Prozessbeginn gegen Polizisten in Frankfurt

Der vorgesehene Gerichtssaal war zu klein, der Prozess gegen den Polizisten, der den Diplom-Ingenieur Derege Wevelsiep vor fast genau zwei Jahren krankenhausreif geschlagen haben soll, begann deshalb mit Verspätung. Auch wegen des großen Interesses der Medien, deren Fotografen den Angeklagten heute ausführlich ins Visier nahmen. Der 33-jährige, aus Gera stammende Polizeibeamte trug eine schmissige Fönfrisur und gab sich betont gelassen.

Für mich war es eine Premiere, bisher hatte ich Gerichtsverhandlungen nur über die Medien verfolgt. Es war eine spontane Entscheidung, mir den Angeklagten anzusehen, nachdem ich am morgen in der Frankfurter Rundschau vom heutigen Prozessbeginn las. Die Vorwürfe des aus Äthiopien stammenden Wevelsiep gegen die Kontrolleure der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) und die Polizisten hatten viele Frankfurter vor zwei Jahren sehr beschäftigt (Link zu meinem Artikel „Das ist nicht mein Frankfurt“ vom 6.11.2012)

Die Verhandlung begann mit der Verlesung der Anklageschrift, danach wurden bis zur Mittagspause der angeklagte Polizist, Derege Wevelsiep, die Schwester seiner Verlobten und die Verlobte Misale Solomon gehört.

Nach der Schilderung des angeklagten Polizisten wurde die Polizei am späten Abend des 17. Oktober 2012 von Kontrolleuren wegen Schwierigkeiten mit vermeintlichen Schwarzfahrern zur U-Bahnstation Bornheim Mitte gerufen. Als die vier Polizisten ankamen, trafen sie vier Kontrolleure, Derege Wevelsiep und seine Verlobte mit dem gemeinsamen Kind an. Eine Kontrolleurin habe Anzeige wegen Beleidigung gegen Wevelsiep erstatten wollen.

Nach Aussage der Zeugen Wevelsiep und Solomon stieg die Familie gemeinsam mit den Kontrolleuren an der Konstablerwache ein und wurde umgehend kontrolliert. Wevelsiep legte seine Monatskarte vor, die ab 19 Uhr zur Mitnahme eines weiteren Fahrgastes berechtigt. An der nächsten Station stieg Wevelsiep allein aus, um am Merianplatz etwas zu essen zu holen. Daraufhin wurde Frau Solomon erneut von den gleichen Kontrolleuren wie zwei Minuten zuvor kontrolliert und jetzt des Schwarzfahrens bezichtigt. Zwei Stationen nach Merianplatz, in Bornheim Mitte, stiegen Solomon und die Kontrolleure aus. Solomon rief Wevelsiep an und schilderte ihm die Situation. Dieser rannte die Berger Straße hoch, auf der sich alle drei U-Bahnstationen befinden, es handelt sich um eine Strecke von ungefähr einem Kilometer, und traf sicher außer Atem dort an. Das Kind war verängstigt und weinte. Wevelsiep fragte die Kontrolleurin, ob sie nicht sehe, dass das Kind weine. Die Kontrolleurin antwortete: „Wir sind hier nicht in Afrika!“ Wevelsiep sagte daraufhin: „Und wir haben nicht mehr 1942!“

Die Kontrolleurin kündigte daraufhin eine Anzeige wegen Beleidigung an, weil sie sich als Nazi beschimpft fühlte. Unstrittig ist auch, das Wevelsiep einen Siemens-Betriebsausweis und seinen Führerschein vorlegen konnte und dass außerdem ein Anruf bei der Leitstelle ergab, das Name und Adresse von Derege Wevelsiep richtig sind. Dennoch bestand die Polizei darauf, noch am gleichen Abend Wevelsieps Personalausweis zu sehen. Wevelsiep wurde gefesselt und nach Hause transportiert.

An dieser Stelle wird der Richter etwas ungehalten: Was liegt hier vor? Eine Beleidigung, die der Angeklagte selbst nicht einmal gehört hat, und deshalb muss man einen Mann fesseln?

Es sei sein Kollege gewesen, der die Notwendigkeit sah, Derege Wevelsiep zu fesseln, behauptete der Angeklagte.

