G8 oder G9? – Hauptsache glücklich

„Die Klassen sind überfüllt! Es gibt Klassen, die bis zu 40 Schüler haben! Das muss abgeschafft werden, denn es ist verständlich, dass so die Aufmerksamkeit sinkt. (…)

Und nun zur Schulordnung: Sie ist so ziemlich das Idiotischste (um mich mal primitiv auszudrücken), was es in der Schule gibt. Denn Verbote, die wir Schüler bekommen, werden vom Lehrer selbst übertreten. Denken wir nur an das Kaugummikauen. Wenn ein bestimmter Lehrer (ich möchte keinen Namen nennen) unsere Klasse betritt, kaut er mit offenem Mund, was ziemlich unappetitlich wirkt, auf einem Kaugummi herum. Ist das ein Vorbild? Das Gleiche ist es beim Kreide werfen. Werfen Schüler mit Kreide, bekommen sie einen Eintrag ins Klassenbuch. Lehrer rufen aber mit dieser ordinären Methode Schüler zur Ordnung. (…)

Manchmal werden wochenlang keine Arbeiten geschrieben und dann plötzlich drei bis vier in einer Woche. Mehr als eine Arbeit in der Woche ist nicht zu verantworten! Außerdem bin ich gegen Hausaufgaben. Denn damit wollen die Lehrer nur das Pensum, das sie in der Schule nicht erreicht haben, nachholen.

Auch Nachmittagsunterricht oder Ganztagsschule finde ich nicht gut, denn Schüler haben sowieso wenig Freizeit. Der Stress macht uns krank!“

Dieser Text stammt von einer 14-jährigen Schülerin. Geschrieben und in der Jubiläumszeitschrift einer Mittelpunktschule veröffentlicht wurde er 1976. Der an Übertreibungen und Zuspitzungen nicht arme Aufsatz hat die spätere Berufswahl des Mädchens nachhaltig beeinflusst. Denn als körperliche „Spätentwicklerin“, noch dazu rothaarig, waren die Lacher nach der respektlosen Lehrerkritik Balsam auf die geschundene pubertäre Seele.

Wichtiger als die berufliche Selbstverwirklichung war dem Mädchen damals aber die Freiheit. Also absolvierte sie nach der mittleren Reife eine Ausbildung und zog zu Hause aus. Fünf Jahre später, mit dem „elternunabhängigen Bafög“ holte sie das Abitur am Abendgymnasium nach und studierte. Solche Bildungswege sind nicht schlechter als die geradlinigen. Für mich war er auf jeden Fall der Richtige.

Der morgendlichen Suche nach dem alten, vergilbten Jubiläumsheftchen meiner Schule vorausgegangen, sind die Medienberichte über die Rückkehr zu G 9 in Hessen. Wie die meisten Eltern bin ich auch gegen die Einführung der verkürzten Gymnasialzeit gewesen, nachdem ich die Berichte über gestresste Kinder gelesen habe, denen die Zeit fehlt für den Sportverein, fürs Musik machen oder zum Freunde treffen und die ihren Schulalltag wie Zombies bewältigen. Inzwischen hat meine Tochter schon 3 Halbjahre auf einem G8-Gymnasium hinter sich. Ihr Leben nach der Grundschule hat sich verändert, aber nicht zum Schlechten. Sie hat viele neue Freundinnen, die in anderen Stadtteilen leben, deswegen sind Treffen am Nachmittag schwierig. Die täglichen Hausaufgaben sind maßvoll, vor Schularbeiten lernt sie – allein, ohne mich. Ihre Noten sind okay. Sie ist entspannter, als ich es je in meiner Kindheit war. Vor einigen Tagen hat sie mir einen Deutsch-Aufsatz vorgelesen, abgesehen von der Lehrerschelte war der Tenor ungefähr der Gleiche wie der obige Text.

Vor wenigen Wochen lief im ZDF die Sendung „37 Grad“ unter dem Titel „Schüler in der Leistungsfalle -Durchgeplant und ausgebrannt“. Er zeigt ziemlich deutlich, wo das Problem wirklich ist: Bei den ehrgeizigen Eltern. Wenn ein Kind keine Lehrer-Empfehlung für das Gymnasium bekommt, sollte man zumindest kein G8-Gymnasium in Betracht ziehen. Es gab und gibt viele Wege zum Abitur.

Ein Bildungsweg ohne Umwege ist kein Garant für ein erfolgreiches Leben. Aber eine glückliche Kindheit ist eine wichtige Ressource für eine stabile Persönlichkeit. Sich Zeit für seine Kinder zu nehmen, hilft ihnen mehr als ein Nachhilfelehrer. Die gesellschaftliche Entwicklung zur Vollzeitarbeit beider Eltern, die durch die Ganztagsbetreuung der Kinder ermöglicht wird, ist für viele Heranwachsende ein nicht zu unterschätzender Stressfaktor.

Die Schule meiner Tochter wird auch zu G 9 wechseln. Ob auch ihre Klasse wieder ein Jahr länger lernt, ist noch ungewiss, denn der Beschluss zur Rückkehr auch der 6. und 7. Klassen muss von den Eltern einstimmig getroffen werden. Meine Tochter fürchtet, dass ihre Freundinnen und sie dann auseinander gerissen werden. Ich bin gespannt, wie die Diskussion in der Klasse geführt wird.

(Weitere Artikel zum Thema: „Ganztagsschule? Nein, danke“ und „Marktkonformer Großraumfeminismus“)

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Ein Gedanke zu “G8 oder G9? – Hauptsache glücklich

  1. freiedenkerin 1. März 2014 / 12:57

    Wenn ich mich nicht irre, dann wird es hier in Bayern demnächst eine Volksabstimmung geben, für oder gegen die Selbstbestimmung der Schüler/innen, entweder ein G8 oder das G9 machen zu können.

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