Ludwig-Börne-Preisverleihung 2014

„Reichtum macht dein Herz schneller hart, als kochendes Wasser ein Ei.“ (Carl Ludwig Börne, 1786 – 1837)

Paulskirche Ludwig-Börne Preisverleihung 2014
Paulskirche Ludwig-Börne Preisverleihung 2014 – Erste Reihe mit Samuel Korn, Christian Berkel, Andrea Sawatzki und Oberbürgermeister Peter Feldmann

Die Ludwig-Börne-Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche kann ein intellektuelles Highlight sein, zum Beispiel wenn Götz Aly oder Peter Sloterdijk den Preis entgegennehmen und ihre Zuhörer herausfordern. Oder wenn Harald Schmidt eine Laudatio auf Alice Schwarzer hält.

Der unterhaltsamste Vortrag bei der heutigen Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an Florian Illies war eine Tischrede, die Marcel Reich-Ranicki 2003 anlässlich der Verleihung des Preises an George Steiner gehalten hatte und die der Schauspieler Christian Berkel in Erinnerung an den, im vergangenen September verstorbenen, Literaturkritiker vortrug. Darin erzählt Reich-Ranicki, wie er sich Jahre bemühte, George Steiner als Autor für die FAZ zugewinnen: „Sie dürfen über alles schreiben und sie dürfen soviel schreiben, wie sie wollen!“ beschwor er – vergeblich – den Literaturwissenschaftler, Philisophen und Kulturkritiker Steiner in einem Brief. Man hörte die Stimme und den Duktus von Reich-Ranicki, so bravourös trug Christian Berkel die Rede vor.

250514 LBP Christian Berkel

Den diesjährigen Preisträger hatte Martin Meyer, Feuilleton-Chef der Neuen Zürcher Zeitung vorgeschlagen. Florian Illies wurde im Jahr 2000 mit seinem Buch „Generation Golf“ bekannt, sein neuesten Buch „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ ist sehr erfolgreich und wurde von den Kritikern gelobt. So bezeichnet zum Beispiel Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung das Buch als „schönes Lesebuch“ und als „gewaltigen Teaser, der Lust darauf macht, sich mit den Hervorbringungen dieser schöpferischsten Phase der noch jungen Moderne zu beschäftigen. (…) Vielleicht will uns Florian Illies, der empfindsame Diagnostiker des Zeitgeistes, mit seiner Installation nur eine einfache Wahrheit vor Augen führen: Solche Herrlichkeiten, solcher Reichtum können über Nacht zugrunde gehen, kein Friede, kein Wohlstand ist sicher vor dem Weltkrieg. 1913 wäre dann das opulenteste Buch zur Krise.“ (wikipedia)

In seiner Dankesrede erzählte Florian Illies von seiner ersten Begegnung mit Ludwig Börne: Nach dem Besuch eines germanistischen Proseminars war er auf dem Weg zum Bahnhof in einem Antiquatiat auf Börnes „Das Schmollen der Weiber“ gestoßen. Nach der Lektüre gewann er den im Seminar verlorenen Spaß an der Literatur zurück und wechselte umgehend das Studienfach.

Umso erstaunlicher war es dann, dass Illies die Gelegenheit in der Frankfurter Paulskirche zu sprechen, nicht dazu nutzte, um einen intellektuellen Beitrag zur aktuellen gesellschaftlichen Situation zu formulieren, z.B. in dem er am Tag der Europawahl ein paar Gedanken zur politischen Situation äußert. Stattdessen hielt er – im Stil eines Proseminars – einen Vortrag über Ludwig Börnes Gefühle für Goethe. Ich vermute stark, dass es nur wenige Zuhörer heute interessiert hat, ob Börnes Hass auf Goethe enttäuschter Liebe entsprang.

Oberbürgermeister Peter Feldmann hat in seiner Begrüßungsrede geäußert, dass er sich freue, dass diesmal ein Junger und Frischer den Preis erhalten hat: Nein, lieber Peter, das täuscht. Sloterdijk ist frischer.

Michael Gotthelf übergibt Florian Illies die Urkunde
Michael Gotthelf übergibt Florian Illies die Urkunde
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3 Gedanken zu “Ludwig-Börne-Preisverleihung 2014

  1. spbrunner 26. Mai 2014 / 10:04

    Das ist aber eine Einschätzung, die nur mit unzureichender Börne-Lektüre zu erklären ist. Der Goethe/Börne-Konflikt ist zutiefst politisch; Börne zürnte, dass der Olympier seinen Einfluss nie zu politischer Intervention genutzt hat. Das ist auch der Kern des Konflikts mit Heine: für Börne ist Schreiben immer Mittel zum Zweck, und deshalb kann er weder Heines noch Goethes Selbstverliebtheit akzeptieren. Ich denke, die beiden Reden werden bei Gelegenheit nachlesbar sein, dann vielleicht noch mal mehr dazu.

  2. Carmen 26. Mai 2014 / 10:37

    Danke für Ihren Kommentar. Ich war ein wenig enttäuscht gestern, da ich mir erhofft hatte, das der Autor nach seinem Rückblick auch einen Vorausblick oder wenigstens einen aktuellen Bezug wagt.

    Aber Sie haben recht: Ich muss unbedingt mal wieder Börne lesen.

  3. spbrunner 26. Mai 2014 / 10:45

    Ja: „Als Pythagoras seinen beruehmten Lehrsatz entdeckte, opferte er den Goettern eine Hekatombe*. Seitdem zittern die Ochsen immer, wenn eine neue Wahrheit ans Licht kommt.“ (Ludwig Boerne) * ein Tieropfer

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