Das letzte Rascheln? Teil 2

„Hast du den Artikel über XX in der FR/FAZ gelesen?“ Solange meine Peer-Group nicht die gleichen Blogs liest wie ich, muss ich ihre Zeitungen lesen. Denn Zeitungsartikel bieten noch immer die verlässlichsten Gesprächsthemen.

Heute war es ein Artikel im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, den meine Freundin mir empfahl und dessen Lektüre mir die Zornesröte ins Gesicht trieb: „Rosa Rollback“ wurde der Text von Carolin Wiedemann überschrieben, der sich mit der Pinkifizierung der kindlichen Lebenswelt beschäftigt.

Nichts lässt Leute älter erscheinen als eine Kritik des Zeitgeistes bei gleichzeitiger Idealisierung der Vergangenheit. Carolin Wiedemann ist noch keine 30, schreibt aber schon im Duktus des „Früher war alles besser“. Der Inhalt ist schnell erzählt: Während in den 80ern und 90ern Kinder wie Kinder ausgesehen hätten, gäbe es heute einen Trend zur Pinkifizierung von Produkten und Kleidung, der Mädchen immer früher sexualisiere:

„Prinzesin Lillifee, Cinderella (…) sind alle Teil desselben Phänomens. Süß und sexy – das sind die neuen Kinder mit XX-Chromosomen“, behauptet Wiedemann. Für die steile These müssen die Aussage eines kleinen Mädchens in einer amerikanischen Fernsehserie, das Foto eines kindliches Models in der Vogue und eine britische Reality-Show über Mini-Miss-Wahlen herhalten. Der Artikel gipfelt in dem Satz:

„In Gesellschaften, die so tun, als gäbe es keinen Sexismus mehr, als hätten alle die gleichen Chancen, nehmen Fünfjährige Pole-Dance-Stunden und lassen ihre Beinhärchen per Laser dauerhaft entfernen.“

Schade, dass wir nicht erfahren, ob die Fünfjährige mit dem Taxi zur Kosmetikerin fährt und dort mit Scheckkarte zahlt.

Jetzt mal ernsthaft: Kinder haben Eltern, deren Aufgabe es noch ist, das Kind zu erziehen. Dazu gehört, ihm Werte zu vermitteln.

„Willst du heute klettern oder mal nen Rock anziehen“ lautete die morgendliche Frage vor dem Kleiderschrank meiner Tochter, als sie noch in den Kindergarten ging. Nach etlichen Knieverletzungen blieb der Rock, wo er war und es wurde die Jeans angezogen. Und die Farbe der Kleidung war meiner Tochter völlig schnurz.

Kinder orientieren sich an den elterlichen Vorbildern. Wenn die Eltern Bücher höher achten als ein schickes Auto, wird das Kind diese Werte zumindest bis zur Pubertät teilen. Eine Mutter, die dem neuesten Modetrend nachläuft, primitives Privatfernsehen schaut und das Kind vor Super-RTL parkt, darf sich nicht wundern, wenn aus der Tochter eine rosa Zicke wird. Es sind die Eltern, die ihre Töchter zu einem selbstbewussten Mädchen erziehen und oder zu einer kleinen abhängigen Modepuppe.

Schade um den Baum, der für den Druck dieses Artikels gefällt wurde.

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4 Gedanken zu “Das letzte Rascheln? Teil 2

  1. freiedenkerin 26. November 2012 / 18:25

    Also, ich überlege jetzt schon eine Weile hin und her, ich kann mich aber beim besten Willen nicht entsinnen, wann ich hier pinkfarbene Klein- und Größerkinder gesehen hätte…

  2. Carmen 27. November 2012 / 08:28

    Der Artikel folgt genau dem Hype, den Frank Schirrmacher zwei Seiten davor in der FAS als schlechten Journalismus kritisierte: Ich behaupte einen Trend und schlage dann auf ihn ein.

    Nicht die zeitweise Rosa-Phase mancher kleiner Mädchen ist bedenklich, sondern dass in der FAS eine junge Frau, die offensichtlich wenig Kontakt zu Familien mit Töchtern hat, über das Thema schreibt und dabei Quellen aus Ländern und Milieus heranzieht, an denen sich das Gros der Familien hierzulande niemals orientieren würde.

    Konservativ und Mädchen diskriminierend ist nicht der Hersteller von Lillifee, sondern die Vorstellung der Autorin, die „Pinkifizierung“ mache aus Mädchen unterwürfige Frauen.

    Viel näher an der Realität der Mädchen ist Antje Schrupp mit ihrem Artikel „Beim pinken Überraschungsei geht es nicht um Mädchen, sondern um Jungen“, den ich sehr empfehle.

  3. LOB 27. November 2012 / 09:17

    Wenn mit den Kids der Zeit alles stimmt, werden die Töchter in Pink, nur bis zur Pubertät die pinken Töchter sein, um es dann gegen das neue Pink einzutauschen. Gut, auf der Zeil habe ich letztens auch so einen Shop fürs
    pinke Outfit gesehen und meinen Kopf geschüttelt. Wer würde sein Kind so kostümieren? Der Hang zur CI mancher Zeitgenossen bleibt mir ein Rätsel.

  4. Uhupardo 28. November 2012 / 02:17

    „Nicht die zeitweise Rosa-Phase mancher kleiner Mädchen ist bedenklich, sondern dass in der FAS eine junge Frau, die offensichtlich wenig Kontakt zu Familien mit Töchtern hat, über das Thema schreibt und dabei Quellen aus Ländern und Milieus heranzieht, an denen sich das Gros der Familien hierzulande niemals orientieren würde. “

    Vollinhaltlich unterschrieben by Uhupardo

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