden oder auch nicht. Auf dem niedrigeren Niveau ist es logischerweise einfacher eine 1 zu erreichen und immer mehr schaffen das deshalb auch. Ganz einfach!

    Die konservative Bastion Gymnasium ist weitgehend geschleift. Die linken Bildungspolitiker waren erfolgreich und können sich freuen. Aber wie lange? Denn wie immer erreicht linke Politik genau das Gegenteil von dem was sie angeblich erreichen will. Man beginnt gerade das zu erkennen. Künftig wird niemand mehr viel auf ein 1er-Abi geben. Die Universitäten werden daraus ihre Schlüsse ziehen und bei der Studienplatzvergabe nichts mehr auf den Notenschnitt geben. Und daraus ergibt sich dann ironischerweise, dass sich die Gymnasien von Elite bis Billigheimer untereinander differenzieren werden. Es wird also nicht mehr die Frage gestellt werden, „was“ für ein Abi hast du gemacht, sondern „wo“ hast du es gemacht? Und dann haben wir sie wieder, die Eliteschulen!

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