Der Frankfurter Sarrazin und die FNP

Bei der Kommununalwahl 2011 war der Chef der Freien Wähler in Frankfurt, Wolfgang Hübner, wieder mal negativ aufgefallen: „500 mal hat die rechtslastige politische Gruppierung im Stadtgebiet ein Plakat kleben lassen, auf dem es neben dem Schriftzug der Freien Wähler heißt: „Damit Frankfurt Sarrazin beherzigt.“ (Frankfurter Rundschau vom 9.3.2011)

Jetzt ist es sogar seiner eigenen Partei zuviel geworden. Nachdem Hübner behauptet hatte, die NSU-Morde würden „von verschiedenen Einwanderer-Lobbyisten in unverschämter Weise genutzt, um vom Staat zusätzliche materielle und ideelle Zuwendungen zu fordern“, (Süddeutsche Zeitung) hat der Vorsitzende der Freien Wähler Hubert Aiwanger den Parteiausschluss Hübners gefordert.

Das wäre normalerweise kein Thema für dieses Blog, wenn die Frankfurter Neue Presse (über deren gespaltenes Verhältnis zum Urheberrecht ich hier gepostet habe) nicht einen verständnisinnigen Artikel darüber geschrieben hätte:

Hübner habe sich „den Ruf eines scharfen Kritikers der städtischen Integrationspolitik erworben. Immer wieder reibt er sich an unverbindlichen Multi-Kulti-Träumereien und fordert statt einem unverbindlichen Nebeneinander der verschiedenen Ausländergruppen eine verpflichtende Integration in die Stadtgesellschaft. Pointiert trägt er seine Thesen vor“ heißt es in der FNP.

Der Stil des Artikels soll den rechten Rand der Konservativen streicheln und diese fühlen sich auch angesprochen und loben in Online-Kommentaren den Mut und die Unbeugsamkeit von Wolfgang Hübner.

Dass die Frankfurter Neue Presse, obwohl ihre Auflage wahrscheinlich nicht mal halb so groß ist wie die der Frankfurter Rundschau, (genaue Zahlen der Einzelauflage liegen nicht vor) mit ihrem Blatt überleben kann, liegt daran, dass sie mit der FAZ unter dem Dach des Sozietätsverlages erscheint. Die Vorstellung, dass ich mit der Lektüre der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung dieses rechte Revolverblatt quer finanziere, ist mir sehr unangenehm.

Sollte die Frankfurter Rundschau wirklich eingestellt werden, sieht es bei der lokalen Berichterstattung in Frankfurt aus wie nach dem Mauerfall – das linke Korrektiv fehlt. Statt wie bisher die Ereignisse von verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können, bekommen wir gefilterte Nachrichten und Kommentare für die Konservativen, die Wutbürger und die Rentner.

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6 Gedanken zu “Der Frankfurter Sarrazin und die FNP

  1. LOB 5. Dezember 2012 / 16:24

    „Sollte die Frankfurter Rundschau wirklich eingestellt werden, sieht es bei der lokalen Berichterstattung in Frankfurt aus wie nach dem Mauerfall – das linke Korrektiv fehlt.“ Das ist schon eine provozierende These, die mich erst ein Mal verstört. Zwischen FAZ, SZ, Zeit und TAZ war mit die FR selten genug eine Ergänzung und die lokale Reports haben mich nie interessiert, war mir immer viel zu viel Klein in Klein. Was konkret sieht in FfM ohne FR aus, wie nach dem Mauerfall? Die DDR stand für mich nicht für die Linke, dafür war doch das gelebte Modell des r. S. viel zu bieder. Die DDR ist das Modell, wenn Biedermänner einen Staat allein regieren, mit einer tiefen Verachtung für alles Kreative und mit einer kruden Weltvorstellungen zum Scheitern verurteilt. Alles ganz simpel und weit weg von einer gelebten Utopie aller Marx, oder? Ich hab verstanden, dass die FR als überregionales Blatt gescheitert ist, als Blatt für das Lokale hätte sie wohl eine Chance, oder? Wird nicht schon nach einem Geschäftsmodell gesucht?

