4 statt 2: Mut statt Wut

Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf hat die S 6 um 10.09 Uhr ca. 15 Minuten Verspätung
Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf hat die S 6 um 10.09 Uhr ca. 15 Minuten Verspätung

Nicht jede S 6 kommt an meinem Einsteigebahnhof im Frankfurter Norden mit Verspätung an. Am Dienstag morgen z.B. kam sie pünktlich, musste aber unterwegs wegen Überholungen von Regionalzügen planmäßig und unplanmäßig halten, an meinem Ziel Konstablerwache hatte die Bahn 16 Minuten Verspätung. 23 Minuten fährt die S 6 regulär für die Strecke, genau doppelt so lang, nämlich 46 Minuten brauchte meine S 6 um 9:19 Uhr am Dienstag. Das ist Alltag für Pendler, weshalb auch ziemlich viele Leute lieber mit dem Auto in die Stadt fahren.

Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf hat die S 6 um 10.19 Uhr ca. 30 Minuten Verspätung
Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf hat die S 6 um 10.19 Uhr ca. 30 Minuten Verspätung

Trotz dieser Verspätungen nutze ich weiterhin den öffentlichen Personen-Nahverkehr. Grün wählen, aber mit dem SUV durch die Stadt fahren? Solidarität predigen, aber meine eigene Ruhe wichtiger nehmen als die anderer Leute? Mich nur dann für Umwelt- und Naturschutz zu interessieren, wenn es gerade meinen Singulärinteressen zupass kommt? Das mag menschlich sein, ist mir aber zutiefst unsymphatisch. Weil ich kein politisches Mandat habe, kann ich es mir auch leisten, MitbürgerInnen, die sich genau so verhalten, zu kritisieren.

Lokalpolitiker trauen sich das nicht unbedingt. Wer schon mal an einer Sitzung der 16 Frankfurter Ortsbeiräte teilgenommen hat, weiß, dass es angesichts wütender Bürger schwierig sein kann, seine Meinung zu behaupten. Die Aufgabe von Ortsbeiräten ist es, die Auswirkungen städtischen Handelns auf ihren Stadtteil zu betrachten – was ihnen oftmals nicht gelingt, ist die Kirchtumspolitik zu verlassen und die Gesamtstadt und Region in den Blick zu nehmen.

Der Ausbau der Main-Weser-Bahn ist notwendig. Solange sich S-Bahn und Regionalzüge die Gleise teilen müssen, wird der ÖPNV auf der Strecke unattraktiv sein. Zwischen 7 und 8 Uhr morgens fahren 12 Züge auf der Strecke, davon acht Regionalzüge. Weil die S6 diese Züge vorbei lassen muss, verlängert sich ihre Fahrzeit durch Zwangsaufenthalte um bis zu 11 Minuten. Verspätungen eines Zuges führen unweigerlich zu Verspätungen aller anderen. Erst eigene Gleise der S6 machen aus einem fragilen, unzuverlässigen System eine echte Alternative zum Individualverkehr. Die Überlastung der Strecke lässt sich auf diesem Bildfahrplan gut erkennen: Bildfahrplan S6 ab 7 Uhr Richtung Frankfurt mo-fr

Die Sorgen der Anwohner ernst nehmen, aber die Notwendigkeit des Ausbaus der Main-Weser-Bahn mit Argumenten belegen, das wäre verantwortungsvolle Lokalpolitik.

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6 Gedanken zu “4 statt 2: Mut statt Wut

  1. Stefan B. Adorno 13. März 2015 / 20:53

    Die Sorgen der Anwohner ernst nehmen, aber die Notwendigkeit des Ausbaus der Main-Weser-Bahn mit Argumenten belegen, das wäre verantwortungsvolle Lokalpolitik.

    Wie kann das denn gehen? Einem Freund von mir würde die Bahn 5m Garten wegnehmen und eine meterhohe Lärmschutzwand bescheren.

    Ich kann ja durchaus diejenigen verstehen, die sich einen reibungslosen Nahverkehr wünschen.

    Aber ist ein Ausgleich wirklich möglich? Es gibt keine halben Gleise.

  2. Carmen 13. März 2015 / 21:17

    Die Main-Weser-Bahn fährt seit 1850 durch den Frankfurter Norden. Damals hatte Frankfurt 96.000 Einwohner und wenige Pendler.

    Natürlich haben wichtige Infrastruktur-Maßnahmen, die wie in diesem Fall vielen tausend Menschen zu Gute kommen, auch Nachteile für Einzelne – die allerdings entschädigt werden.

    Ich wohne übrigens selbst an der Strecke und werde die Baumaßnahmen erleiden müssen und sicher öfter verfluchen.

    Aber man kann nun mal die Torte nicht essen und behalten, soll heißen: Entweder will ich umweltfreundlichen Verkehr oder ich will immer nur meine persönlichen Interessen durchsetzen.

  3. S-Bahn-Nutzer 13. März 2015 / 23:53

    Wir haben heute nicht nur Staus auf der Straße, sondern auch auf der Schiene. Langsame S-Bahnen und schnelle Regionalzüge behindern sich gegenseitig.

    Doch während die Straßeninfrastruktur in den letzten 50 Jahren mit diversen Umgehungsstraßen und autobahnähnlich ausgebauten Bundesstraßen expandierte, hat sich bei der Main-Weser-Bahn fast nichts getan.

    Es ist schade, dass sich viele Lokalpolitiker zwar für jede neue Straße vehement einsetzen, beim Bahnausbau aber selbst oft nur Bahnhof verstehen. Liegt es daran, dass viele von ihnen selbst die Bahn nur wenig oder gar nicht nutzen?

    Ein moderner ÖPNV mit zuverlässigem Taktfahrplan bringt die Leute in Bahn und Bus. Davon profitieren nicht nur die Fahrgäste, sondern auch die Kommunen entlang der Strecke, welche als Standort attraktiver sind als Orte, die keinen Bahnhof haben.

    Also liebe Lokalpolitiker: Informiert Euch auch über die Vorteile eines Ausbaus der Main-Weser-Bahn. Kürzere Fahrzeiten, weniger Verspätungen, sauberer Taktfahrplan, leiser dank Schallschutzwänden, moderne mobilitätsgerechte Stationen. Die Fahrgäste von S-Bahn und Regionalzügen wären Euch dankbar, wenn der Stau auf den Gleisen ein Ende hätte!

    • Carmen 14. März 2015 / 17:01

      Liegt es daran, dass viele von ihnen selbst die Bahn nur wenig oder gar nicht nutzen?

      Sicherlich. Das ist auch daran zu erkennen, dass die Einsatzbereitschaft groß ist, wenn es um den Autoverkehr geht. So haben sich die Lokalpolitiker meines Stadtteils – gleich welcher Couleur – jahrelang vehement für die Wiedereröffnung der Autobahnauffahrt in Bonames eingesetzt. Geht es aber um die Verbesserung des ÖPNV, muss man die gleichen Leute zum Jagen tragen.

  4. Heinertown 14. März 2015 / 20:38

    Der Artikel hat die Mentalität vieler Wähler der Grünen sehr schön beschrieben. Man setzt sich zwar für eine liberale Drogenpolitik ein, doch wehe Dealer oder Drogenabhängige verirren sich in die frisch sanierten Stadtvierte. ÖPNV nur wenn es einen gerade selber nicht beinträchtigt.

    • Carmen 14. März 2015 / 21:06

      Die aktivsten Unterstützer der Frankfurter Bürgerinitiativen gegen den Ausbau der Main-Weser-Bahn sind allerdings in der FDP…

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