Wer war Karin Struck?

Beim Zappen gestern Abend bin ich beim hr-fernsehen („Die legendärsten Talks und Interviews“) gelandet und habe dort Karin Struck wieder gesehen. Gezeigt wurde eine Szene aus 1993, als Karin Struck in die NDR-Talkshow eingeladen war und dort mit der damaligen Bundesministerin für Frauen und Jugend Angela Merkel über Abtreibung stritt. Das Video, in dem sich Karin Struck das Mikrofonkabel vom Körper zu reißen versucht, wozu sie schließlich ihre Strumpfhose auszieht, und wütend eine Wasserkaraffe ins Publikum wirft, ist heute noch auf you tube zu sehen.

Bei der gestrigen Sendung, die nach einer Zusammenstellung der skandalösesten TV-Liveszenen der letzten Jahrzehnte jeweils Prominente als Kommentatoren zu Wort kommen ließ, äußerste sich die grüne Claudia Roth und sagte etwas wie: Ja, die war halt eine extreme Abtreibungsgegennerin.

Karin Struck war viel mehr.

Ihren Roman „Klassenliebe“, den sie im Alter von 25 Jahren schrieb, habe ich Anfang der Achtziger in einem Frankfurter Antiquariat gefunden und er war für mich eine Offenbarung. Ein ganzer Roman über Frauen wie mich, der nicht im Selbst- oder Kleinverlag erschienen war, sondern bei Suhrkamp! Ich legte damals jedem Freund und jeder Freundin das Buch ans Herz. Ich fragte nach: Hast du es gelesen und wie findest du es, verstehst du jetzt, was ich meine? Öfter hörte ich: Natürlich, sie sagt das Gleiche wie du. Aber besser! sagte ich dann. Manchmal hörte ich auch: Du kokettierst. Was soll daran Besonderes sein: Arbeitertöchter an der Uni, warum solltest du dich dort fremd fühlen.

Das eigene Erleben zum literarischen Thema machen, entsprach dem Zeitgeist in den Siebzigern. Wenn frau im Rahmen blieb. Als Karin Struck beim Ingeborg-Bachmann-Preis vorlas, wurde sie von Reich-Ranicki zusammengestaucht: „Wen interessiert schon, was die Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert? Das ist keine Literatur – das ist ein Verbrechen.“ (Link zur SZ)

Ich habe später noch einige Romane von Karin Struck gelesen. Aber ihre zunehmende Verherrlichung der Mutterrolle stieß mich ab. Nachdem der Suhrkamp Verlag sich von ihr trennte, fand sie einen neuen Verlag, konnte aber nicht mehr an ihre früheren Erfolge anknüpfen. Nach einer erfolgten Abtreibung – sie hatte bereits vier Kinder – erklärte sie diese zur Ursache ihres emotionalen Unglücks und schreibt in der Folge vorwiegend über diese Erfahrung.

Mich hat das Wiedersehen in der alten Filmszene dennoch sehr berührt. Warum sie sich wohl in diese Situation begeben hat, so verletzlich wie sie war, trotz ihrer unglaublichen Wut? Was bleibt: Karin Struck hat mit ihrem ersten Roman „Klassenliebe“ vielen jungen Studentinnen, die aus Arbeiterfamilien stammten, eine Stimme gegeben – die einzige. 2006 ist sie an Krebs gestorben.

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2 Gedanken zu “Wer war Karin Struck?

  1. Peter Brunner 18. Juni 2014 / 18:14

    Na ja, nicht so ganz einzig. Was ist z. B. mit Ulla Hahn?

    • Carmen 18. Juni 2014 / 18:49

      Ich habe Ulla Hahns Biographie gelesen, die fast 30Jahre nach Klassenliebe erschien, und erinnere mich, dass sie vom engstirnigen katholischen Milieu ihrer Kindheit erzählte. Das Arbeitermilieu der späten 60er und 70er, das Karin Struck meint – und ich auch – war durchaus selbstbewusst. Thema war deshalb bei diesen Arbeitertöchtern auch das Gefühl, durch den Bildungsaufstieg die eigene Herkunft zu verraten.
      Ich bin übrigens eine große Liebhaberin von Ulla Hahns frühen Gedichten.

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