Missbrauchstäter

In der katholische Kirche existiert ein noch heute angewendeter Kodex, der vorsieht, dass alle Akten, die „Strafsachen in Sittlichkeitsverfahren“ enthalten und älter als zehn Jahre sind, vernichtet werden müssen. Ein vor anderthalb Jahren von der Katholischen Kirche Deutschland in Auftrag gegebenes Forschungsprojekt zum „sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige“ seit 1945 war also von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Der Leiter des mit der Studie beauftragten Kriminologischen Forschungsinstituts, Christian Pfeiffer, hat in dieser Woche den Abbruch des Projektes bekannt gegeben und der Kirche Zensur vorgeworfen. (Mehr dazu im Artikel „Im Geheimen“ von Philip Epperlsheim, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 13.1.2013)

Auch die Odenwaldschule scheint nach wie vor nicht ernsthaft an der Aufarbeitung des jahrzehntelangen Missbrauchs von SchülerInnen durch Lehrer interessiert zu sein. Wie die Frankfurter Rundschau in ihrer Samstagsausgabe schreibt, konnte ein wissenschaftlicher Beirat von Odenwald-Schule und dem Verein Glasbrechen nicht berufen werden, weil die Schule die vom Opferverein vorgeschlagene ehemalige Odenwaldschülerin Stefanie Michael als Beiratsmitglied nicht akzeptiert. Der grüne Landtagsabgeordnete Marcus Bocklet spricht von Zensur und fühlt sich an das Verhalten der katholischen Kirche erinnert. (FR-Artikel vom 12.1.2013)

Nicht nur Priester und Lehrer, auch „geniale Schauspieler“ sind Vergewaltiger: Vierzehn Jahre lang, erstmals als sie fünf Jahre alt war, wurde Pola Kinski von ihrem Vater vergewaltigt. Jetzt mit 60 Jahren hat sie ein Buch über ihre zerstörte Kindheit und die Folgen geschrieben: „Kindermund“.

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4 Gedanken zu “Missbrauchstäter

  1. freiedenkerin 13. Januar 2013 / 17:44

    Da wird mir jetzt als einstiges Missbrauchsopfer so richtig schlecht…

  2. Carmen 13. Januar 2013 / 20:22

    Ich begreife nicht, wie Menschen sich dem Leid der Missbrauchsopfer verschließen können.

    • freiedenkerin 13. Januar 2013 / 21:04

      Ich hadere seit ungefähr dreiundvierzig Jahren damit. Im Alter von dreizehn Jahren wurde ich von meinem Großvater missbraucht. Als ich meine Mutter davon informierte, reagierte sie eiskalt und ungemein abweisend, und sagte lediglich kurz und knapp zu mir, mein Vater dürfe davon kein Wort erfahren, er würde meine Großeltern sonst unverzüglich aus dem Haus weisen – sie verbrachten grad die Sommerferien bei uns…
      Den Großteil meines Lebens bin ich durch dieses Ereignis und das Verhalten jener Frau, die man „Mutter“ zu nennen pflegt, schwerst traumatisiert gewesen. Ich konnte weder normale Freundschaften, noch dauerhafte Liebesbeziehungen pflegen. Erst mit Ende Vierzig wandte ich mich an eine sehr kompetente Psychotherapeutin. Insgesamt vier Jahre Behandlung – zuerst eine Einzelgesprächstherapie, anschließend eine Psychoanalyse – ließen mich endlich, endlich diese Geschehnisse verarbeiten. Ich bin erst seit wenigen Jahren dazu in der Lage, ein halbwegs normales Leben zu führen, und ein gesundes Selbstwertgefühl und -bewusstsein zu entwickeln und zu pflegen…
      Die Gesetzgebung hierzulande ist, was den sexuellen, physischen und psychischen Missbrauch vor allem Minderjähriger betrifft, ein Armutszeugnis. Diese Delikte gehören genau so geahndet wie Mord – denn sie sind nichts anderes als Mord an einer Kinderseele…

      • Carmen 14. Januar 2013 / 10:11

        Wie traurig, dass es so lange gedauert hat, bis du Hilfe bekommen hast und wie schön, dass es dir heute gut geht. Ohne langjährige therapeutische Unterstützung werden die wenigsten Missbrauchsopfer ein normales Leben führen können. Deshalb muss auch über Geld geredet werden.

        Die Frankfurter Rundschau zitiert heute ehemalige LehrerInnen der Odenwaldschule, die das Verhalten der Schule als „Herumlavieren“, „Wegducken“ und den „Versuch des Aussitzens dieser für alle beschämenden Situation“ bezeichnen:

        „Sie bedauerten, dass „bis heute keine nennenswerten Handlungen zur Wiedergutmachung der geschehenen Gräuel erfolgt“ seien. So gebe es keine individuelle Einschätzung der jeweils aktuellen Lebenssituation der Opfer und keine Beratung und Unterstützung für ihr weiterführendes Leben. Die finanzielle Hilfe sei gemessen am Ausmaß der Taten rudimentär.“ (FR vom 14.1.2013)

        Reformpädagogik und katholische Kirche haben für mich jegliche Glaubwürdigkeit verloren.

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