  2. Carmen 5. Dezember 2012 / 17:11

    Die Kommunalpolitik ist für die Lebensqualität der meisten Menschen wesentlich wichtiger als die „große Politik“. Hier werden die Entscheidungen getroffen, die unser Leben unmittelbar bestimmen, z.B. über die Verkehrs- und Kinderbetreuungsinfrastruktur.

    Die überregionalen Zeitungen bieten kaum Lokalnachrichten. Wer wissen will, wie ein bestimmtes Thema im Stadtparlament und seinen Ausschüssen diskutiert und abgestimmt wurde, erfährt das aus der FR, der FNP und in abgespeckter Form aus der FAZ. Die FNP wird wegen ihres ausführlichen Lokalteils gelesen und erfüllt damit eine wichtige Funktion, ist aber leider in den vergangenen Jahren immer mehr nach rechts gerückt.

    Ohne die lokale Berichterstattung in der FR hätte außer den (überwiegend jungen) Onlinenutzern z.B. kaum einer viel von Occupy und Blockupy erfahren. Die FAZ greift solche Themen erst auf, wenn sie einen Nachrichtenwert erreicht haben, der die Inanspruchnahme der wenigen für lokale Themen bereitgestellten Zeilen rechtfertigt, und dann natürlich in Ihrer Färbung.

    Zeitungen stoßen mit lokalen Berichten auch Bewegungen an, wie im Fall Wefelsiep, und verschaffen Bürgeranliegen und -initiativen Gehör.

    Gemeint war mit meiner offenbar missverständlichen Bemerkung, dass Zeitungsleser z.B. über eine Bewegung wie das Frankfurter Occupy-Camp ohne die FR nur noch erfahren werden, dass „junge Männer mit ungewaschenen Haaren für eine Rattenplage auf unserer schönen Frankfurter Grünfläche verantwortlich“ sind.

    Der Fall der Mauer hat nicht nur ein System der Unfreiheit beendet, sondern auch den Traum von einer nicht-kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Erst dadurch konnte der Kapitalismus seine heutige entfesselte Ausgestaltung erreichen – eben weil das Korrektiv fehlt. Übertragen auf die Frankfurter Presselandschaft wollte ich damit sagen, dass die FNP, wenn sie in der FR keinen lokalen Konkurrenten mehr hat, nur noch ihr Klientel bedient, das heißt Artikel schreibt für den Rentner mit Eigenheim und viel Angst vor allem Fremden.

    Und was die Suche nach dem Geschäftsmodell betrifft: Danach suchen ja die meisten Verlage in den letzten Jahren und nicht sehr erfolgreich…

  3. Hackentrick 6. Dezember 2012 / 21:02

    Danke für den Artikel, Carmen! Das ist genau die Beobachtung, die auch ich mache (bzgl. FNP / FR). Und die Wichtigkeit der lokalen Berichterstattung habe ich ja bereits in einem anderen Kommentar betont.

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr die mediale Berichterstattung von persönliche Eindrücken / Erlebnissen abweicht (hier im Falle Hübner). Meinungsmache…

    • Carmen 7. Dezember 2012 / 08:02

      Wenn es in Frankfurt nur noch FNP und FAZ gäbe, müssten BloggerInnen die Lücke in der lokalen Berichterstattung ausfüllen. Könntest du dir vorstellen, Teil eines Kommunalpolitik-Blogs zu sein und die Stadtverordnetenversammlung oder einen Ausschuss zu besuchen und darüber zu berichten? Ist nur so ne Idee, die mir seit deinem letzten Kommentar im Kopf rum geht – wir müssten natürlich mehrere Blogger sein.

      • Hackentrick 7. Dezember 2012 / 10:01

        Das ist eine interessante Idee von Dir, die wir ja auch unabhängig vom weiteren Bestehen der FR angehen können. Wenn es zeitlich machbar ist, bin ich gerne dabei! Ich melde mich via XING bei Dir.

  4. Carmen 10. Dezember 2012 / 08:05

    Kommentar von Claus-Jürgen Göpfert in der Frankfurter Rundschau vom 10.12.2012: Der Provokateur

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