Rückkehr zu G9 in Hessen: Wie, was, wer?

Letzte Woche hat die schwarz-grüne hessische Regierung beschlossen, dass auch 5., 6. und sogar 7. Klassen, die seit mehreren Jahren unter G8- Bedingungen das Gymnasium besuchen, zur verlängerten Schulzeit zurückkehren können.

Ich dachte zuerst, das wird meine Tochter, die in die 6. Klasse eines G8-Gymnasiums geht, nicht betreffen, denn im Brief des hessischen Kultusministers an die betroffenen Eltern steht:

„Ein Wechsel eines laufenden Jahrgangs findet statt, wenn sich die Eltern in der anonymisierten Befragung einstimmig dafür ausgesprochen haben.“ (Schreiben von Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister, vom 5.3.2014)

Damit ist nicht zu rechnen, denn vielen SchülerInnen in dieser Klasse geht es ziemlich gut. Von unerträglichem Stress kann keine Rede sein. Für uns war bei der Entscheidung für dieses Gymnasium damals vor allem der kurze Schulweg ausschlaggebend, denn was nützt uns ein G 9-Gymnasium, wenn das Kind die gewonnene Zeit in der S-Bahn sitzt, dachten wir damals. Dazu kommt, dass wir unsere Tochter, die im November geboren ist, spät eingeschult haben. Sie wird also auch mit G 8 fast 19 Jahre alt sein, wenn sie ein Studium oder eine Ausbildung beginnt. (siehe auch meinen Artikel G8 oder G9? – Hauptsache glücklich)

Beim Elternabend vor einigen Tagen zeigte sich dann, dass die Formulierungen des Ministers unterschiedlich verstanden werden und die Einschätzung des Elternwillens der 6. und 7. Klassen schwierig ist. Denn die Schulleitung hob hervor, dass es die Schulkonferenz ist, die vorab entscheidet, ob ein Wechsel bereits laufender G 8-Jahrgänge in die verlängerte Schulzeit einbezogen wird. Sollte sich diese zur Rückkehr zu G 9 entscheiden, ein kleiner Teil der Eltern aber auf G 8 bestehen, bürge das viele Schwierigkeiten, z.B. eine eingeschränkte Wahlfreiheit, unter Umständen müssten dann Schüler mit Französisch als zweite Fremdsprache für diese Fächer ein Gymnasium in einem anderen Stadtteil aufsuchen. Dabei fiel mehrmals die Zahl von 16 SchülerInnen, für die man eigens eine G 8-Klasse gründen müsse. Mir scheint diese Zahl bei einem Jahrgang von 180 Kindern mehr als unwahrscheinlich, zeigt aber jetzt schon, in welche Richtung die Diskussion geführt wird.

Bei meiner Recherche, wie denn nun das Schreiben des Kultusministeriums zu verstehen sei, bin ich auf die aktuelle Presseerklärung der SPD im hessischen Landtag gestoßen:

„Die SPD begrüßt grundsätzlich, dass die meisten der jetzigen Fünft-, Sechs- und auch Siebtklässler, eine Rückkehroption zu G9 erhalten. Mit dem Gesetzentwurf ist der Weg für die Schulen nun möglich, aber nicht frei. (…)

Falls die Schulkonferenzen einen Beschluss zur Rückkehr fassten, falls sich die Eltern einstimmig für die Rückkehr entscheiden oder zumindest eine G8-Klasse an der Schule zusammenkomme und falls die Schulen schnell ein pädagogisches Konzept aus dem Hut zaubern, erst dann ziehe die Option.“ (Link zur Presseerklärung des bildungspolitischen Sprechern der SPD-Landtagsfraktion Christoph Degen: „Gesetzentwurf wälzt Verantwortung für die G9-Rückkehr auf Schulen ab“)

Eines ist auf jeden Fall jetzt schon sicher: Die Diskussion um die Rückkehr zu G 9 der 5., 6. und 7. Klassen und die Organisation eines Schulalltags, der für mehrere Jahrgänge beide Optionen anbieten muss, wird für Schule und Eltern eine große Herausforderung. Die schwarz-grüne Regierung hat es sich hingegen leicht gemacht.

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Ein Gedanke zu “Rückkehr zu G9 in Hessen: Wie, was, wer?

  1. LOB 9. März 2014 / 13:43

    Mir fällt dazu nur noch ein – die Halbwertzeit solcher Reform ist erschreckend gering und das ganze wird letztendlich auf dem Rücken der Kinder ausgetragen – was hat sich mit dem einen und anderen Beschluss für die Schüler verbessert? Statt Kontinuität wird experimentiert, das gab es schon ein Mal in Hessen (Friedeburg) und die Qualität des Unterrichts hat darunter gelitten. Bildung wird zum Willkürakt politischer Interessen. Ich bewundere die Kinder, die diesem Hickhack stoisch gegenüberstehen und sich nicht verwirren lassen!

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