Lehrer im Neuland oder: „Mailen bitte nur, wenn keine Briefmarke zur Hand“

Anfang des Jahres habe ich einen Kurzurlaub in einem kleinen Hotel in Nordhessen verbracht, 4 Sterne mit Schwimmbad und Sauna im Sonderangebot. Ein paar Tage vor der Hinreise fiel mir ein, dass es gut wäre, auf dem Zimmer einen Wasserkocher zu haben. Also schrieb ich eine Mail und fragte nach, ob das möglich wäre. Ich bekam keine Antwort. Als wir im Hotel ankamen, fragte ich an der Rezeption nach, ob sie meine Mail erhalten hätten. Ja schon, aber wenn ich eine Antwort wollte, sollte ich besser anrufen.

Im August sind es 30 Jahre her, dass in Deutschland die erste E-Mail empfangen wurde, aber die Vorstellung, dass eine E-Mail kein ernst zunehmendes Kommunikationsmedium ist, hält sich noch in manchen provinziellen Gegenden. Aber nicht nur dort. Überall wo die Zusammenarbeit stark hierarchisiert ist, also vor allem in öffentlichen Verwaltungen und Institutionen, tun sich die Menschen mit den demokratischen Kommunikationsformen schwer.

In der Grundschule meiner Tochter gab es eine Anweisung der Direktorin, dass die Lehrerinnen ihre E-Mail-Adressen nicht an die Eltern weitergeben dürfen. Kontaktversuche mussten per Eintrag in ein Schulheft der Kinder stattfinden, auch über die Telefonnummer der Lehrerin verfügte nur der Elternbeirat.

Die weiterführende Schule, die meine Tochter inzwischen besucht, ist online. Ein Intranet verbindet die Schulgemeinde und ermöglicht so die schnelle, effiziente und transparente Kommunikation. Sollte man meinen. Allerdings scheinen viele Lehrer die Auffassung der o.g. Hotelangestellten zu teilen: Ich empfange, aber ich fühle mich nicht verpflichtet, zu antworten. Die Schule nutzt das neue Medium als Verbreitungskanal, Teile des Kollegiums missachten dabei aber das dialogische Prinzip.

Wie kann ich denn mit einem Lehrer Kontakt aufnehmen, wenn er auf meine E-Mail nicht antwortet, wollten bei einem Elternabend einige wissen. Der Vorschlag der Lehrerin: „Man könnte die E-Mail ausdrucken und dem Kind mitgeben.“

Willkommen im Neuland!

P.S. LehrerInnen, die sich im Bereich Neue Medien weiterbilden wollen, finden im Chaos Computer Club Unterstützung, Untergruppen gibt es in vielen Städten, auch in Frankfurt.

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11 Gedanken zu “Lehrer im Neuland oder: „Mailen bitte nur, wenn keine Briefmarke zur Hand“

  1. LOB 7. März 2014 / 09:41

    Interessante Erfahrung, die sich nicht mit meinen Erfahrungen decken. Mit den Lehrern meines Sohns (15) läuft der Kontakt per Email, Einladung zu Elternabenden, kurzfristige Exkursionen werden via Email an alle Eltern kommuniziert und der Bedarf für die anstehende Agenda abgefragt. Kritik wird so zeitnah innerhalb von 24 Std. beantwortet und Missverständnisse ausgeräumt. Wenn was ansteht, weiß der Lehrer mich und ich ihn zu erreichen. Sollte eigentlich Standard sein. Und es gibt auch Eltern, die ihre Mails nur einmal wöchentlich abrufen und sich dann wundern, wenn sie was verpasst haben.

    • Carmen 7. März 2014 / 10:29

      Auch an der Schule meiner Tochter wissen viele Eltern und Lehrer die neuen Medien sinnvoll einzusetzen. Aber die Medien- oder eher Sozialkompetenzen sind sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt offenbar Eltern, die per Mail grenzüberschreitend bis beleidigend kommunizieren und es gibt Lehrer, die generell keine E-Mail beantworten und sich gar nicht bewusst sind, wie unhöflich das ist.

      Dazwischen die SchülerInnen, die pausenlos via whatsapp ihre Nachrichten checken:

      “Hi” – “Hi!” – “Was machstn so?” – “Chillen, und du” – “Ich auch :))”

      • LOB 8. März 2014 / 11:40

        Die Schule meines Sohns verschickt wöchentlich einen Newsletter und die Vertrauenslehrer/ Mentoren sind per Mail zuverlässlich zu erreichen. Ansosnten haben die Schüler die Handys, von Schulbeginn bis Ende abzuschalten – handyfreier Schulhof. Seit Neuestem wird diskutiert eine Handyecke einzurichten, ich bin gespannt auf den Ausgang der Diskussion mit den Lehrern.

