Lieber gesund und reich…

„Arm macht krank“, titelt heute die Frankfurter Rundschau. Laut einer neuen Gesundheitsstudie sind in den vergangenen zehn Jahren mehr Menschen an Diabetes erkrankt, inzwischen sind es über 7 Prozent der Erwachsenen; es gibt mehr Übergewichtige – immerhin 53 Prozent der Frauen und 67 Prozent der Männer sind zu dick; Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind immer noch die häufigste Todesursache in Deutschland, desweiteren gehören Stresserkrankungen, Depressionen und Allergien zu den häufigsten Erkrankungen.

Mit diesen Ergebnissen ist das Robert-Koch-Institut (Link zur Studie) gestern an die Öffentlichkeit gegangen und es stellte fest: Je niedriger der Sozialstatus, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung.

Die Fähigkeit zur Selbstsorge, d.h. die eigenen Grenzen zu achten, auf seine Bedürfnisse zu hören und ihnen Raum zu geben – das ist für viele Arbeitnehmer durchaus keine Selbstverständlichkeit. Wer befristet oder prekär beschäftigt ist, überlegt sich zweimal, ob er bei Krankheit zu Hause bleibt, vor allem wenn er am Folgetag die doppelte Arbeit hat. Das gilt allerdings heute für sehr viele Arbeitnehmer: Wer krank ist, muss die liegengebliebene Arbeit nacharbeiten.

Die Arbeitsbedingungen in Deutschland verführen eher dazu, das Gegenteil von Selbstsorge zu trainieren, nämlich die Körpersignale zu missachten. Ob sich daraus langfristig körperliche oder psychische Symptome entwickeln, ist nur eine Frage des Typs.

„Die Sorge um sich wird vor allem von jenen betrieben, die es sich auch leisten können, auf Wehwehchen und andere Unzulänglichkeiten zu achten. Es käme also darauf an, jenem Trend etwas entgegenzusetzen, demzufolge Gesundheit als Statussymbol des sozialen Aufstiegs angesehen wird“, schreibt Harry Nutt heute in der Frankfurter Rundschau.

Selbstsorge ist ein Konzept, das v.a. den Älteren fremd ist. Jahrzehnte galt: Wer krank wird, überantwortet sich dem Arzt, der schon das Richtige tun wird, ergo: das passende Medikament findet. Die Institution Krankenhaus könnte ohne die Bereitschaft des Patienten, die Verantwortung über das eigene Wohl auf das Krankenhauspersonal zu delegieren, gar nicht funktionieren.

Gleichzeitig wird vom modernen Patienten erwartet, dass er sich informiert und die verschiedenen Gesundheitsangebote einschätzen kann. Der Arzt verfügt in der Regel in seiner Sprechstunde über wenig Zeit, deshalb recherchieren immer mehr Patienten im Internet – viele Web-Angebote zeugen davon.

Seit den Ärzten erlaubt ist, Leistungen anzubieten, die der Patient selber zahlen muss, sog. IGeL-Leistungen hat sich das Klima in vielen Praxen verändert.

Ein aktuelles Beispiel aus einer Augenklinik in Frankfurt:

13 Uhr. Zwanzig Leute warten, dass sich nach der Mittagspause die Praxistür öffnet. Nach Einlass entsteht eine Schlange bis in den Flur. Alle Patienten, überwiegend Ältere, werden an der Rezeption befragt, ob sie die Augeninnendruck-Untersuchung wünschen. Erst auf Nachfrage wird auf die selbst zu tragenden Kosten hingewiesen. Lehnen Patienten ab, heißt es schon mal: „Das ist eine wichtige Vorsorge“ oder: „Die Ärztin empfiehlt das aber“. Manche Patienten fordern, erst mit der Ärztin zu sprechen. Im Vier-Augen-Gespräch werden weitere Untersuchungen dringend angeraten, wie Hornhautdicke-Messung, Lasern des Augennervs, etc. Dass es sich keineswegs um „Vorsorge“-Untersuchungen handelt, sondern um teils umstrittene Früherkennungsmaßnahmen, erfährt der Patient nicht. Im Gegenteil, hat er sich einmal auf eine IGeL-Leistung eingelassen, muss er sich darauf einstellen, bei jedem Besuch eine andere angeboten zu bekommen, so summieren sich allein beim Augenarzt zusätzliche Kosten von 200 bis 300 Euro pro Jahr. Aber wem wäre das sein Augenlicht nicht wert, wenn er es sich leisten kann?

Der mündige Patient recherchiert und findet heraus, dass der IGeL-Monitor die Messung des Augeninnendrucks zur Vorsorge und Früherkennung des Glaukoms als „tendenziell negativ“ einstuft:

„Die von uns gefundenen Studien lassen keine definitive Aussage zum Nutzen zu, da bislang nicht untersucht wurde, inwieweit eine Augeninnendruckmessung zur Glaukomvorsorge oder -früherkennung tatsächlich den in Aussicht gestellten Nutzen, Erblindungen zu verhindern, hat. Wir sehen daher keine Hinweise auf einen Nutzen.“

Gleichzeitig gibt es Dutzende von Webseiten von Augenärzten, die mit teils drastischen Bildern auf die Folgen von nicht behandeltem erhöhten Augendruck hinweisen. Dazwischen: der Patient. Wer es sich leisten kann, wird trotz Bedenken die Untersuchungen durchführen lassen. Auf der Strecke bleibt das vertrauensvolle Arzt-Patienten-Verhältnis.

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2 Gedanken zu “Lieber gesund und reich…

  1. freiedenkerin 28. Mai 2013 / 22:40

    Laut Klein-Philip’s Bericht gibt es in Deutschland doch gar keine armen Leute…

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