Fall Wevelsiep: Gericht verurteilt Polizisten

Das Wichtigste zuerst: Richter Peter Alexander Pulch vom Amtsgericht Frankfurt hat den angeklagten Polizisten Matthew S. wegen Körperverletzung im Amt zu 120 Tagessätzen á 70 Euro verurteilt.

Derege Wevelsiep hatte vor zwei Jahren Anzeige gegen die Polizei erstattet, weil er im Rahmen einer Personenüberprüfung gefesselt und geschlagen wurde. Sein Anwalt zeigte sich heute nachmittag mit dem Urteil zufrieden: Das Gericht habe mit diesem Urteil die Polizeigewalt gegen seinen Mandanten bestätigt. (Bericht des 1. Prozesstages hier)

Vernommen wurden heute ein Polizist, der am Abend in der Leitstelle Dienst hatte, zwei Ärzte des Katharinen-Krankenhauses, die Derege Wevelsiep nach dem Vorfall drei Tage stationär behandelt hatten, der Sanitäter, der am Abend in die Wohnung Wevelsieps gerufen wurde und die vier Kontrolleure, die das ganze Geschehen ausgelöst hatten.

Vieles lässt sich nach zwei Jahren nicht mehr klären, auch hatten die meisten Zeugen Erinnerungslücken. Fest stehe, dass die Polizei an diesem Abend in Frankfurt nicht viel zu tun hatte, meinte der Richter. Anders ließe sich der Einsatz von vier Polizisten und zwei Polizeiautos über mehrere Stunden wegen der angeblichen Beleidigung einer Fahrkartenkontrolleurin nicht erklären.

Die Kontrolleurin bestätigte ihren Ausspruch „Wir sind hier nicht in Afrika“, mit dem Felix Helbig in der Frankfurter Rundschau vor zwei Jahren die Geschichte aufgemacht hatte.

Von den verschiedenen Verletzungen wertete der Richter nur die Wunde am Kopf als eindeutig dem Vorfall zuzuordnen. Der Vorwurf, der Polizist Matthew S. habe den unbescholtenen Bürger Derege Wevelsiep mit der Faust ins Gesicht geschlagen, kann demnach als erwiesen gelten.

„Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte“ – mit diesen Worten äußerte der Richter abschließend seine Zweifel an den Schilderungen beider Seiten. Die Polizei hätte an diesem Abend bei der Durchsetzung ihrer Machtbefugnisse völlig überzogen. Zweifel an der Schilderung Wevelsieps, die die weiteren Verletzungen im Brust- und Nierenbereich erklären, begründete der Richter damit, dass Derege Wevelsiep sich nach der Tat an die Presse gewandt hatte.

Still leiden, Unrecht hinnehmen, nicht laut werden, keinen verbalen Widerstand gegen polizeiliche Übergriffe leisten, nicht selbstbewusst auftreten und keinesfalls auf seine bürgerlichen Rechte beharren – so in etwa sieht das glaubwürdige Opfer aus. Wer diesen Vorstellungen seitens öffentlicher Funktionsträger nicht entspricht, dem droht die Bezeichnung „renitent“, bzw. „ungezogen und frech“, wie die Kontrolleurin heute den Nebenkläger nannte. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die befragten Fahrkartenkontrolleure heute die Polizeibeamten mehrfach als ihre Kollegen bezeichneten.

Sicherheitshalber sollten temperamentvolle Menschen, die gelegentlich den ÖPNV nutzen, ein Päckchen Valium dabei haben – falls man solche Kontrolleure trifft.

(Alle Blogbeiträge auf UmamiBuecher zum Fall Wevelsiep: https://umamibuecher.wordpress.com/?s=Wevelsiep+)

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10 Gedanken zu “Fall Wevelsiep: Gericht verurteilt Polizisten

  1. Mausflaus 6. November 2014 / 20:59

    danke für den bericht! hört sich für mich nach nem guten urteil an.

  2. M 6. November 2014 / 21:06

    Gut, dass er verurteilt wurde, die Strafe ist m. E. jedoch zu milde.
    Dass Wevelsiep „mehr aus der Sache gemacht hat, als sie es eigentlich war„, finde ich allerdings ein Unding. Wenn man von Vertretern des Staates unangemessen behandelt wird, geschlagen wird und im Krankenhaus wieder aufwacht, ist das alles andere als eine kleine Sache.

  3. Heinertown 6. November 2014 / 22:26

    Die Strafe ist schon ziemlich saftig, 120 Tagessätze entsprechen immerhin 4 Monatsgehältern. Dazu kommen noch dienstrechliche Konsequenzen. Zudem wird das Urteil falls es rechtskräftig wird ins Führungszeugnis eingetragen. Ich bin da immer etwas kritisch wenn es darum geht sowas öffentlich zu machen. Einerseits erschwert dies die Ermittlungen und macht es dem Gericht schwer unvoreingenommen zu Urteilen. Andererseits, wäre das Verfahren höchstwahrscheinlich eingestellt worden wenn Wevelsiep nicht an die Presse gegangen wäre.

  4. freiedenkerin 9. November 2014 / 19:54

    Was die Beschreibung des glaubwürdigen Opfers betrifft, da gebe ich dir voll und ganz recht. Gut, dass der Polizist verurteilt wurde, die Strafe finde ich allerdings auch zu milde.

  5. Carmen 9. November 2014 / 20:04

    Vor allem die Tatsache, dass die beteiligten Polizisten nicht zur Verantwortung gezogen wurden, die schließlich mit ihren – allerdings ganz unterschiedlichen – Versionen des Abends ihren Kollegen geschützt haben, ist schlimm.

    Ich bezweifle, dass es ohne die vielen Prozessbeobachter zu einer Verurteilung gekommen wäre.

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