Geschwister-Scholl-Preis an Andreas Huckele, alias Jürgen Dehmers

Für sein Buch „Wie laut soll ich denn noch schreien“ über den jahrzehntelangen Kindesmissbrauch an der Odenwaldschule wird Andreas Huckele, der unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers veröffentlichte, heute abend den Geschwister-Scholl-Preis erhalten. Die Dankesrede wurde heute vorab und ungekürzt in der Frankfurter Rundschau abgedruckt:

„Die Entscheidung der Jury finde ich aber auch mutig, weil es in dem Buch, das ich geschrieben habe, um eine Schule geht, die einmal zu den besten des Landes gehört haben soll und auf deren 75jährigem Jubiläum der Bundespräsident Seite an Seite mit den Kriminellen über das Schulgelände flanierte. Es geht um eine Schule, die von einem pädokriminellen Schulleiter geführt wurde und vor den sich einer der führenden Pädagogen und Intellektuellen Deutschlands als sein Freund schützend stellte und die Hypothese vertrat, dass ja einer der Schüler mal Herrn Becker verführt hatte. Der sagte tatsächlich verführt. Fragt man die 10jährigen Vergewaltigungsopfer des Schulleiters, klingt das ganz anders. Es geht um eine Schule, deren Versagen in einem Artikel der Frankfurter Rundschau im Jahr 1999 präzise beschrieben wurde und die das tat, was sie eigentlich schon immer tat, wenn es um misshandelte Kinder ging: nichts. Einige Jahre später zeichnete ein anderer Bundespräsident die Schule als einen „Ort der Ideen“ aus. Ich hatte nie die Gelegenheit, ihn zu fragen, wie er das denn meine.

Die über einhundert missbrauchten Kinder, die von mehr als einem Dutzend Täter und Täterinnen misshandelt wurden, konnten es mir auch nicht erklären. Ich habe ein Buch geschrieben, das Menschen demaskiert, die sich zur Elite unseres Landes zählen und die auf die Ereignisse in der Odenwaldschule angesprochen sagen: „Ich habe nichts gewusst“.

„Ich habe nichts gewusst“ ist zu wenig in einem Land mit unserer Geschichte, ausgesprochen von Leuten, die einmal angetreten waren, um das bessere Deutschland zu verwirklichen.“ (Auszug aus der Dankesrede von Andreas Huckele anlässlich der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises; abgedruckt in der Frankfurter Rundschau vom 26.11.2012)

Links:

Beitrag von Laura Freisberg auf Bayern 2.

Melanie Mühl in der FAZ „Die Odenwaldschule muss endlich geschlossen werden“: „Der Albtraum“

Jürgen Dehmers: „Wie laut soll ich denn noch schreien“, Rowohlt, 19,95 Euro, 320 Seiten

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2 Gedanken zu “Geschwister-Scholl-Preis an Andreas Huckele, alias Jürgen Dehmers

  1. freiedenkerin 26. November 2012 / 17:33

    „Ich habe nichts gewusst“ ist seit Ende des Zweiten Weltkriegs ein stehender Spruch hierzulande…

  2. Carmen 26. November 2012 / 18:47

    Was ich einfach nicht begreifen kann: Warum gab es 1999 keinen Aufschrei nach der Veröffentlichung in der FR?

    Jahrzehnte, nachdem die Frauenbewegung das Thema Kindesmissbrauch öffentlich gemacht hat, fand der Missbrauch an den Jungen kein Gehör. Unglaublich.

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