Peer hat’s schwer

Es heißt ja immer, das Internet sei schuld, dass es Politiker heute so schwer haben. Da würden Sätze aus dem Zusammenhang gerissen und von bösen Bloggern zum Popanz aufgebaut.

Als gestern Abend die Tagesschau berichtete, Peer Steinbrück fordere ein höheres Kanzlergehalt („Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin“), ging mir – wie wahrscheinlich dem Großteil der knapp 10 Millionen ZuschauerInnen – durch den Kopf: Der Mann ist als SPD-Kandidat unhaltbar.

Die BLÖD-Zeitung holte sich noch am späten Samstag Abend ein gefälliges Statement vom ehemaligen Auto- und Brioni-Kanzler und Putin-Freund Gerhard Schröder, das sich heute vielfach zitiert in den „Qualitätsmedien“ wiederfindet. Ansonsten schreiben der Spiegel, die Süddeutsche, die Taz, der Focus, etc. pp. alle fröhlich ab, was Peer Steinbrück in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt haben soll.

Wer sich heute angesichts der 4258. öffentlich-rechtlichen Wiederholung der Klamotte „Der letzte Fußgänger“ mit Heinz Erhard aus dem Jahr 1960 langweilt, dem empfehle ich, in Ruhe das Interview in der FAS zu lesen.

Christiane Hoffmann, Eckart Lohse und Markus Wehner, die sich vor zwei Jahren als Guttenberg-Jäger einen Ruf verdient haben, befragen gemeinsam Peer Steinbrück nach seinem Verhältnis zum Geld. Die vierte Frage im Interview lautet: Verdient die Kanzlerin zu wenig? und Steinbrück antwortet: Gemessen an der Leistung, die sie oder er erbringen muss und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weit weniger Verantwortung und viel größerem Gehalt, ja.

Aus diesem so wahren wie unspektakulären Satz die Behauptung zu machen, „Steinbrück fordere eine höheres Gehalt als Kanzler“, sagt wenig über Steinbrücks Verhältnis zum Geld aus, aber viel über eine unter Druck geratene Print-Presse, die auf jedes Thema springt, das einen Skandal hergeben könnte und dabei hemmungslos und teils ohne das FAS-Interview überhaupt zu erwähnen, voneinander abschreibt.

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2 Gedanken zu “Peer hat’s schwer

  1. Uhupardo 30. Dezember 2012 / 17:26

    … vor allem stürzen sich nun alle darauf, ob der Bundeskanzler zu wenig verdient, statt die Frage zu stellen, ob der Sparkassendirektor in Relation zu seiner gesellschaftlichen Relevanz nicht vielleicht doch viel zu viel verdient.

  2. Thad S. Colon 7. Januar 2013 / 10:54

    «Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin», sagte er der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» («FAS»). Amtsinhaberin Angela Merkel (CDU) bescheinigte er zugleich einen «Frauenbonus». Weibliche Wähler würden ihre Durchsetzungskraft in hohem Maße anerkennen.

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