Das letzte Rascheln?

„Bis vor wenigen Jahren zeigte die Wahl der Tageszeitung verlässlich das Lebensgefühl und die politische Einstellung seiner LeserInnen. FAZ-Leser waren vielleicht klug, aber konservativ und langweilig, Frankfurter Rundschau-Leserinnen waren intellektuell und kritisch, taz-LeserInnen weit links und BLÖD-Leser waren – wie heute auch noch – blöd.

Inzwischen sind es wesentlich weniger – und vor allem ältere – Menschen, die sich ausschließlich von einer Tageszeitung informieren lassen und auf deren Auswahl und Interpretation des Tagesgeschehens vertrauen. Diese schwindende Gruppe zieht sich die Meinung des Journalisten an wie eine bequeme Jacke, die vor der Unübersichtlichkeit schützt.“ („Meine Informationsgesellschaft“ vom 20.6.2012)

Früher hatte ich immer das Gefühl, etwas zu versäumen, wenn ich einen Tag keine Frankfurter Rundschau lesen konnte. Heute verlasse ich mich darauf, dass wichtige Themen in Blogs oder per Twitter aufgegriffen werden und lese nur noch Samstag und Sonntag regelmäßig die Printausgaben von Rundschau und Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Das geht vielen Leuten so. Wir informieren uns verstärkt über seriöse Blogs oder betreiben selbst einen Blog.

Hat der klassische Journalismus angesichts dieser Entwicklung noch eine Chance, fragen sich nicht erst seit dem Insolvenzantrag der Frankfurter Rundschau viele Menschen. Auch Frank Schirrmacher beschäftigt sich in der gestrigen FAS mit dieser Frage:

„Wenn Zeitungen, die nie Geld verdienten, untergehen, sagt das nichts aus über Zeitungen. Wenn Zeitungen, ob auf Papier oder im Netz, nicht mehr vermisst oder gebraucht werden, sind sie selber schuld. Aber wann wäre das je anders gewesen? Streitet das Land im einundzwanzigsten Jahrhundert ernsthaft über die Frage, ob man Dinge, die man liest anfassen kann? Streiten wir über das Rascheln, wo doch jeder weiß, dass in einer Welt ohne Papier sofort eine Zeitung mit Papier eine Marktlücke ist? Als wäre das die Frage. Als wäre die Frage nicht viel mehr, ob Journalisten den Hypes widerstehen oder weiterhin die Karikatur einer Branche abgeben wollen, die noch ihre eigene Krise zum Hype macht? (…) Als gäbe es allen Ernstes einen ontologischen Unterschied zwischen – sagen wir Bloggern und Journalisten und nicht etwa nur einen individuellen;“ (Frank Schirrmacher: „Das heilige Versprechen“)

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die seit 2001 bundesweit erscheint, gehört zu den wenigen Zeitungen mit steigender Leserschaft: Ihre verkaufte Auflage liegt laut wikipedia bei 357.722 Exemplaren, sie erreicht wöchentlich 1,17 Millionen Leser, das entspricht einer Reichweite von 1,8 % in der Gesamtbevölkerung.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Das letzte Rascheln?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s