Schöne neue Familie? – Teil 2

Der Ausbau der Betreuung für unter Dreijährige ist für viele Eltern unbestritten ein Segen. Es ist meiner Meinung nach keinem intelligenten Erwachsenen zuzumuten, über einen längeren Zeitraum den ganzen Tag mit einem Kleinkind allein in einer Stadtwohnung zu verbringen, unterbrochen nur von Spaziergängen und Treffen mit anderen Eltern, die auch nur übers Kind reden. Meine Idealvorstellung, ein Kind groß zu ziehen, ist daher die Teilzeitbeschäftigung für beide Eltern.

Ansonsten bin ich inzwischen sehr dafür, dass jede/r seinen eigenen Lebensentwurf lebt. Mütter, die mehrere Jahre wegen der Kinder zu Hause zu bleiben, erfahren heute statt Anerkennung eher Verachtung, gerade von Frauen. Sich dem gesellschaftlichen Mainstream zu unterwerfen und schnell wieder arbeiten zu gehen, bringt dagegen viel Lob. Der Arbeitgeber nutzt Mütter allerdings in der Regel als Manövriermasse. Mein Chef bei einer Frankfurter Bank beharrte damals darauf, dass ich schnell wieder aus der Elternzeit zurückkomme – was ich auch tat. Als ein halbes Jahr später 600 Stellen eingespart werden sollten, auch die von mir betreute Kundenzeitschrift fiel der Sparmaßnahme zum Opfer, waren es die Mütter mit kleinen Kindern, denen zuerst eine Abfindung angeboten wurde.

Darüber sollten sich die Mütter und Väter im Klaren sein: Es geht bei dem Ausbau der Kinderbetreuung um rein ökonomische Interessen. Oder wie Jesper Juul so schön sagt: Kinderkrippen und Kindergärten sind keine Erfindung Gottes und kein Geschenk an seine jüngsten Schäfchen, sondern „ein Angebot der Gesellschaft an die Eltern, die im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt benötigt werden.“

„Seit vier Jahrzehnten beobachten wir dasselbe Spiel: Wenn Politiker sich mit ihrem unzureichenden Etat konfrontiert sehen und den Kürzungsvorgaben der Regierung entsprechen müssen, führt sie das schnurstracks in Richtung Kinderbetreuung: Sie kürzen Zuschüsse, erhöhen die Preise oder beides auf einmal und sind trotzdem gerissen oder ignorant genug, zu behaupten, dass derlei Maßnahmen in keinster Weise die Qualität der Versorgung beeinträchtigen werden.“ (Jesper Juul: Wem gehören unsere Kinder)

Genau das erleben die Eltern in vielen hessischen Städten derzeit, zum Beispiel in Bad Vilbel.

Gleichzeitig beherrscht der Kita-Ausbau und der Ausbau zur Ganztagsschule die Politik auf Landes- und Bundesebene. Die von der Bundesregierung vorgegebenen Ausbauquoten für die nächsten Jahre sind von den Kommunen kaum umsetzbar. Zum einen weil ihnen die finanziellen Mittel, zum anderen weil ihnen das qualifizierte Personal fehlt.

Die Eltern sollten sich auch immer darüber klar sein, dass Papier geduldig ist. Die für jedes Bundesland erstellten Bildungspläne für Kindertagesstätten haben mit der Realität in den Kitas häufig nicht viel zu tun.

Das Hessische Sozialministerium gibt seit vielen Jahren die Hessischen Elternhefte heraus und informiert darin z.B. über die Kriterien eines guten Kindergartens. Mit diesem Wissen bin ich vor Jahren zum Schnuppertag in den städtischen Kindergarten des Frankfurter Stadtteils, in den wir gerade gezogen waren und der damals als einziger auch Hortplätze anbot. Als vorausschauende berufstätige Mutter war das für mich das wichtigste Argument.

Den Erzieherinnen, die den Schnuppertag veranstalteten, waren Gespräche mit Eltern offensichtlich unangenehm. Sie waren auf Fragen nicht vorbereitet und als ich sagte, dass mein zweieinhalbjähriges Kind noch Windeln braucht, waren sie entsetzt: Das ginge ja überhaupt nicht, dann würden die anderen Kinder ja lachen und außerdem hätten sie in der Einrichtung auch keinen Wickeltisch. Gerade hatte ich aus den Elternheften gelernt, dass es ein Kriterium für eine gute Kita sei, wenn auf das Kind kein Druck ausgeübt werde, trocken zu werden und diskutierte also darüber mit den Erzieherinnen. Mein sensibles Kind beschloss derweil, den Druck von der Mama zu nehmen und brauchte von diesem Nachmittag an nur noch nachts Windeln.

Es hatte an diesem Tag gelernt, gesellschaftliche Anforderungen zu erfüllen, die den eigenen Wünschen und den Vorstellungen der Mama widersprechen.

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2 Gedanken zu “Schöne neue Familie? – Teil 2

  1. Jarg 19. November 2012 / 09:15

    Es ist wirklich bitter, wie Eltern an der Nase herumgeführt werden. Wird Zeit, das nicht nur die Haltungsbedingungen von Legehennen, sondern auch von Kindern breit diskutiert werden.

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