Römerberggespräche Herbst 2012

Die 40. Römerberggespräche standen unter dem Motto: Überfordert Euch! Innenansichten einer getriebenen Gesellschaft.

Die Psychologin und Politikwissenschaftlerin Ariane Brenssell eröffnete die Diskussion mit der Frage „Krankheit oder Krise?“.



Ihr heute gehaltener Vortrag ist bereits vollständig in der taz erschienen, wie eine kurze Recherche ergab, so dass ich es mir sparen kann, auf meine Notizen zurückzugreifen:

„Es ist für alle – auch für Reiche – schlechter, in ungleichen Gesellschaften zu leben. (…) In ungleichen Gesellschaften müssen alle um den Erhalt ihres Status kämpfen, auch die Angst um Statusverlust trifft alle, das verursacht dauerhaften Stress und der wiederum schürt die Spirale des Gegeneinanders, der Gewalt, des Krankwerdens an den Verhältnissen.

Fazit: „Die Probleme, die im Alltag einer auf neoliberal getrimmten Gesellschaft entstehen, müssen aufgegriffen und entprivatisiert werden. Es muss – für alle verständlich – erklärt werden, wie Herrschaft sich im Alltag reproduziert und wie wir daran teilhaben.“ (Auszug aus dem Artikel „Krise Krankheit Widerstand“ in der taz vom 18.8.2012)

Es folgte Patrick Kury, Autor des Buches „Der überforderte Mensch“ mit einer kurzen „Geschichte von Belastung und Anpassung“.

Ende des vorvergangenen Jahrhunderts wären Überforderungssymptome unter dem Krankheitsbegriff Neurasthenie gefasst worden; in den Jahren nach 1950 war die sog. Managerkrankheit in aller Munde. Diese „Krankheit“ genoss im Bürgertum höchste Wertschätzung, entsprach sie doch dem protestantischen Mythos des hart arbeitenden Mannes. In Wahrheit scheinen die Männer, die am Herzinfarkt starben, allesamt stark übergewichtig gewesen zu sein. So heißt es in einem Spiegel-Artikel vom April 1954: „Das Auftreten degenerativer Gefäßerkrankungen ist eventuell als Folge einer zu fettreichen Kost anzusehen.“ (Spiegel-Artikel vom 14.4.1954)

Während es sich bei diesen Beispielen aber um Krisensbewältigungssymptome des Bürgertums handelte, seien Stress und Burnout-Symptome Milieu übergreifend.

„Jede Epoche produziert ihre eigenen Zivilisationskrankheiten und Burnout ist die Krankheit der Dienstleistungsgesellschaft“, meint Patrick Kury.

Anschließend hielt Andreas Platthaus, Comic-Experte und FAZ-Feuilleton-Redakteur in atemberaubendem Sprech-Tempo einen unterhaltsamen Vortrag über den „Boom der Superhelden“ in amerikanischen Comics, über den ich aber nichts erzählen kann, weil ich nicht in der Lage bin, mich angemessen in die Thematik hineinzudenken.

Den Höhepunkt des Vormittags bildete Kathrin Passig, die unter der Überschrift „Überforderung unterlaufen – Ritalin und andere Alternativen“ einen provokanten – gleichwohl von mir umgehend realisierten – Vorschlag machte: „Liegt rum und lest das Internet!“

Passig, die unter der seltenen Krankheit Narkolepsie leidet, nimmt Ritalin, das wegen seiner gehäuften Verschreibung an verhaltensauffällige Kinder in die Kritik geraten ist. Hierzu kann sie nichts sagen, erklärte Passig, weder sei sie als Kind hyperaktiv gewesen, noch habe sie ein Kind. In ihrem persönlichen Fall sei Ritalin Teil der Lösung und nicht des Problems. Was nun folgte, war eine sehr erfrischende Verteidigung einer anderen Lebensform, nämlich des Abhängens, Rumlungerns und Internet-Lesens.

„Die Überforderung ist selbstgemacht“, behauptet Passig: „Ich kann nicht jedes interessante Buch, jeden Blog und jeden Tweet lesen – wir müssen lernen, Anforderungen zu ignorieren.“ Ritalin helfe ihr, längere Zeit auch mit langweiligen Tätigkeiten zu verbringen. Das rief den Widerspruch des Moderators Alf Mentzers hervor, der fragte: „Ist Gehirn-Doping gesellschaftlich wünschenswert?“ Passig konterte, der dritte Espresso habe die gleiche Wirkung wie eine Dosis Ritalin. Bevor es in Deutschland Mode wurde, Kaffee zu trinken, sei es für Erwachsene und Kinder üblich gewesen Biersuppe zum Frühstück zu trinken. Vor dem Genuss von Kaffee wurde damals gewarnt, er könne zu frühem Tod führen.

Passig geht es nicht um eine Verteidigung von Psychopharmaka. Allerdings fragt sie, ob der akzeptierte Weg zum erfolgreichen Leben via Erziehung, Anpassung und Komplettumbau der Persönlichkeit für manche Menschen wirklich die bessere Alternative ist als eine Schachtel Ritalin.

(Zu den Nachmittags-Vorträgen mit Kendra Briken, Ingo Schulze, Ines Geipel, Claudia Pawlenka und Shi Ming konnte ich leider nicht bleiben.)

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