Als die Menschen fliegen lernten…

ES begab sich aber eines Tages, dass die Menschen aus dem Frankfurter Norden, die täglich mit der S 6 nach Frankfurt und wieder zurück fuhren, für die jahrelangen Verspätungen der Bahn, die sie viel, viel Lebenszeit gekostet hatte, belohnt wurden: Eines kalten Winterabends, nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag stiegen die braven Menschen in Berkersheim am Bahnhof aus. Hier wunderten sie sich, dass weder Brücke noch Bahnunterführung ihnen den Weg über die Gleise nach Hause in ihre warmen Wohnungen wies. Da erschien ihnen ein älterer Herr mit grauem Haar und schelmigem Blick und rief: Auf, auf, die ihr keine Radfahrer und Automobilisten seid: Fliegt!

Da geschah das Wunder: Die Menschen, ob jung ob alt, mit Koffer oder Ranzen beschwert, hoben ihre Arme und flogen. Über die vier Gleise nach Hause in ihre friedlichen Dörfer Harheim und Nieder-Erlenbach.

Das ist die Fortsetzung einer Geschichte, die uns heute Hans Riebsamen in der Frankfurter Allgemeinen erzählt. Die Bahn habe in Berkersheim eine zu teure Bahnunterführung für die Zeit nach dem 4-gleisigen Ausbau der S-Bahnstrecke geplant. 30 Millionen Euro solle die Unterführung kosten: Für täglich 145 Autos und 294 Radfahrer!, betont Herr Riebsamen. Denn ein schienengleicher Bahnübergang ist über eine viergleisige Strecke nicht erlaubt und die derzeit den Überweg ermöglichende alte Holzbrücke ist nicht mehr sicher.

Aber 30 Millionen für eine Bahnunterführung, nein, sagt da das Bundesverkehrsministerium. Das ist zuviel, schimpft der Frankfurter Verkehrsdezernent Stefan Majer. Auf keinen Fall, ruft auch die letzte Freidemokratin in der Mainstadt. Deshalb plane die Bahn nun doch eine Brücke für acht Millionen Euro. So ein Aufwand wegen 145 Autos und 294 Radfahrer!, meint Herr Riebsamen.

Welche Autos? fragen sich die lieben Fahrgäste. Auf dem Berkersheimer Bahnweg ist der Durchgangsverkehr für Autos verboten, denn die kleine Nidda-Brücke vor Harheim hält nur dem Kleinbus und gelegentlichem Traktorverkehr stand. Deshalb darf nicht mal ein Taxi zum Bahnhof Berkersheim fahren, um die Menschen des Nachts abzuholen, wenn wegen der S6-Verspätung wieder mal der 25er Bus weg ist. Dann rollen die Menschen mit ihren Koffern 2, 3 Kilometer nach Hause, so ist das bei uns im Frankfurter Norden.

Fußgänger, die gibt’s noch? Herr Riebsamen schüttelt erstaunt den Kopf und plant eine neue investigative Story: Ein Minibus für zwei Dörfer und 9.000 Einwohner: Sind diese Kosten dem Steuerzahler zuzumuten?

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Wer sich für den Ausbau der S-Bahnstrecke von Frankfurt nach Friedberg interessiert, findet weitere Artikel von mir unter dem Stichwort Main-Weser-Bahn.

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2 Gedanken zu “Als die Menschen fliegen lernten…

  1. Jens Kornfield 15. November 2014 / 11:52

    Ich kenne das nur zu gut. Habe mehrere Jahre in Harheim gewohnt. Schon bissi blöde wenn man dann z.B. ein Rad dabei hat, schwere Einkaufstüten oder auf den Rollstuhl angewiesen ist. Dann steht man bis zu 18 Min. (MEIN persönlicher „Rekord“ tagsüber) an der Schranke und wartet sich die Beine in den Bauch.
    Klar das man dort etwas ändern muss, aber auch logisch das eine Unterführung sinnfrei wäre, eben weil dort kein Auto langfahren soll. Es gibt nämlich so Chaoten die brettern dort mit 50-80Km/h durch die Prärie und hinten an der Nidda fahren Radfahrer, kleine Kids Inliner, Omas & Opas gehen spazieren, Hunde laufen herum…..und dann bläst da so ein Vollhonk mit seiner Karre heran und es gab schon böse Unfälle.

  2. Carmen 15. November 2014 / 21:19

    Leider hat sich die Anbindung in den letzten Jahren noch verschlechtert. Der Bus fährt am Wochenende noch seltener und ist ungünstig getaktet. Auch unter einem grünen Verkehrsdezernenten hat der ÖPNV keinen Vorrang.

    Schade, dass Presse und Politik sich so wenig für den Frankfurter Norden interessieren. Ohne Ortskenntnis kann man aber keine sinnvolle Politik und keine gute Berichterstattung machen.

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