Die alte Welt liegt im Sterben…

Heute hat mich ein Solidaritätsaufruf von Verdi erreicht, per Unterschrift soll ich mich für den Erhalt der Frankfurter Rundschau einsetzen. In dem Schreiben heißt es:

„Nun wurde ein Insolvenzantrag wegen drohender Zahlungsunfähigkeit gestellt, weil die beiden Hauptgesellschafter DuMont Schauberg und DDVG keine Mittel mehr zur Verfügung stellen wollen.

Wir erklären uns mit den Kolleginnen und Kollegen der Frankfurter Rundschau solidarisch. Ziel ist es, die Arbeitsplätze und auch die Medienvielfalt zu erhalten. (…) Wir wollen dazu beitragen, dass die verlegerische Fehlentscheidungen der letzten Jahre nicht auf dem Rücken der Beschäftigten und ihren Familien ausgetragen werden.“

Ich habe nicht unterschrieben. Dass die FR-Gesellschafter bei bis zu 16. Mio Verlust jährlich die Reißleine ziehen, ist vernünftig. Und es greift auch zu kurz, Fehlentscheidungen der Führungsriege als Ursache der Insolvenz zu benennen; im Gegensatz zu den Gewerkschaftern hat mir z.B das Tabloid-Format zugesagt. Ich schätze die Kollegen der Frankfurter Rundschau sehr. Ich möchte ihre Texte gern weiterhin lesen. Aber Print muss das nicht sein.

In meinem Haushalt wird immer weniger „Papier verschlungen“, es wird aber mehr gelesen, als je zuvor und nicht alles umsonst. Wir flattern auch.

„Ziel ist es, die Arbeitsplätze und auch die Medienvielfalt zu erhalten.“ schreibt Verdi und jetzt weiß ich, was mich davon abhielt, zu unterschreiben. Wo leben die denn, die Gewerkschafter, waren die schon mal im Internet?

Die Antwort der Bloggers Jürgen Fenn auf die Krise der Tageszeitungen ist unsentimental und zukunftsorientiert:

„Wenn die Verlage zunehmend keine attraktiven Produkte mehr anbieten können, bleibt es der Zivilgesellschaft, sich selbst zusammenzufinden und sich gegenseitig zu informieren. Und das klappt jetzt schon seit Jahren, und immer besser. Es kann über alle Kanäle im Web 2.0 laufen: Blogs, Twitter, auch Wikis eignen sich dazu, siehe oben. Und das kann durchaus auch zu einer sehr viel wirksamerem Kontrolle von Politik führen als die früheren kommerziellen Strukturen.
Die Pressefreiheit war schon immer die Freiheit ganz weniger Verleger, ihre Meinung veröffentlichen zu dürfen.“
(„Jedenfalls kein Massenmedium“ in Schneeschmelze)

“Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren…“ (Zu meinem Artikel zur Informationsgesellschaft vom Juni 2012)

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5 Gedanken zu “Die alte Welt liegt im Sterben…

  1. Hackentrick 22. November 2012 / 22:20

    Ich habe beim drohenden Abgang insbesondere der Regionalzeitungen dennoch Magenschmerzen. Die „unsentimentale Antwort“ Fenns ist sicher gerechtfertigt, die Blog-/Twitter-/Wiki-Welt schliesst jedoch einen Aspekt aus:

    Bei aller Freude, dass ich mich im iNet umfassend über Syrienkrise, Erderwärmung oder Pussy Riot informieren kann – ich kenne noch keine zufriedenstellenden Online-Alternativen, die unseren Kommunen und Gemeinden als vierte Gewalt auf die Finger schaut. Bei einem Zeitungssterben sehe ich da für unsere demokratische Bürgergesellschaft durchaus ein Problem…

  2. Carmen 22. November 2012 / 22:25

    Das stimmt vor allem deshalb, weil es einer Bloggerin wesentlich schwerer fallen dürfte einen Interview-Termin mit dem Oberbürgermeister oder dem Verkehrsdezernenten zu bekommen als einem FR-Journalisten.

  3. Carmen 23. November 2012 / 08:03

    Übrigens besteht die Möglichkeit, die Fraktionssitzungen der ELF-Piraten live zu verfolgen (Piraten-Streaming). Die Stadt Frankfurt weigert sich leider, auch die Stadtverordnetenversammlung live zu übertragen.

    Außerdem könnten BloggerInnen – genau wie Pressejournalisten – an allen Ausschusssitzungen teilnehmen und darüber berichten. Die Tagesordnungen der Sitzungen finden sich in Parlis. Eine Berichterstattung via Blogs ist also möglich, aber sehr zeitaufwändig und ohne irgendein Bezahlmodell sicher nicht zu haben.

  4. Hackentrick 23. November 2012 / 10:10

    Danke für die Info! Parlis ist mir bekannt, das Piraten-Streaming werde ich mir mal anschauen…

    Ich glaube, dass es durchaus auch ohne Bezahlmodell machbar wäre. Lokalpolitisches Bloggen ist eher eine Frage des Interesses (und der Kompetenzen): es ist halt einfacher, sich in Blogs über unprüfbare Vorgänge im Nah-Ost-Konflikt, über Mode oder die eigene Gefühlswelt auszulassen, als sich mit dem Klein-Klein der Kommunalpolitik auseinanderzusetzen. Da fasse ich mir auch gerne an die eigene Nase 🙂

  5. Carmen 23. November 2012 / 10:42

    Man/Frau könnte, wenn man/frau wollte… Die nächste Stadtverordnetenversammlung ist am 13.12. um 16 Uhr, davor tagt der wichtige Haupt- und Finanzausschuss um 14.30 Uhr (und davor am Dienstag um 17 Uhr).

    Für die Stadtverordnetenversammlung muss man sich anmelden (buergerberatung@stadt-frankfurt.de), für die Ausschüsse nicht.

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