„untertan“ von Joachim Zelter

Keine andere Gesellschaftsschicht ist so ängstlich und in seiner Angst zu solcher Unterwerfung bereit, wie der Mittelstand. Über dieses Milieu, auch Groß- bzw. Kleinbürgertum genannt, wurde viel geforscht und geschrieben (exemplarisch empfehle ich diesen ZEIT-Artikel vom 12.1.1973 „Faschismus und Bürgertum“).

In der Literatur des 20. Jahrhunderts war es vor allem Heinrich Mann, der diesem Menschentyp mit seinem berühmten Roman „Der Untertan“ ein Denkmal gesetzt hat. Der Antiheld Heßling wird im Roman „einerseits als Tyrann dargestellt, dem die Hierarchie der Gesellschaft des Kaiserreichs Macht verschafft, andererseits als Untertan, der von der „Zugehörigkeit zu einem unpersönlichen Ganzen, zu diesem unerbittlichen, menschenverachtenden, maschinellen Organismus“ geprägt ist und unter ihm leidet.“ (Wikipedia) Dieser Menschentyp war für das nationalsozialistische Regime unabdingbar.

Nun ist vor wenigen Monaten der neue Roman von Joachim Zelter erschienen: „untertan“.

Hundert Jahre nach Heinrich Mann skizziert Joachim Zelter den Untertanen von heute. Und das Erstaunliche: Die Monarchie ist vergangen, der Faschismus wurde besiegt, die Demokratie währt bereits über 60 Jahre, aber der Untertan ist sich in weiten Teilen gleich geblieben.

In der Gestalt von Friederich Ostertag, einziger Sohn eines Spielwarenladen-Inhabers, zeigt uns Zelter seine heutige Erscheinungsform. Auf Drängen des Vaters wird Friederich bereits mit fünf Jahren eingeschult, bald zeigt sich seine völlige Überforderung. Dennoch muss der Junge aufs Gymnasium, wo er ebenso scheitert – trotz aller väterlichen Bemühungen um Lehrer und Direktoren. Schließlich schickt ihn der Vater auf ein Internat, wo Friederich seine endgültige charakterliche Prägung erfährt. Dort sind lauter Söhne von Markenartiklern, Knorr, Suhrkamp und der adelige Von Conti, allesamt dumm und faul, aber mit vom elterlichen Geld aufgeblasenem Ego, die Friederich seinen Status schmerzlich spüren lassen.

Wer Zelters Roman „Der Ministerpräsident“ gelesen hat, mit dem er für den Deutschen Buchpreis 2010 nominiert war, weiß, dass Zelter sich gern von aktuellen Ereignissen inspirieren lässt. So auch diesmal: Wenn Friederich später Karriere machen wird als Ghostwhriter und persönlicher Referent eines gutaussehenden Adeligen, der über nichts anderes als seine Herkunft und sein Auftreten verfügt, kommt unweigerlich Guttenberg in den Sinn.

Mich hat das Buch wütend gemacht und das soll es, denke ich, auch. Die Angst des Mittelstandes vor dem Statusverlust treibt absurde Blüten auf Kosten der Kinder. Es ist nichts Ungewöhnliches mehr, dass Eltern um freiwillige Klassenwiederholungen ihrer Grundschulkinder bitten, damit der Junge später aufs Gymnasium wechseln kann. Auch zehn Jahr lang regelmäßig Nachhilfe zu zahlen, scheint diesen Eltern keine unnötige Ausgabe zu sein. Aber sich ihrem Kind zuzuwenden und zu fragen, ob es glücklich ist, das ist manchen Eltern dann doch zu viel. Denn schließlich gibt es Zwänge: Geld, Statuserhalt und was die Nachbarn sagen.

Fazit: Sehr empfehlenswert

Joachim Zelter: untertan. Klöpfer & Meyer, 211 Seiten, 19,50 Euro

3 Gedanken zu “„untertan“ von Joachim Zelter

  1. Karthause 29. Oktober 2012 / 19:11

    Du hast noch einmal einen anderen Blickwinkel auf das Buch. Es ist sehr interessant, deinen Gedanken nachzugehen. LG Heike

  2. Carmen 29. Oktober 2012 / 20:08

    Danke, Heike. Ich habe ja einen eher assoziativen Rezensionsstil und diese Besprechung wurde sicher auch durch die gerade gehörten Römerberggespräche über unsere getriebene Gesellschaft beeinflusst.

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