Im Schwarm

In seiner Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ gibt der Matthes und Seitz Verlag in Berlin geistreiche und handliche Bücher heraus (kleiner als ein Tablet!), von denen ich heute eines empfehlen möchte: Byung-Chul Han – Im Schwarm.

Der in Seoul geborene Philosoph Byung-Chul Han lehrt seit einem Jahr Philosophie und Kulturwissenschaft an der Berliner Universität der Künste. Mit seinen „Ansichten des Digitalen“ will er die Leser dazu verführen, sich nicht vom digitalen Medium berauschen zu lassen, sondern zu fragen, wie es uns verändert, quasi „umprogrammiert“. Und das gelingt ihm gut. Das Büchlein macht großen Spaß, ständig wollte ich Ausrufezeichen an den Rand malen, gelegentlich auch widersprechen. Vor allem aber könnte ich seitenweise daraus zitieren.

Über den Respekt:

„Der Respekt ist an den Namen gebunden. Anonymität und Respekt schließen einander aus.“ Stimmt das? Ich glaube schon. In meinen „Bloggedanken“ habe ich vor längerem über Bloggen mit dem Echtnamen geschrieben, zwei anonyme Blogger haben kommentiert, warum sie anonym bleiben müssen (berufliche Gründe). Aber alle drei wurden wir in der vor-digitalen Zeit sozialisiert. Unser gesamtes kommunikatives Benehmen stammt noch aus der alten Welt. „An die Namentlichkeit sind auch solche Praktiken wie Verantwortung, Vertrauen und Versprechen gebunden“, schreibt Byung-Chul Han.

Über den Schwarm:

„Der digitale Schwarm ist schon deshalb keine Masse, weil ihm keine Seele, kein Geist innewohnt. (…) Der Schwarm besteht aus vereinzelten Individuen.“ Die Egoisierung und Atomisierung verhindere die Bildung einer Gegenmacht und damit die wirksame Infragestellung der kapitalistischen Ordnung, die heute als ein alles umspannendes Netz gesehen werden muss. Das heutige Leistungssubjekt beute sich selbst aus, so sei Ausbeutung ohne Herrschaft möglich.

Über Transparenz:

„Unter dem Diktat der Transparenz werden abweichende Meinungen oder ungewöhnliche Ideen gar nicht erst zur Sprache gebracht. Es wird kaum etwas gewagt.“ Denkt man da nicht sofort an die Piraten? Warum war es ein alter Linker wie der Grüne Hans-Christian Ströbele, der den Whistleblower Edward Snowden in Moskau besucht hat? Weil er im Konspirativen geübt ist.

Über das Subjekt:

„Das Projekt, zu dem sich das Subjekt befreit, erweist sich heute selbst als Zwangsfigur. Es entfaltet Zwänge in Form von Leistung, Selbstoptimierung und Selbstausbeutung.“ Statt einer eigenen Anmerkung verweise ich an dieser Stelle auf den Artikel von Antje Schrupp: „Andere arbeiten immer. Ich arbeite nie.“

Über den Anderen:

„Das digitale Medium entfernt uns immer mehr vom Anderen.“ Der Blick des Anderen, dem ich von Angesicht zu Angesicht begegne, stellt mich infrage und bedroht meine Freiheit, meint Han. So betrachtet, ist der direkte Kontakt von einer Brutalität, der wir in den digitalen Sphären entgehen können, meine ich. Die Beziehungen, die wir im Internet knüpfen, beruhen auf Worten. Wenn ich ein Blog über einen langen Zeitraum lese, wird mir der Texter/die Texterin bekannt. Es entsteht Sympathie, obwohl ich den Menschen nie gesehen habe. Vielleicht ist das, was mir an diesem Menschen gefällt, nur eine Seite seiner Person – aber vielleicht ist es der beste Teil seiner/ihrer Persönlichkeit? Und erinnert das nicht auch an frühere Zeiten, als die Menschen sich noch lange Briefe geschrieben und kaum je gesehen haben?

Der Autor bietet in seinem sehr lesenswerten Buch noch viele Anlässe über seine „Ansichten des Digitalen“ zu diskutieren.

Byung-Chul Han: Im Schwarm – Ansichten des Digitalen, 107 Seiten, ISBN: 978-3-88221-037-8, Preis: 12,80 Euro

Unbedingt lesenswert ist auch das in der gleichen Reihe erschienene Buch: „Vom Schweben – Romantik im Digitalen“ von Alexander Pschera.

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