„Ihr werdet noch wünschen, wir wären politikverdrossen“

Gestern war Philipp Mißfelder („der Gülle-Bubi der CDU“) in den Nachrichten zu sehen. Der Vorsitzende der Jungen Union hat sich gegen die steuerliche Gleichbehandlung eingetragener Lebenspartnerschaften ausgesprochen, eine Forderung, die einige Mitglieder beim heutigen CDU-Parteitag erheben wollen. Der 33-jährige Mißfelder ist ein gutes Beispiel für eine CDU, die in modernen Großstädten keine Chance beim Wähler hat (nur Dresden, Düsseldorf und Wiesbaden haben noch CDU-Oberbürgermeister), aber bei den Senioren absahnt, und die stellen in Deutschland die Mehrheit.

Solange jeder 90-jährige an Demenz erkrankte Mensch wählen darf, aber der Jugend das Wahlrecht verweigert wird, werden die Interessen der nachfolgenden Generation keinen politischen Niederschlag finden. Die Alten bestimmen die Wahlprogramme, denn sie haben aufgrund der bloßen Masse die Macht. So heißt es denn auch im Strategiepapier der CDU: „Ohne mindestens 50 Prozent Zustimmung bei älteren Wählern wird das Ziel 40 Prozent plus X nicht zu erreichen sein“.

Das Zitat stammt aus Wolfgang Gründingers Buch „Wir Zukunftssucher – Wie Deutschland enkeltauglich wird“.

Wolgang Gründinger, Autor von "Wir Zukunftssucher"
Wolfgang Gründinger, Autor von „Wir Zukunftssucher“, auf der Frankfurter Buchmesse 2012

In den meisten Parteien ist der Anteil der über 60-jährigen enorm gestiegen, bei der CDU in den vergangenen zwei Jahrzehnten von 29 auf 48 Prozent, die SPD hat 43 Prozent 60-Plus-Mitglieder, bei den Linken sind es sogar 70 Prozent. Nur bei den Grünen und den Piraten sieht es anders aus. Das heißt aber nicht, dass die junge Generation unpolitisch ist. Im Gegenteil, sie nutzt nur andere Kanäle für ihre politischen Aktionen.

„Das Web 2.0 macht es möglich: Niemand braucht mehr auf der Ersatzbank zu sitzen. Jeder kann mitmachen – an jedem Ort, zu jeder Zeit. Online-Aktivismus braucht keine Tagesordnung, keine Vorstandswahlen und keine Antragskommissionen. Das Internet ist eine Chance, mehr Demokratie zu wagen.“ (Wolfgang Gründinger)

Aber noch haben das unsere Politiker nicht begriffen. Im zuständigen Verbraucherschutzministerium gibt es fünf Referate, die sich mit Forstwirtschaft beschäftigen, aber nur ein einziges Referat, das für „Neue Technologien“ zuständig ist.

„Nicht einmal eine Datenbank mit allen Gesetzen, die wir doch als Bürger kennen und befolgen sollen, ist frei im Internet abrufbar“, moniert Gründinger und kennt auch die Ursache: „Im Bundestag sitzen maximal zehn Abgeordnete, die sich mit dem Netz wirklich auskennen. Unter denen herrscht eine harmonische Stimmung. Das Problem sind die anderen 610 Abgeordneten…“

Erst durch Wolfgang Gründinger habe ich die Diskussion über das Thema Urheberrecht endlich verstanden, nicht nur deshalb empfehle ich sein Buch. Gründinger hat sehr viele gute Ideen, wie unsere Gesellschaft generationengerecht umgebaut werden kann, ohne die Alten zu überfordern. Damit aber mehr Junge ihre Ideen einbringen können, müssen die Partizipationswege offener sein. Wem es nicht wie dem eingangs erwähnten Mißfelder um Karriere, sondern um Inhalte geht, der wird sich keiner Volkspartei anschließen: „Für uns ist Parteiarbeit zu viel Aufwand für zu wenig Ergebnis. Parteien halten wir für ineffizient“, schreibt Gründiger.

Auch sei das alte Parteienschema des Industriezeitalters völlig obsolet, heute wollten die Menschen nach Thema entscheiden: „Wenn es um Energiepolitik geht, würde jemand beispielsweise die Grünen wählen, wenn es um das Internet geht, die Piraten, und wenn es um soziale Gerechtigkeit geht, die SPD“. Derzeit müsse man sich aber ein ideologisches Korsett überstülpen lassen, wenn man parteipolitisch aktiv werden wolle. Allein die Piraten erlaubten ausdrücklich eine Doppelmitgliedschaft mit anderen Parteien.

Gründigers Appell an die Alten lautet: „Wir brauchen eure Macht. Denn ihr seid viele, und Masse ist Macht. Geht mit uns zusammen auf die Straße. Treibt eure Kinder und Enkel an, wenn sie verlernt haben, dass man Gesellschaft gestalten kann.“

Die Rentner in Spanien, die Yayoflautas, zeigen uns mit ihren Sponti-Aktionen, wie Solidarität mit den Enkeln geht.

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Wolfgang Gründinger ist Demokratieforscher und Publizist mit den Schwerpunkten Energiepolitik, Lobbyismus, Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit, sowie Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen und Mitglied im Think Tank 30, der jungen Denkfabrik des Club of Rome. (zitiert aus Wikipedia)

Wir Zukunftssucher – Wie Deutschland enkeltauglich wird“ ist erschienen in der edition Körber-Stiftung

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2 Gedanken zu “„Ihr werdet noch wünschen, wir wären politikverdrossen“

  1. freiedenkerin 4. Dezember 2012 / 19:15

    Danke für den Tipp. Dieses Buch interessiert mich sehr, das kommt in jedem Fall noch auf meine Weihnachtswunschliste. 🙂

  2. Hackentrick 6. Dezember 2012 / 21:18

    Musste gerade schmunzeln: Mein Feed zeigt in der Vorausschau das Artikelfoto (ohne Bilduntertitel) und die ersten Zeilen Deines Artikels. Mein erster Gedanke: „Seltsam, den Missfelder hatte ich nicht so sympathisch aussehend in Erinnerung.“

    Gottseidank hat mich das Gefühl nicht getäuscht.

    Eine gute Beobachtung, die Du bzgl. der Hinwendung zu den ‚Alten‘ gemacht hast. Und die ‚jungen‘ Vertreter in CDU, CSU und FDP werden mir immer unheimlicher, weil ich mir nicht erklären kann, wo diese Leute meiner Generation während meiner eigenen Jugend gesteckt haben. Man müsste mal die Biografien beispielsweise der Herren Söder, Rösler und Missfelder oder Frau Schröder auf Gemeinsamkeiten untersuchen, um wenigstens für die Zukunft Schlimmeres verhindern zu können!

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