  2. Michael Veeser-Dombrowski 7. März 2014 / 11:46

    Habe viele unterschiedliche Erfahrungen:
    a) Als Vater von zwei schulpflichtigen Kindern kenne ich schnelle und unkomplizierte Kontakte aber auch dauerhafte Nicht-Antworten auf meine Mails an Lehrer/innen. Letzteres ärgert und macht mich dann auch entsprechend deutlicher gegenüber den Lehrkräften. Gelegentlich bleibt am Schluss nur der vermeidbare Weg über das Schulsekretariat und/oder die Schulleitung.
    b) Selbst bin ich Lehrer an einem Berufsschulzentrum und antworte gerne per Mail auf Anfragen, Rückfragen und Anregungen – viel lieber als mich in den Pausen zusätzlich anstrengen zu lassen oder am Telefon. – Teile meiner Kolleginnen und Kollegen reagiere aber auch nur zögerlich auf e-Mails. Schade.

    Wichtig finde ich Absprachen, wie der Kontakt zwischen Erziehungsberechtigten und Lehrkräften stattfinden kann. DASS er stattfinden soll – im Interesse einer Erziehungspartnerschaft und für den Erfolg der Schülerinnen und Schüler – das finde ich offensichtlich.

    • Carmen 7. März 2014 / 13:50

      Ja, das sehe ich auch so.

      Ich finde auch, dass Mails die unkomplizierteste Form der Kommunikation sind, wenn es um einfache Absprachen geht. Aber wie man mit diesem Medium umgeht, muss gelernt werden. Ich habe vor einigen Jahren auch viel zu oft die cc-Funktion benutzt, ein klassischer Anfängerfehler in der Mail-Kommunikation, der zu viel sinnloser Aufregung in einer Community führen kann.

  3. schneeschmelze 7. März 2014 / 17:05

    Wichtiges Thema. Wenn ich den Rat, eine E-Mail an den Lehrer auszudrucken und dem Kind mitzugeben, in einem Elternabend erhalten hätte, würde ich mich vor allem fragen, was mein Kind bei so einem Lehrer überhaupt noch lernen sollte?

    Zwar habe ich auch ganz andere Erfahrungen gemacht – weiß aber auch, daß die technisch kompetenten Lehrer es schwer haben gegenüber der Mehrzahl ihrer Kollegen. Sie – und wir hier – sind im normalen Schulalltag die Exoten, nicht umgekehrt die Neuländer. Schon bei vielen Referendaren hakt es bei den einfachsten Dingen. – Vllt. darf ich das noch sagen: Ich mache seit über drei Jahren Lehrerfortbildungen zum Web 2.0 und kenne das alles – bei Bedarf helfe ich Euch gerne weiter. 😉

    • Carmen 9. März 2014 / 07:29

      Danke Jürgen, jetzt müssen die LehrerInnen nur noch ihren Fortbildungsbedarf anerkennen 😉

      Ich werde unseren Elternbeirat bitten, in den Gremien die Notwendigkeit der Medienkompetenz nicht nur für Kinder und Eltern sondern auch für Lehrer zu thematisieren. In einer E-Mail an die Schulleitung habe ich das bereits getan. Dein freundliches Angebot werde ich dem Elternbeirat ebenfalls weiterleiten.

      • schneeschmelze 9. März 2014 / 13:20

        Danke Dir sehr! Und Du hast natürlich Recht: Diejenigen, die es am nötigsten hätten, nehmen nur selten an solchen Fortbildungen teil. 😦 Wahrscheinlich wird sich das erst mittelfristig ändern, wenn die nächsten Generationen in den Schuldienst eingestellt werden.

  4. freiedenkerin 9. März 2014 / 10:26

    Ich finde auch, daß die E-Mail eine sehr unkomplizierte Form der Kommunikation ist. Ich verwende sie sehr häufig, um die für die Einteilung zuständigen Disponenten des Arbeitgebers aufmerksam zu machen, wenn ich einen bestimmten Tag frei haben, oder auch mal einen zusätzlichen Tag arbeiten möchte. Doch diese Kommunikation verläuft stets sehr einseitig, auf meine Mails habe ich bis zum heutigen Tag nie eine Antwort bekommen.

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