„Die kurzen und die langen Jahre“

Ich hatte einmal einen Freund, der schrieb gern Briefe. Nächtelang saß er in seiner Dachwohnung mit den Fenstern in Kniehöhe und hackte auf seine Schreibmaschine ein. (Es waren die 80er des letzten Jahrhunderts, Computer noch selten und günstiger Wohnraum in Frankfurt hatte schon damals seine Tücken). Er zitierte lange Passagen von Max Frisch und Marx, meist verstand ich nur die Hälfte seiner Gedankengänge, aber ich war glücklich, eine der Adressatinnen zu sein. Er war mein bester Freund, aber es konnte passieren, dass ich nachts in die Nordend-Kneipe kam und er am Tresen saß und mich nicht beachtete. Ich hasste ihn dafür. Dann aber schrieb er mir wieder Briefe oder Postkarten und ich war versöhnt.

So ging das zwanzig Jahre. Dann war auf einmal Schluss, ohne Streit. Wir waren verabredet, er kam nicht, ich wartete und warte bis heute auf eine Erklärung. Manchmal denke ich, vielleicht sitzen wir in ein paar Jahren wieder zusammen in einem Café und reden über damals, als wir nachts mit dem Fahrrad durch die Stadt fuhren und das Einheitsfrontlied grölten. Es gibt Freundschaften, die enden nicht, sie leben im Verborgenen weiter.

Von einer langen und intensiven Freundschaft, deren Besonderheit nur in Briefen eingestanden wird, erzählt auch „Die kurzen und die langen Jahre“ von Thommie Bayer. Ich hatte fast vergessen, was für eine Freude das Lesen bereiten kann und welche Sinndimension ohne das Eintauchen in gute Literatur fehlt. Diese Geschichte einer „anderen Liebe“, die im Jahr 1974 beginnt und 2014 (nicht) endet, ist unbedingt lesenswert. Mehr zum Buch hier (Klick); mehr zum Autor auf der Homepage von Thommie Bayer (Klick).

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