Bürgeruni Frankfurt: Krise des Kapitalismus?

Die Galerie im Holzfoyer der Oper Frankfurt war überfüllt, als gestern die Bürgeruni das Wintersemester 2012/13 mit einer Diskussion über die „Krise des Kapitalmus – Krise der Demokratie?“ eröffnete. Ich hatte mich auf eine Diskussion zwischen Erik Buhn von Occupy, Oberbürgermeister Peter Feldmann und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher gefreut, doch letzterer musste absagen und schickte seine Kollegen Manfred Köhler und Andreas Platthaus. Außerdem saßen der Tübinger Soziologe Prof. Christoph Deutschmann und der Professor für Internationales Bank- und Finanzwesen an der Goethe-Universität Reinhard H. Schmidt auf dem Podium.

Leider fielen die „Impulsvorträge“ der Teilnehmer recht lang aus, Andreas Platthaus, den ich gerade erst bei den Römerberggesprächen gehört hatte, musste sich wegen seines langen und dichten Vortrags ein „Aufhören“ aus dem Publikum gefallen lassen. Es hätte den Veranstaltern auch gut angestanden, sich um eine Frau auf der Bühne zu bemühen, die FAZ verfügt doch durchaus über weibliche Wirtschaftsredakteure.

Oberbürgermeister Feldmann erzählte von seiner Überraschung, als er im August letzten Jahres Frank Schirrmachers Artikel „Ich beginne zu glauben, das die Linke recht hat“ las und zitierte daraus: „Jetzt heißt es, dass Banken die Gewinne internationalen Erfolgs an sich reißen und die Verluste auf jeden Steuerzahler in jeder Nation verteilen. Die Banken kommen nur noch ,nach Hause‘, wenn sie kein Geld mehr haben. Dann geben unsere Regierungen ihnen neues.“

„Warum reden wir von einer Staatsschuldenkrise„, fragte Feldmann. Es sei schließlich die Finanzkrise ab 2007 gewesen, die zur Verschuldung der meisten Länder geführt habe. 400 Milliarden seien bis jetzt bereits an Banken ausgezahlt worden, ein Vielfaches von der Summe, über die z.B. gerade die deutsche Regierung auf ihrem Koalitionsgipfel gestritten habe.

Erik Buhn erklärte, wir hätten weniger eine Krise des Kapitalismus als eine Krise des gesunden Menschenverstandes. Dass die freie Marktwirtschaft nicht funktioniere, sehe man am Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Frankfurt. Peter Feldmann ergänzte: „In Frankfurt stehen 2 Millionen Quadratmeter Büroraum leer. Wir müssen mutig sein, und auch den Abriss von Bürogebäuden in Betracht ziehen.“

Das Publikum hatte Erik Buhn oft auf seiner Seite, seit seiner Teilnahme an den Römerberggesprächen 2011 konnte er als Occupist viel Erfahrung mit Öffentlichkeit und Presse sammeln. So hatte er die Lacher auf seiner Seite, als er in einem kurzen Rekurs auf Peer Steinbrücks Vortragshonorare sagte: „Wir haben nicht nur privatisierte Banken, sondern auch privatisierte Politiker.“

Peter Feldmann konnte nicht bis zum Ende der Diskussion bleiben, weil er noch einen Termin beim Türkischen Freundschaftsverein wahrnehmen wollte. (Sechs Monate ist Peter Feldmann jetzt im Amt, aber es ist noch immer unglaublich, dass Frankfurt sich einen solchen Oberbürgermeister gewählt hat.)

Es ist ein Zeichen für eine engagierte Bürgerschaft, dass gestern so viele Menschen an der Veranstaltung teilgenommen haben. Für das Publikum sicher noch interessanter wären die Abende, wenn stärker darauf geachtet würde, dass weniger vorgetragen und mehr diskutiert wird.

(Hier geht es zum Programm der Bürgeruni Frankfurt)
(Hier geht es zu Flickr, wo Barbara Walzer Fotos der Veranstaltung eingestellt hat)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s