Selber denken

„Während die Enthüllungen über die Hausbesuche, die sich die Datensammler auf ihre unauffällige Art herausnehmen, nicht abreißen, taucht die Bundesregierung ab. Im Lichte einer weiteren Hochwasserkatastrophe hätte sie nicht getan, was sie sich angesichts des Datenflutskandals gestattete.

Gestern noch auf allen Deichen; als dann bekannt wurde, wie sehr die Dinge überhaupt im Fluss sind, wollte sich die Regierung nicht zuständig zeigen. Nicht die Kanzlerin wollte es, vielmehr erschien ihr die nähere Beschäftigung mit dem, was die Welt seit ein paar Jahren schon zusammenhält, nämlich das Internet, eher lästig.“ (weiterlesen in der FR „Mitarbeiter, die wir sind“ von Christian Thomas)

Ja, man könnte verzweifeln dieser Tage. Beängstigend diese Ruhe und Gleichgültigkeit der Überwachten und ihrer Politiker. Die Kanzlerin erklimmt die Berge in Österreich und sieht doch nicht das Wesentliche.

Jürgen Fenn schrieb kürzlich in seinem Blog Schneeschmelze:

„In Deutschland geht es auf die Bundestagswahlen zu. In zwei Monaten ist es soweit. Das Wahlergebnis ist seit langem absehbar. Eine Opposition, die den Namen verdient, ist nicht erkennbar. Und der öffentliche Diskurs bewegt sich zwischen Unvermögen und Idiotie. Aufklärung war gestern. Freiheit auch. Dabei sind Grundrechte das einzige, was in einem Rechtsstaat wirklich alternativlos ist. Wenn es einer ist. Es werden wieder Umfragen durchgeführt. Die Nichtwähler werden immer mehr.“ ( Link zu Schneeschmelze)

Auch Harald Welzer hat vor einiger Zeit im Spiegel verkündet, dass er nicht mehr das kleinere Übel, sondern gar nicht wählt. Ich kann kein Nichtwähler sein. Aber von dem Elan, mit dem ich Anfang Juli hier verkündete, in Carmens Wahlomat über die anstehenden Wahlen am 22.9.2013 berichten, spüre ich zur Zeit wenig.

Seltsam unernst erscheinen die Statements der Parteien im Wahlkampf, immer wieder hört man, es fehle das zündende Thema. Die Probleme, die jeder sehen kann, sind leider für den Wahlkampf ungeeignet, weil sich die großen Parteien in ihrer Haltung zuwenig voneinander unterscheiden. Was übrig bleibt, sind Nebenschauplätze. Weil sich die SPD weigert, rot-grün-rot ernsthaft in Betracht zu ziehen, wird es vermutlich eine große Koalition geben. Die neueste Umfrage (Sonntagsfrage) legt das nahe.

Dabei wäre es so wichtig, wirkliche Alternativen zu finden, um die Zukunftsaussichten der Erde zu verbessern. Kleine Korrekturen reichen nicht mehr aus, meint Harald Welzer, auch die Vorstellungen von einem „grünen Wachstum“ greifen zu kurz. Wir müssen weg von der expansiven Kultur:

„Mit Ausnahme von 2009, dem Jahr der Weltwirtschaftskrise, war in den vergangenen Jahrzehnten jedes Jahr ein neues Rekordjahr in Sachen Energie und Emissionen, ohne dass es beispielsweise irgendeiner Zeitung einen Aufmacher wert gewesen wäre, dass der Energieverbrauch 2010 um beinahe sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugelegt hatte. Woran das liegt? Weil es in jedem Haushalt sechs Bildschirme gibt, wo früher ein Fernseher stand.(…) Weil pro Haushalt mehrere Autos gefahren werden, von denen jedes größer ist als das eine, das man je Familie vor 20 Jahren hatte.

Die expansive Kultur hat uns nichts mehr zu bieten, glaubt Welzer:

„Die einzig relevante Erfindung der letzten vier Jahrzehnte (…) war das Internet und die mobile Kommunikation. Alles andere ist die Moderne von gestern, von phantasieunbegabten Ingenieuren gescheucht zur emotionsfreien Sinnlosigkeit. Ohne jede Schönheit. Kitsch.

Gesellschaften unserer Typs werden sich radikal verändern, das steht für Welzer fest. Die Frage ist, ob dies durch Gestaltung oder Zerfall geschehen wird: Wir müssen unseren Spielraum nutzen, wenn wir Freiheit, Demokratie, Recht und Wohlstand erhalten wollen.

Eine Leseprobe von Harald Welzers „Selber denken – Eine Anleitung zum Widerstand“ hat der Fischerverlag bereitgestellt: http://www.fischerverlage.de/media/fs/308/LP_978-3-10-089435-9.pdf

P.S. Die Berliner Piraten haben verstanden, wohin die Reise gehen sollte:

Teilen ist das neue Haben

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2 Gedanken zu “Selber denken

  1. Fjonka 27. August 2013 / 08:12

    Ich komme grad durch Deinen Kommentar hier bei mir http://fjonka.wordpress.com/2013/07/11/nicht-wahlen/ hierhin, und ich muß sagen: auch mir geht es so, daß ich immer frustrierter werde, was meine Wahlmöglichkeiten angeht. Niemand nutzt die (ja nun wirklich unzähligen) Steilvorlagen, die diese unfähige Regierung liefert, und es sieht so aus, als werde „aussitzen“ nochmal eine ganz neue und viel üblere Bedeutung gewinnen als bei Herrn Kohl damals 😦 Übler deshalb, weil ich denke, daß das „weiter so“ schlimmere Folgen haben wird als damals.
    Ohje….

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