„Freier Gang für freie Bürger“

Vor einigen Jahren habe ich mich in meinem Frankfurter Stadtteil für FußgängerInnen eingesetzt. Wer im Süden meines Dorfes wohnt, muss eine sehr schmale Straße nutzen, um die Bushaltestelle und den Weg zur S-Bahn im Nachbarort zu erreichen, wer vom Norden des Dorfes kommt, geht durch die Straße, um den dort liegenden Kindergarten zu erreichen. Leider war aber der Gehweg nicht nutzbar, da restlos zugeparkt. Im Winter bedeutet das für Fußgänger und Kinderwagenschieber, über eine verschneite und vereiste Straße zu schlittern, anstatt über einen geräumten Gehweg.

Ich hatte außer ein paar alten Damen keine Unterstützung. Die Ortspolitiker fahren Auto und wollten es sich mit den Autofahrern nicht verderben. Mit mir schon. Der Ortsvorsteher ärgerte sich damals sehr über meine Initiative, die unter dem Namen einer kleinen Frankfurter Fraktion erschien (Anfrage vom 28.04.2009, A 906, nachzulesen in Parlis).

Das Ende der Geschichte ist, dass inzwischen die Autos mit offizieller Erlaubnis auf dem Gehweg parken dürfen und die Fußgänger nach wie vor im Winter über eine vereiste Straße schlittern dürfen.

Von einer zukunftsweisenden ökologischen Verkehrspolitik kann aber nicht nur in meinem Dorf keine Rede sein. Hessens Verkehrsminister Florian Rentsch (FDP) hat zum Beispiel gerade den Frankfurter Antrag auf modellhafte Einführung von Tempo 30 Zonen auf ausgewählten Straßen mit dem Argument abgelehnt, der Autofahrer habe ein Recht auf „zügigen und sicheren Verkehrsfluss“.

Wie in diesen Tagen bekannt wurde, stehen jetzt auch mehrere hessische Großprojekte wegen fehlender Finanzierung auf der Kippe, darunter der viergleisige Ausbau der Main-Weser-Bahn.

Nach vielen Jahren schienen endlich alle Hindernisse ausgeräumt, die umweltbewussten Pendler aus dem Frankfurter Norden, aus Bad Vilbel, Karben und Friedberg warten lange genug auf den Ausbau der S6.

„Verkehrsminister Rentsch muss sich dringend für die Schienenausbauvorhaben in Hessen einsetzen und bei Verkehrsminister Ramsauer vorstellig werden“, fordert deshalb die verkehrspolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion Karin Müller:

„Für die teuerste Autobahn der Welt, die A44 die für ca. 64 Kilometer voraussichtlich 1,8 Milliarden Euro kosten wird, ist genug Geld vorhanden. Für eine wirklich nachhaltige Verkehrspolitik durch Förderung der Schieneninfrastruktur bleibt nichts mehr übrig.“ (Aus der Pressemitteilung der hessischen Grünen vom 18.12.2012

Die nachhaltigste Fortbewegung für kurze Wege und um die ÖPNV-Anbindung zu erreichen, ist zu Fuß gehen. Deshalb fordere ich (mit Klaus Gietinger, dem Autor von „Totalschaden“): „Freier Gang für freie Bürger“.

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4 Gedanken zu “„Freier Gang für freie Bürger“

  1. Jarg 19. Dezember 2012 / 09:25

    In Anbetracht des morgendlichen Staus von zahllosen Oberförsterautos vor der Schule unserer Kinder und der rüpelhaften Verkehrssitten der am Steuer sitzenden Väter und Mütter fürchte ich, dass wir von einer größeren Wertschätzung der edelsten Art menschlicher Fortbewegung – des Gehens – noch viele Autobahnkilometer entfernt sind. Vielleicht löst die Rohstoffknappheit das Problem – und der Trend bei jüngeren Leuten, kein eigenes Auto mehr besitzen zu wollen. Unsere Städte und Dörfer würden an Lebensqualität erheblich gewinnen …

  2. LOB 19. Dezember 2012 / 09:36

    „Im Winter bedeutet das für Fußgänger und Kinderwagenschieber, über eine verschneite und vereiste Straße zu schlittern, anstatt über einen geräumten Gehweg.“ Nicht zu vergessen sind die älteren Mitbürger mit Rollatoren usw.!! Ich finde die Haltung hier unakzeptabel, weil das im Ernstfall bedeutet, dass diese Bevölkerungsgruppe im Winter für Tage oder Wochen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen ist. Das wird er wohl erst begreifen, wenn der Ortsvorsteher das am eigenen Leib erlebt!

    • Carmen 19. Dezember 2012 / 13:07

      Allerdings muss man auch zugeben, dass der Ortsvorsteher kein Ortsvorsteher wäre, wenn er verkehrspolitische Ideen umsetzen wollte, die die Freiheiten des hier lebenden Homo sapiens automobilus einschränken würden. Nachhaltige Verkehrspolitik ist leider nicht mehrheitsfähig.

      Das musste auch der Regisseur und (parteilose) Verkehrsexperte Klaus Gietinger erkennen, der seit vielen Jahren versucht, in verschiedenen Fraktionen im Frankfurter Stadtparlament Mitstreiter zu finden. In seinem Buch erzählt er vom Versuch, die Linkspartei für seine Auto kritischen Ideen zu gewinnen:

      „Also eine City-Maut, die könnten sie nicht fordern, meinte die Mehrheit der Linken, denn dann könnten ja die Hartz-IV-Leute nicht mehr mit ihren alten Schüsseln rumgurken. Das sei doch eine der wenigen Freiheiten, die sie hätten.“ (Klaus Gietinger in „Totalschaden“)

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