Carmens Wahlomat 3: Ein grünes Danke

„Verkehrsminister haben mehr Tote zu beklagen als Innenminister, aber verteidigen die Freiheit stärker gegen die Sicherheit“ schrieb vor zwei Tagen Herr Häkelschwein auf Twitter. Der Tweet kam an, er wurde 182 mal favorisiert und 300 mal retweetet (für Nicht-Twitterer: an die eigene Gefolgschaft weitergeleitet). Meine spontane Twitter-Antwort: „Aber nur die Freiheit der Autofahrer“ hat wieder kein Schwein gelesen.

Ich kann mich ja über einiges aufregen – über die Auto-Gesellschaft aber besonders gut. Meine Abneigung gegen den motorisierten Individualverkehr und der Ärger über die Verschandelung des öffentlichen Raums finden allerdings auch täglich neue Nahrung. Wer sich für das Thema interessiert, dem seien die Schriften und Videos des Ingenieurs und Verkehrsplaners Hermann Knoflacher empfohlen.

Hier demonstrieren Schüler anhand des von Knoflacher erfundenen, selbstgebauten „Gehzeugs“ wie viel Platz ein Auto im öffentlichen Raum benötigt und wie anmaßend es scheint, wenn Fußgänger ebenso raumgreifend sind:

Deshalb hat es mich gefreut, als ich diesen Absatz in einem Wahlprogramm (Frankfurter Kommunalwahl 2011) gefunden habe:

Für die Mobilität von Fußgängerinnen und Fußgängern müssen bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden. Wir (…) wollen, dass unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger, der Ortsbeiräte, verschiedener Initiativen, Vereine und Institutionen wie Kindergärten, Schulen, Jugendclubs und Altenheimen in allen Stadtteilen spezielle Anforderungsprofile für den Fußverkehr erarbeitet werden, die das Zu-Fuß-Gehen sicher, bequem und angenehm machen und das Leben, die Lebendigkeit in den Stadtteilen unterstützen und fördern. Dazu ist es zum Beispiel notwendig, Trennwirkungen und Barrieren zu beseitigen; Wegebeziehungen und Querungsmöglichkeiten von Hauptverkehrsstraßen zu verbessern oder neu zu schaffen, fußgängerfreundlichere Ampelschaltungen zu realisieren und Straßenräume zugunsten von Fußgängerinnen und Fußgängern neu aufzuteilen. Außerdem müssen die besonders konfliktträchtigen Punkte sukzessive erfasst werden. All dies soll in einen Masterplan Fußverkehr münden, der der künftigen städtischen Stadtentwicklungs- und Mobilitätspolitik zugrunde gelegt und zügig verwirklicht wird.

Die hier zitierte Partei (Die Grünen) hat mit diesem Programm ein gutes Wahlergebnis errungen und regiert zusammen mit der CDU im Frankfurter Römer. Doch die kurze Recherche ergab: Aus dem Masterplan Fußverkehr ist bis jetzt nichts geworden. Wer im Parlamentarischen Informationssystem (Parlis) das Wort Fußverkehr eingibt, findet dazu aus den letzten Jahren keine einzige Magistratsvorlage und nur einen Bericht („Faktencheck Gesamtverkehrsplanung“ B 100), der sich aber auch nur mit dem Thema beschäftigt, weil die Linke hierzu eine Anfrage gestellt hat.

Schon im schwarz-grünen Koalitionsvertrag ist von diesem Punkt kaum etwas übrig geblieben. Stattdessen scheint das Thema zur Wahlkampfprosa degradiert, zumindest legt das diese Antwort des Frankfurter Sozialdezernats nahe.

Auch unter Mitregierung der Grünen wird der Autofahrer mit Samthandschuhen angefasst. Seit sechs Wochen hängen in meinem Stadtteil Schilder, auf denen ein grünes „Danke“ aufleuchtet, wenn der Autofahrer die erlaubte Geschwindigkeit einhält, ansonsten erscheint in rot „Langsam“. Den so aufgeforderten Autofahrer juckt das aber nicht, den grünen Schriftzug hat er nie gesehen – den sehen nur RadfahrerInnen.

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2 Gedanken zu “Carmens Wahlomat 3: Ein grünes Danke

  1. LOB 4. August 2013 / 20:20

    Es ist erstaunlich, wie wenig Raum neue Verkehrskonzepte in der aktuellen Diskussion einnehmen, es ist leider kein Wahlkampfthema, obwohl die Situation mehr als beklagenswert ist. Ich habe für eine Woche wieder einmal die Vorteile des Pariser Metronetzes genießen dürfen, kombiniert mit dem Rad. In Frankfurt zahle ich für eine Fahrt von HG in die Innenstadt € 4,25, in Paris würde ich dafür € 1,70 bezahlen und sehr viel weiter fahren können. Mir ist nicht klar, wieso der OVP in Deutschland so teuer sein muss?! Velo-lib ist eine gute Alternative zum Auto. Das Thema gehört auf die Agenda und bitte ganz nach oben.

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