Am Nasenring: Johnny Klinke und die Stadtpolitik

Eigentlich ist es eine Story wie aus einem Gesellschaftsroman. Männer und einzelne Frauen aus den lokalen Führungsriegen ihrer Parteien, manche so steif, dass es Jahre bei einem guten Coach bedurfte, bis ihre Reden flüssig wurden, oder stundenlange Sitzungen beim Physiotherapeuten, um den verbissenen Unterkiefer zu lockern, lassen sich von einem Varietédirektor einladen und zum Lachen bringen – nichts weist daraufhin, dass er sie für Spießer hält. Dafür sind sie dankbar.

So dankbar, dass sie dem geschäftstüchtigen Mann ein Großprojekt zuschanzen: Nach der auf 30 Millionen angesetzten Sanierung des Palmengarten-Gesellschaftshauses wird er – ganz ohne Ausschreibung, die sonst für den Betrieb jeder Buslinie angeblich zwingend erforderlich ist – die Gastronomie betreiben dürfen.

Damals, Ende des Jahres 2005, wurde vom Frankfurter Vierer-Bündnis aus CDU, SPD, Grüne und FDP eine Magistratsvorlage im Schnellverfahren beschlossen, die folgenden Passus enthielt:

„Bürgerschaft sowie Besucherinnen und Besucher des Palmengartens bekommen nach der Sanierung und Wiedereröffnung des Gesellschaftshauses eine lange vermisste und ehemals viel genutzte Stätte des Feierns zurück. Das Gesellschaftshaus soll für alle Veranstaltungsformen von der Faschingsveranstaltung über die Familienfeier bis hin zum hochkarätigen Ball und Festakt zur Verfügung stehen.“ (M 227 vom 4.11.2005, siehe Parlis)

Der heute wegen seiner rechtspopulistischen Äußerungen ins Abseits gerückte Wolfgang Hübner (FW) war damals einer der wenigen kritischen Stimmen:

„Ein Haken ist zum Beispiel der, dass wir als Stadt Frankfurt mit Steuergeldern für 30 Millionen Euro und Folgekosten ebenfalls in Millionenhöhe etwas herrichten, damit eine andere Gruppe, nämlich diese Gruppe um Mangold und Klinke, eine Lizenz zum Gelddrucken erhält. Denn was ist es denn sonst, wenn Sie mit Fachleuten reden, wenn Sie sagen, dass die eine Pacht von 25.000 Euro im Monat bezahlen. Ich darf ja nichts über diesen Vertrag sagen, den wir heute vertraulich ausgeteilt bekommen haben, aber der erste Eindruck könnte doch der sein – da kann ich mich ja täuschen -, dass vielen Menschen, die bisher gewohnt waren, dort hineinzugehen, dieses in Zukunft nicht mehr möglich sein wird. Aber wie gesagt, ich darf ja nichts sagen. Insofern will ich auch hier nichts allzu fest machen. Aber dieser Eindruck könnte schon aufkommen, wenn man das Ganze liest.“ (Wortprotokoll der Sitzung vom 15.12.2005, nachzulesen in parlis)

Er hat sich nicht getäuscht, wie wir heute wissen. Die Sanierung ist nochmal 10 Millionen teurer geworden und von einem Haus für alle Frankfurter kann keine Rede sein. Schlagzeilen machte aktuell die mit 32 Euro billigste Vorspeise auf der Speisekarte: Bretonische Sardine an Bourride auf Bouillabaisse-Schaum.

Am vergangenen Samstag wurde Eröffnung gefeiert: Frankfurts Kämmerer Uwe Becker lobte den schönsten Saal Frankfurts und mokierte sich, weil OB Feldmann der Eröffnung wegen eines anderen Termins fern blieb, Eva Demski fordert „Pracht für Alle“ und Johnny Klinke versichert, er wolle ein guter Gastgeber sein. (aus dem FR-Artikel vom 9.12.2012)

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Klinke sich seinen Gästen gegenüber loyal verhält. Die Frankfurter ZeitungsleserInnen wissen das spätestens seit seiner (nach hinten losgegangenen) Anzeigenkampagne für Boris Rhein im OB-Wahlkampf.

Woran wir aber zweifeln dürfen, ist, dass Klinkes Personal in Küche und Service von den überhöhten Preisen des Restaurants profitiert. Bei seinen ehemaligen Angestellten und Auszubildenden, die teilweise wegen unzumutbarer Überstunden die Ausbildung abbrachen, steht Klinke jedenfalls weniger strahlend da als bei den Politikern von CDU, FDP und Grünen.

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3 Gedanken zu “Am Nasenring: Johnny Klinke und die Stadtpolitik

  1. freiedenkerin 11. Dezember 2012 / 20:26

    Das ist leider, leider ein Fakt, dass in der sogenannten gehobenen Gastronomie die Arbeiter/innen und Angestellten in Küche, Service, Spüle und dem Hauswesen in keinster Weise von den für Normalsterbliche unzumutbaren Preisen – und den entsprechenden Gewinnen – mit profitieren… Ich kenne hier in München so einige Gastronomen mit klingenden Namen wie u. A. A. Sch…b…k, die im hiesigen Arbeitsgericht sozusagen Stammgäste sind…

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