Die letzte Freiheit

Vor einigen Tagen habe ich zu 3sat gezappt, wo Silvia Bovenschen über die letzte Freiheit des Menschen sprach. Wolfgang Herrndorf, sagte sie, konnte sein Leben nur deshalb trotz seiner schweren Krankheit bis zum Schluss selbstbestimmt leben und schreiben, weil er die Pistole hatte. Silvia Bovenschen weiß, wovon sie redet. Sie leidet seit ihrer Jugend an multipler Sklerose.

Mir fiel ein Gedicht von Bettina Wegner ein und ich begann im Bücherregal nach den alten Anthologien zu suchen und fand sie nicht. Sie sind wohl der letzten Aufräumaktion zum Opfer gefallen. Die Recherche im Internet blieb auch erfolglos. Nicht aber eine Mail an die Liedermacherin, die mir sofort sagen konnte, in welchem Band von ihr ich das Gedicht finde und wo ich es bekommen könnte. Ich will es euch nicht vorenthalten:

„In Erinnerung an ein Lied von Peter Horton mit dem wundersamen Titel ‚Ode an das Leben und gegen den Selbstmord‘

Herr H…, Sie fragen nach dem Preis
und ob es lohnt, sich selbst zu töten
und Sie versäumen nicht
von eigner Schuld zu flöten
Ich will Sie fragen, ob Sie selber in der Lage sind
sich so verletzt zu fühlen wie ein Kind
und ob Sie nicht begreifen, dass es eine Freiheit gibt
die über Ihrem eignen, simplen Anspruch liegt
Des Menschen einz´ge Freiheit für sich selber nur
Er kann die Art zu sterben wählen und die Uhr
Es ist doch Ihre Freiheit auch, aus vielen Gründen
das Leben schön und lebenswert zu finden
Und wenn Sie glücklich sind, so ist das schön und richtig
jedoch für manchen andern Menschen völlig nichtig
weil der nicht tragen will, was Sie so glücklich macht
weil es auch Sehnsucht gibt nach Dunkelheit und Nacht
Und Eva stört Ihr blödes Lied nun Gott sei Dank nicht mehr
weil sie es vorzog, Leute sich zu sparn wie Sie mein Herr.“

(Aus Bettina Wegner: Traurig bin ich sowieso, rororo 1982, zitiert mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

Der Beitrag über Sterbehilfe, in dem sich Silvia Bovenschen äußert, ist noch in der Mediathek zu sehen: http://www.3sat.de/mediathek/?obj=41125

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5 Gedanken zu “Die letzte Freiheit

  1. Andreas Lichte 24. Januar 2014 / 19:34

    Wolfgang Herrndorf, „Arbeit und Struktur“, wurde letzten Sonntag auch bei „Günther Jauch“ zitiert, z.B. das:

    „10.8.2010, 16:05. (…) Die mittlerweile gelöste Frage der Exitstrategie hat eine so durchschlagend beruhigende Wirkung auf mich, dass unklar ist, warum das nicht die Krankenkasse zahlt. Globuli ja, Bazooka nein. Schwachköpfe. (…)“

  2. freiedenkerin 24. Januar 2014 / 20:36

    Das ist in der „Kulturzeit“ gewesen, nicht wahr, das habe ich auch gesehen… Silvia Bovenschen hat mich sehr beeindruckt.

    • Carmen 25. Januar 2014 / 16:25

      Ich kenne Silvia Bovenschen aus der Zeit, als ich noch leidenschaftlich den Ingeborg-Bachmann-Preis via TV verfolgte. 1997 war sie dort Jurorin und schlug Norbert Niemann als Autor vor, der mit seinem Roman “Wie man’s nimmt” den Bachmann-Preis gewann.

      Von Bovenschen hat mir “Älter werden” gut gefallen, ich habe es hier kurz beschrieben.

  3. Mrs. Mop 26. Januar 2014 / 14:54

    Liebe Carmen,

    OT: Danke für Deinen Kommentar auf meinem Blog. Falls Du ihn (samt meiner Antwort) nicht auf Anhieb finden solltest: einfach auf das blaue „Weitere laden…“ ganz unten auf der Seite klicken. Es haben sich nämlich schon ein paar Leute beschwert, ich würde ihre Kommentare nicht veröffentlichen. Dem ist nicht so. Warum Google jenen blauen Hinweis so winzig und dezent gestaltet, dass ihn kaum einer entdeckt, ist mir schleierhaft. Egal – klicken und alles wird gut!

    P.S.
    Dieser Kommentar kann natürlich gelöscht werden, sobald Du ihn zur Kenntnis genommen hast.

    • Carmen 26. Januar 2014 / 15:08

      Nee, Deinen Kommentar lass ich mal schön hier stehen, vielleicht locke ich damit ja manchen Leser auf Deine Seite. Der Artikel „Abschied von der Schrebergartenkultur“ über Deinen Entschluss, die Blogwelt zu verlassen, sollte von allen Bloggern gelesen werden!

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