„Vom Schweben – Romantik im Digitalen“

Ich bin alles andere als eine „digital native“ und doch entdecke ich an mir vermehrt Verhaltensweisen, die gemeinhin Jüngeren nachgesagt werden: Ich bin fast den ganzen Tag online, allerdings nicht mit dem Mobiltelefon, sondern mit dem Laptop oder dem Tablet. Ich lese immer weniger Bücher – eine Aussage, die angesichts meines Blog-Namens fast einer Beichte gleichkommt – und wenn, lese ich Sachbücher, besonders gerne solche, die vom Internet handeln.

Wir Inter-Netzer lesen ja nicht weniger als die Off-Leiner, aber unsere Ansprüche sind höher. Kürzlich habe ich mich mal wieder an einem Roman versucht: „Der Frisör und die Kanzlerin“ von Eduardo Mendoza , aber dann war mir nach der Hälfte langweilig. Mit dem Gedanken „Warum braucht der so viele Seiten für diese Geschichte“ legte ich das Buch weg und schaute nach, was meine Twitter-Gemeinde heute empfiehlt. Wie meist, waren das Zeitungs- oder Blog-Artikel zu politischen Themen.

Aber ein Buch, oder eher Büchlein, habe ich in den letzten Wochen mit großem Genuss gelesen: „Vom Schweben. Romantik im Digitalen“ von Alexander Pschera. Es ist kein Buch, das zuhause auf dem Sofa gelesen werden will, sondern in einem Café mit Blick auf vorbei eilende Menschen oder auf einer Bank am Fluss oder im Zug. Wenn man die Lektüre unterbricht, sollte man in die Ferne sehen können: So ein Buch ist das.

Es ist in der gleichen Reihe erschienen wie Byung-Chul Hans „Im Schwarm“, aber Alexander Pschera hält die Metaphorik des Wassers („Surfen“ und „Schwarm“) für überholt. Heute sei mit der Cloud, der Wolke, das Netz besser beschrieben:

„Das Meer hat bei aller Entgrenzung eine feste, erkennbare Form. Die Wolke dagegen ist ephemer, gestaltlos. Sie bildet sich ständig neu. Sie mäandert und zerfließt. Entkörperung in einer Wolke ist Entindividuation im Gestaltlosen.“

Pschera, der Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft studiert hat, lotet in seinem Buch die Möglichkeiten aus, „das Analoge mit dem Digitalen zu versöhnen“. Und wie er von der Rehabilitierung des Idioten („Wir sind die Trottel an der Dorfecke des Global Village“), über den Unterschied von Style und Stil und die Würde des Scheiterns schreibt, ist unbedingt lesenswert.

„Der wesentliche Verlust im Raum des Digitalen ist der Verlust von Würde als Selbstbestimmung und der Verlust von Stil als einer personalen Weise des Sagens.“

Aber:

„Der Mensch, der sich der Technik aussetzt und ihr seine Gestalt entgegensetzt, bringt diese Würde wieder zum Vorschein. In einer Welt, in der die Bedienung eines Schlagbohrers oder eines Wagenhebers mehr Bewunderung hervorruft als das Verfassen von Gedichten, kann sich Würde als ein Ballett des Scheiterns, als ein Tanz der Idioten artikulieren.“

Das Buch schließt optimistisch mit einem Vorschlag, wie wir mit dem Internet ein gutes Leben führen können. Das digitale Zeitalter fordere vom Menschen nicht mehr Selbstbeschränkung sondern Selbstbeherrschung, um aus der Entfremdung eine Verfremdung zu machen:

„Die Strategie gegen die Körperlosigkeit des Wirklichen besteht darin, die Form des technischen Verstehens zu verweigern und in einem ästhetischen Akt die digitale Wirklichkeit als ein Theater zu begreifen, das uns dabei helfen kann, die technisch transformierte Welt besser zu verstehen. (…) Auf eine Welt der verschwindenden Wirklichkeit mit Pessimismus und mit Zorn zu reagieren, mit Abscheu oder mit Verzweiflung, fällt leicht. Aber ist das die Aufgabe des Denkens? Ist ein solches Denken noch frei? Verstrickt es sich nicht in Bitterkeit? Die Kunst der ironischen Selbstbeherrschung erweist sich erst in den Weiten der digitalen Landschaft. Hier ist sie es, die zur Versöhnung beitragen kann.“

Alexander Pschera: „Vom Schweben – Romantik im Digitalen“, Matthes und Seitz, 95 Seiten, 10 Euro

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3 Gedanken zu “„Vom Schweben – Romantik im Digitalen“

  1. Andreas Lichte 6. Februar 2014 / 14:01

    „Und habe mir ein schwarzes, dickes Heft gekauft und ausgeschnittne weiße Tauben draufgeklebt und möchte einen Anfang schreiben: ich heiße somit Doris und bin getauft und christlich und geboren.“

    „Der Brenner hat mir eine Kette aufgezogen aus Holzperlen. Es sind rote und herrliche und grüne Farben und zusammengestellt mit einem Sinn. Und er ist doch blind. Ich bin ja kein Idiot und habe meinen Ehrgeiz, aber ich habe geweint vor Freude, weil es nämlich selten vorkommt, daß einem einer hinterher noch was schenkt.“

    (es hat geklappt, ich habe dir „Das kunstseidene Mädchen“ auswendig vorgetragen, das kannst du übrigens auch ganz wunderbar im Bücherladen tun …)

  2. Andreas Lichte 10. Februar 2014 / 01:18

    … jetzt, da du mir ein Gedicht und einen Lieblingssatz schenkst, muss ich wieder an Irmgard Keun denken – Doris, „Das kunstseidene Mädchen“:

    „Ich hatte ein Gefühl ein Gedicht zu machen, aber dann hätte es sich womöglich reimen müssen und dazu war ich zu müde.“

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