Schöne neue Familie? – Teil 1

„Die Tagesmutter, in Frankreich liebevoll Nounou genannt, trägt die Hauptlast der Betreuung. Morgens um 8.45 klingelt die Mittfünfzigerin mit den blonden Locken an der Wohnungstür. Abends um 19.30 Uhr, wenn Hadriens Mutter der Kanzlei den Rücken gekehrt hat und an manchen Tagen auch der Vater schon zu Hause ist, zieht die Nounou leise die Tür hinter sich ins Schloss. Bevor sie geht, pflegt sie Hadrien (2) um 18.30 Uhr noch zu baden und – sollte die Mutter noch nicht da sein – auch ins Bett zu bringen.“ („Wie Europa seine Kinder hütet“, Frankfurter Rundschau vom 17.11.2012)

Was hier so positiv als das französische Betreuungsmodell vorgestellt wird, verursacht mir Gänsehaut. Wer ein Kind hat, weiß, dass eine stabile Beziehung nur entsteht, wenn man gemeinsam Zeit verbringt und zwar täglich. Das psychische Überleben des kleines Hadrien ist durch eine gute Beziehung zur Nounou sichergestellt, keine Frage, aber als Vorbild taugt dieses „Familienleben“ sicher nicht.

Die Bindung zwischen Neugeborenem und Eltern ist nicht einfach vorhanden, sie entsteht langsam. Das Kind ist zuerst ein fremdes Wesen, völlig abhängig von wohlwollenden Eltern. Heute, wo Frauen ihr erstes Kind immer später bekommen und statt dessen viele Jahre im Arbeitsleben stehen, bevor sie Mutter werden, ist das Leben mit Kind manchmal ein Schock. Die Arbeit in einem sauberen, geruchsfreien Büro, umgeben von Erwachsenen, die höflich bitten und nicht schreien, erscheint gelegentlich durchaus als Paradies.

Sind wir ehrlich: Die schnelle Rückkehr ins Arbeitsleben geschieht meistens aus notwendigen ökonomischen oder persönlichen Gründen und nicht zum Wohle des Kindes. Ich weiß noch genau, wie gut ich mich fühlte, als ich mein Kind nach sechs Monaten Elternzeit für drei halbe Tage in der Woche zu einer Nachbarin bringen und wieder stundenweise arbeiten gehen konnte. Als hätte das Kind gewusst, was von ihm erwartet wird, schlief es genau ab diesem Zeitpunkt nächtens durch.

Ich war nie eine Spielplatz-Mutter, ich habe nie einen Pekip-Kurs oder einen Babyschwimmkurs besucht und fürs Basteln war der Papa zuständig. Ich habe aber jahrelang jeden Morgen nach dem Aufwachen mit meinem Kind das gleiche Wimmelbuch angeschaut und heute erkläre ich ihr in langen Gesprächen die Welt. Ich glaube, dass Kinder keine perfekten Mütter brauchen und auch keine, die aus Ideologie auf die außerhäusliche Tätigkeit verzichten. Was ein Kind zum Glücklichsein braucht, ist die Zeit von empathischen und zufriedenen Eltern. Eine Familie wird man aber nicht, wenn man/frau vor dem Kind flüchtet!

„Familie heißt Heimat. Das ist ihre Idealvorstellung. Sie ist der geschützte Ort, an dem wir von Eltern und Geschwistern umgeben in das Leben hineinwachsen und unsere Individualität entwickeln. Wir beobachten, wie die Beziehung unserer Eltern funktioniert, und spiegeln uns in ihnen. Dabei wundern wir uns zwar, wie der Vater es mit der Mutter aushalten kann und umgekehrt. Gleichzeitig sehen wir, dass sie es miteinander aushalten, trotz allem. Ihr Streit gefährdet nicht die Fundamente. Klar will man oft fortlaufen, weil alles eng ist, auf klaustrophobische Weise bedrückend. So ist das mit fast allen Dingen, die einen in unmittelbarer Nähe umgeben, mal liebt man sie, mal hasst man sie.” (Melanie Mühl in der FAZ vom 19.8.2010)

Das ist eine der treffendsten und schönsten Beschreibungen von Familie, die ich kenne. Ist diese Familie ein Auslaufmodell?

In seiner soeben erschienenen Streitschrift „Wem gehören unsere Kinder?“, hat Jesper Juul auf 40 Seiten seine Ansichten zur Frühbetreuung niedergelegt und die werden hoffentlich für angeregte Diskussionen sorgen:

„Es geht (bei der Erhöhung der Betreuungsquote) um das politische Interesse des jeweiligen Landes, ökonomisch mit anderen Ländern Schritt zu halten und konkurrieren zu können. Weshalb es notwendig ist, dass Eltern bereits kurze Zeit nach der Geburt wieder produktiv arbeiten können und wir deshalb die Kinderbetreuung am besten gleich in eine fünfjährige Vorschulzeit umwandeln. Das erinnert sehr an die Zeit der frühen Industrialisierung, als die Fabrikbesitzer von einer direkten Verknüpfung zwischen Mensch und Maschine geträumt haben.“ (Jesper Juul)

(Hier geht es zu Schöne neue Familie? – Teil 2 und Teil 3)

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