Wevelsiep sagt, dass er von den Polizisten an diesem Abend von Anfang an geduzt wird und vom Angeklagten als Dummschwätzer bezeichnet wurde. Die Situation eskalierte nach Aussagen Wevelsieps, als der Angeklagte sagt: „Ich zähle jetzt bis zwei“ und Wevelsiep unmittelbar danach grundlos mit der Faust ins Gesicht schlägt. Danach legten ihm die Polizisten Handschellen an. Im Auto hätten die Polizisten überlegt, welche Geschichte sie sich zur blutenden Wunde einfallen lassen können. „Wir sagen, er hat sich am Blaulicht gestoßen“ lautete der Vorschlag eines der beteiligten Polizisten.

Der angeklagte Polizist heute sprach von einem „kleinen bisschen Blut“. Die Wunde habe sich Wevelsiep „durch Umdrehen“ während der Diskussion mit den Polizisten am Auto selbst zugefügt.

Für Wevelsiep endet die Fahrt mit Verletzungen, die einen 3-tägigen Krankenhausaufenthalt wegen der Gefahr innerer Blutungen nach sich ziehen.
Der Prozess musste heute mehrfach unterbrochen werden, weil Wevelsiep und seine hochschwangere Verlobte beim Erzählen der Erlebnisse emotional stark beteiligt waren.

Was mich sehr erstaunte, war die Frage des Richters, warum Wevelsiep die Presse eingeschaltet habe. Wevelsiep antwortete, dass er in seiner Heimat genug erlebt habe und dies in Deutschland nicht nochmal erleben wolle. Worauf der Verteidiger des Polizisten nach einer möglichen Traumatisierung Wevelsieps fragte.

Mein Eindruck war, dass der Angeklagte am Tatabend vom Selbstbewusstsein Wevelsieps genervt war. Die Prozessstrategie des Angeklagten und seines Anwalts scheint zu sein, Wevelsiep als erregt, wild und gefährlich darzustellen. Sehr unangenehm waren die Kollegen des Polizisten, die heute im Publikum saßen. Bei der Vernehmung einer Zeugin, die äußerst schwierig und wenig ergiebig war, ob aus Aufregung oder wegen Sprachschwierigkeiten, feixten und lachten die Polizeibeamten und waren sichtlich erfreut, dass von dieser verunsicherten Frau keine Gefahr für ihren Kollegen ausgeht.

Weitere Vernehmungen am Nachmittag habe ich nicht mehr hören können, verlinke aber zur Presse, sollte es hierzu ergiebige Artikel geben.

Der Prozess wird am 6.11.2014 fortgesetzt.

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6 Gedanken zu “Prozessbeginn gegen Polizisten in Frankfurt

  1. freiedenkerin 30. Oktober 2014 / 20:02

    Die Polizei, dein Freund und Helfer – das scheint immer weniger zuzutreffen, sobald es sich um Deutsche mit Migrationshintergrund bzw. Zuwanderer und Asylsuchende handelt.

  2. M 30. Oktober 2014 / 20:11

    Danke für die ausführliche Schilderung!
    Die Behauptung, Wevelsiep habe sich selbst verletzt, ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten. Wie hat er denn die übrigen Verletzungen erklärt? Soll Wevelsiep sich die alle selbst zugefügt haben?

  3. Carmen 31. Oktober 2014 / 12:39

    Der Polizist Matthew S. gestand noch ein, dass er Derege Wevelsiep den Kopf festgehalten habe, damit sie ihn fotografieren konnten. Nach Aussage von Wevelsiep hat er den Hals dabei so festgehalten, dass er kaum Luft bekam.

    Wenn die Polizeibeamten zusammenhalten, wird aber schwer zu belegen sein, dass der Angeklagte zugeschlagen hat. Gegen ihn ist bereits einmal eine Anzeige wegen Körperverletzung im Amt gestellt worden.

    Ich bin gespannt auf die Vernehmung der VGF-Kontrolleurin L. nächste Woche, durch die der gesamte Vorfall seinen Anfang nahm.

    Sehr empfehlenswert ist der Zwischenbericht der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) und der Kampagne für
    Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP) zur Verhandlung des Falls von Kläger Derege Wevelsiep am 30. Oktober in Frankfurt/Main.

  4. Heinertown 2. November 2014 / 13:27

    Danke für den ausführlichen Bericht. Wäre super, wenn Du auch vom zweiten Verhandlungstag berichten würdest. Leider ist immer wieder erschreckend wie dreist Polizisten vor Gericht auftreten und damit durch kommen.

  5. Maschendrahtzaun 4. November 2014 / 20:05

    Polizist böser weißer Mann; Wevelsiep guter ehrlicher benachteiligter schwarzer Mann. Welt einfach.

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