Frankfurter Pirat: „Unsere Werte sind links“

Was ist eigentlich mit den Piraten los? Ich habe ihnen ja, als die Presse sie vor ein paar Jahren hoch geschrieben hat, keine lange Lebensdauer zugetraut. Komische Kerls, die entweder nie die Pizza verschmierte Maus aus der Hand legen oder – noch schlimmer – mit Dreißig schon das saturierte Aussehen eines Wohlstandsdeutschen haben. Inzwischen ist der Sebastian Nerz aber zur FDP gewechselt und mimt dort den Generalsekretär, ach nee, der heißt ja Döring, egal, es ist jedenfalls klar geworden, worauf ich hinaus will, oder?

Im Laufe der Zeit hat sich mein Bild von den Piraten verändert.

Ich fand z.B. gut, dass Johannes Ponader sich bei Jauch ehrlich über seine Lebensverhältnisse äußerte. Mir fiel damals eine Stelle aus Katja Kullmanns „Echtleben“ ein: Kullmann war zusammen mit Olaf Henkel von einem Fernsehsender eingeladen, um über „1968 und die Folgen“ zu plaudern. Katja sollte über ihre Generation reden, über die „Ego-Taktiker und Ich-Linge, die Pragmatiker und Weicheier, die First-Mover und Job-Nomaden…“. Was aber in der illustren Runde keiner wusste, Katja war seit kurzem auf Hartz IV. In ihrem besten kleinen Schwarzen wahrte sie die Form, rauchte eine Zigarette mit dem „Oldschool-Kapitalisten“ Henkel und rechnete im Stillen nach, ob das Geld bis zum nächsten Monat reicht.

Ponader hingegen sitzt da in seinen Sandalen, twittert und lächelt, während Jauch immer verbissener nachfragt. Das war eine gute Szene. Einige Zeit später gründete sich die Partei übergreifende aber von den Piraten unterstützte Initiative „Die Mitläufer“ , die Empfänger von Sozialleistungen berät und zu Ämtern begleitet. Partei intern verstärkt sich bedauerlicherweise in letzter Zeit eine Strömung, unterstützt von Parteichef Schlömer, die Ponader immer stärker wegen seines Lebenstils anfeindet.

Die Frankfurter Rundschau hat das heute zum Anlass genommen, ein Interview mit dem Frankfurter Piraten Martin Kliehm zu führen, der die Kontroverse so erklärt:

Kliehm: „Es gibt bei uns einen grundsätzlichen politischen Richtungsstreit, so wie früher bei den Grünen zwischen Fundis und Realos.

FR: Sind Sie ein Realo?

Kliehm: Ja. Unsere Fundis, die Kernis, beschäftigen sich ausschließlich mit Fragen der technischen Entwicklung. In Frankfurt widmet sich mindestens die Hälfte unserer Anträge anderen Problemen.

FR: Wo ordnen Sie sich auf einer Rechts-Links-Skala ein?

Kliehm: Ganz klar: Für mich sind die Piraten eher links, sozialliberal, progressiv, international und egalitär. Unsere Werte sind links. Im Bundesvorstand gibt es allerdings frühere Mitglieder von CDU und FDP, die drängen in eine andere Richtung. Dadurch entstehen die Konflikte.(…) Wir in Frankfurt versuchen, uns nicht negativ beeinflussen zu lassen. Wir arbeiten ruhig und professionell weiter. Wir setzen uns für das IvI ein und für das Flüchtlingscamp, wir erzeugen politischen Druck gegen die Tarifreform der GEMA. Wir hoffen, dass das honoriert wird.“

(Zum vollständigen Interview in der FR vom 31.10.2012)

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