Online-Proleten sind überall

Kürzlich habe ich meinen Account bei Disqus gelöscht, den ich einst eingerichtet hatte, um gelegentlich Artikel der Frankfurter Rundschau zu kommentieren – und zwar nicht anonym, sondern unter Echtnamen. Aber dann hatte ich keine Lust mehr, mich von durchgeknallten Wutbürgern beschimpfen zu lassen. Männlicher Rentner, ehemals Beamter oder höherer Angestellter, Eigenheimbesitzer – so stelle ich mir den typischen Online-Prolet vor, wie er sich überall anonym in Kommentaren auslebt.

Schön beobachten kann man diese Spezies, wenn sie sich zum Ausbau der Main-Weser-Bahn äußert. Die flegelhaften Kommentatoren sind Anhänger der Bürgerinitativen gegen den Ausbau (Bahnane oder 2statt4) und beschimpfen die Befürworter des seit Jahrzehnten geplanten Infrastrukturprojekts, das endlich eigene Gleise für die S6 zwischen Frankfurt und Bad Vilbel vorsieht, als verlogen, korrupt, dämlich etc.

Letzte Woche schrieb die Frankfurter Rundschau über einen Streit unter jenen Herren, von denen ein großer Teil in Frankfurts kleinstem Dorf Berkersheim wohnt. Diesmal ging es nicht um den ÖPNV, sondern um den Auto-Schleichverkehr im Dorf. Die Herren, sonst so einig, wenn es gegen den Ausbau des umweltfreundlichen öffentlichen Nahverkehrs geht, streiten sich via öffentlichen Briefen wie die Kesselflicker. (siehe FR vom 10.4.2015). Das ist recht witzig, wenn man nicht beteiligt ist.

Vielleicht haben jetzt die Vorstände der jeweiligen Initiativen gegen den Ausbau der Main-Weser-Bahn begriffen, dass sie ihrem Anliegen nur schaden, wenn sie BürgerInnen und LokalpolitikerInnen öffentlich beschimpfen und beleidigen. Denn zu den aktuellen Presseveröffentlichungen, in denen Jürgen Lerch vom Verband Pro Bahn & Bus viele Argumente der Ausbaugegner widerlegen konnte, sind bisher keine Kommentare erschienen. Aber vielleicht rollt die Erregungswelle ja schon an. (Link zum Artikel von Kurt Sänger in der FNP und Frank Sommer in der FR)

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2 Gedanken zu “Online-Proleten sind überall

  1. freiedenkerin 11. April 2015 / 22:12

    Es ist schlicht und ergreifend furchtbar, was teilweise im WWW abgeht. Ich bin mindestens einmal am Abend, wenn ich meine internetten Runden drehe, kurz davor, dass mir vor Ekel und Abscheu die letzte Mahlzeit aus dem Gesicht fällt…

    • Carmen 12. April 2015 / 11:19

      Ging mir gerade ähnlich bei der Lektüre der FAS, dort wird aus einer Facebook-Diskussion zitiert, bei der es um das rassistische Logo eines Mainzer Dachdeckers geht: „Es wird mir eine Freude sein, dich zu hängen! Mit einem Drahtseil an einem Fleischerhaken…“ musste sich ein Logo-Gegner von einem Kommentatoren anhören.

      Die Senkung der Hemmschwelle im Netz hat aber auch Folgen für das reale Leben: Letzte Wochen haben Pegidisten in Dresden Mitarbeiter der Kreuzkirche bedroht, weil sie während der Pegida-Demo die Kirchenglocken läuteten: Link zum MDR.

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