Dany, die FAS und die Freiheit der Pädophilen

Das Lebens- und Liebesmodell des Piraten-Geschäftsführers Johannes Ponader war auch in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schon mal en vogue. Damals hieß es kompliziert „offene Mehrfachbeziehungen ohne Besitzanspruch“, heute bezeichnet Ponader sein Lebensmodell mit dem charmanten Wort „polyamant“.

Während die 68er die Parole „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ ausgerufen hatten, war einige Jahre später nach Ansicht vieler Feministinnen die männlich geprägte Sexualität („Penetration“) generell abzulehnen und zu verweigern – so frau es denn ernst meine mit der weiblichen Befreiung. Konstantin Wecker hat das 1984 in seinem Lied „Mei was is bloß aus mir wordn“ beklagt: „Bevor i mi a Frau in d´Arm nehma trau, überleg ich mir zuerst a halbe Stund lang, inwieweit ich sie unterdrücke, wenn ich mich mal auf sie lege. Na ja, meistens lauft dann eh nix mehr, und ich kann mich mit ruhigem Gewissen davonschleichen.“ (Link zu Wecker.de)

Ich erinnere mich noch, wie Konstantin Wecker dieses Lied bei einem Konzert im Frankfurter Gewerkschaftshaus sang. Wie das männliche Publikum an dieser Stelle grölte und ich dachte: Die hier am lautesten lachen, haben garantiert noch nie solche Skrupel gehabt.

Es war eine der großen Errungenschaften der 68er-Bewegung, dass die sexuelle Sprachlosigkeit ein Ende hatte. Das Thema Sexualität verließ das abgedunkelte Schlafzimmer und wurde überall besprochen: beim Arzt, in der Kneipe, in Schulen und Unis.

Eines meiner ersten Referate am Abendgymnasium beschäftigte sich mit Wilhelm Reichs „Die Massenpsychologie des Faschismus“. Reich war der Ansicht, dass „Die Unterdrückung des kindlichen und jugendlichen Liebeslebens sich als der Kernmechanismus der Erzeugung von hörigen Untertanen und ökonomischer Sklaven erwiesen hat“. (siehe Dietrich E. Zimmer, DIE ZEIT vom 27.Dezember 1991)

Die Hochphase der Reich-Lektüre war da längst vorbei, aber als von der 68er-Bewegung begeisterte Spätgeborene versuchte ich nachzuholen, was ging. Die Marx-Lektüre war nichts für mich, dann lieber Simone de Beauvoir – die ja mit Sarte die erste berühmte offene Beziehung geführt hatte – und nahezu die gesamte Selbsterfahrungsliteratur von Karin Strucks „Klassenliebe“ über Verena Stefans „Häutungen“ bis Svende Merians „Tod des Märchenprinzen“.

Anders lieben, anders wohnen, anders produzieren und konsumieren, anders reisen und natürlich seine Kinder anders erziehen – aus theoretischen Überlegungen wurden neue Lebensmodelle. In kaum einer anderen deutschen Stadt war dieses neue Leben so präsent wie in Frankfurt am Main. Als ich mein erstes WG-Zimmer suchte, tat ich das wie alle mithilfe der Annoncen im Pflasterstrand, ein viel gelesenes Frankfurter Stadtmagazin, dem Dany Cohn-Bendit als Verantwortlicher vorstand und aus dem das heutige Journal Frankfurt hervorging. Die Frau, deren Zimmer ich dann übernahm, erzählte mir mal, dass sie, wenn sie pleite war, mit ihrem kleinen rotblonden Kind in den Club Voltaire ging und behauptete, es handele sich um die uneheliche Tochter von Dany – die Einladung zum Essen und Trinken war ihr sicher.

Alle sollten sich damals „ausleben“ können (die abstruse Seite dieses Mottos hat Christa Thürmer-Rohr in ihrem Essay-Band „Verlorene Narrenfreiheit“ (1994) dargelegt, siehe auch meine Post vom 10.8.09). Auch die Pädophilen nutzten diesen Zeitgeist, sie bezeichneten sich als Emanzipationsbewegung und traten zuhauf in die neue grüne Partei ein.

Man muss von einem gewaltigen blinden Fleck sprechen, der aber nicht nur große Teile der alternativen Bewegung in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern des letzten Jahrhunderts betraf. Erinnern wir uns, dass die Frankfurter Rundschau über die Vergewaltigung von Kindern auf der Odenwaldschule schon 1999 geschrieben hatte, ohne dass es damals zu einem großen Aufschrei gekommen wäre. (Eine Chronologie des Tatorts Odenwaldschule hat die Seite anstageslicht zusammengestellt.)

Auch die Frankfurter Allgemeine hat sich meiner Kenntnis nach nicht an der Aufklärung beteiligt. Deshalb finde ich es zumindest fragwürdig, wenn die FAS bereits zum zweiten Mal in diesem Monat einen ganzseitigen Artikel über Dany Cohn-Bendit bringt, in dem seine Zeit als Erzieher in einem Frankfurter Kinderladen und seine Rolle als Herausgeber der Pflasterstrand thematisiert wird und in denen er in die pädophile Ecke gerückt wird.

Wer wissen wollte, was man Kindern antut, wenn man sie zu Sex mit Erwachsenen zwingt, konnte wissen. Zum Beispiel, in dem man/frau EMMA las. Alice Schwarzer hat sich schon früh mit dem Phänomen auseinander gesetzt, dass die Presse keinerlei Problembewusstsein gegenüber Pädophilen hatte. 1980 schreibt sie über den Trend, dass die Pädophilie mehr und mehr ungeniert als Kavaliersdelikt deklariert wird.

„Da titelt die Quick mit den „Lolitas, die Macht über die reifen Männer haben“, nimmt sich der Stern verständnisvoll der armen „verdammten Verführer“ an, und findet es niemand anstößig, wenn ein Filmregisseur wie Polanski, der in Amerika wegen Vergewaltigung einer 13-Jährigen verurteilt wurde, in Paris gelassen mit neuen Kindfrauen arbeitet und lebt.

In der linken Presse schließlich ist das Problembewusstsein so gering, dass sogar die dreiste Behauptung, Pädophile seien „Kinderbefreier“, setzten sich für eine freie Sexualität der Kinder ein, unwidersprochen bleibt. Dabei liegt es auf der Hand, dass es bei der Pädophilie nicht um das Recht der Kinder auf ihre Sexualität geht, sondern um das Recht der Erwachsenen auf die Sexualität der anderen, der Kinder.“
(Alice Schwarzer in „Befreit Pädophilie?“ Vollständiger Artikel hier)

Der Frankfurter Landtagsabgeordnete Marcus Bocklet (Grüne) hat jetzt angekündigt, dass seine Partei das pädophile Kapitel ihrer Geschichte aufarbeiten will. Endlich.

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2 Gedanken zu “Dany, die FAS und die Freiheit der Pädophilen

  1. freiedenkerin 29. April 2013 / 12:01

    Kinder und Jugendliche zu missbrauchen, ist Mord an einer Seele. Kein junger Mensch, auch nicht der gefestigste, übersteht so etwas psychisch unbeschadet.

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