Sodexho in Frankfurt – ein Rückblick

Es war im Jahr 2004, als in Frankfurt das Thema Verpflegung in Kindertagesstätten zum ersten Mal Gegenstand parlamentarischer Initiativen war. Ich erinnere mich an Mütter, die nachts Anfragen schrieben, die meine Kollegin und ich am nächsten Tag redigierten und der kleinen Frankfurter Römer-Fraktion vorlegten, bei der wir damals angestellt waren. Auch die Fraktion PDS und ihr Nachfolger Die Linke wehrten sich damals gegen das neue Verpflegungskonzept der Stadt, sie aber vor allem wegen der Sorge um die Mitarbeiter der Frankfurter Küchenbetriebe, die geschlossen werden sollten.

Die Eltern hatten Vorbehalte gegen den Global-Player Sodexho, der das Kita-Essen damals von einem Subunternehmer an der tschechischen Grenze zwei Tage vor dem Liefern produzieren und tiefkühlen ließ, um es dann 350 Kilometer vom oberpfälzischen Wernberg nach Frankfurt zu transportieren. Aber die Beschwerden halfen nicht, die damalige Schuldezernentin Jutta Ebeling ließ sich eine Portion Sodexho-Essen in ihr Dezernatsbüro schicken und die Frankfurter Presse wissen, dass es schmecken würde. Also wurden in 90 Prozent aller Frankfurter Kindertagesstätten riesige Kästen aufgestellt, in denen das Essen „auf eine Verzehrtemperatur von min. 65°C gebracht“ wurde (nachzulesen in Parlis, B 104 vom 20.2.2004).

Mehr als 11.000 Menschen, überwiegend Kinder, sind in den letzten Wochen an Brechdurchfall erkrankt, weil das Sodexho-Verfahren offenbar doch anfälliger ist, als von dem Unternehmen und der Politik behauptet wurde. Die Ursache waren Erdbeeren aus China, die nicht genug erhitzt worden seien, erklärte inzwischen Sodexho. Da werden also eingefrorene Erdbeeren Tausende von Kilometer nach Deutschland geflogen, um sie nach dem Erhitzen, d.h. wenn Sie den Nährwert eines eingeweichten Telefonbuchs erreicht haben, einer Nachspeise zuzufügen. Und solcher Irrsinn entspricht den Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung? Da stimmt was nicht.

In einem Leserbrief an die Frankfurter Rundschau erinnert heute Marianne Friemelt an die Auseinandersetzungen mit Sodexho:

„In der Anfangszeit“, so die FR, hätten Eltern über die „angeblich mangelhafte“ Qualität des Essens in den Kitas protestiert. Später seien die Proteste eingeschlafen. Tatsache ist: Nachdem die Stadt Frankfurt die städtischen Küchenbetriebe eingestampft hatte, wurde ein Vertrag mit dem Global Player Sodexo geschlossen und alle Frankfurter Kitas wurden gezwungen, von diesem Unternehmen Essen abzunehmen. Es bildete sich eine Elterninitiative, die die mangelnde Qualität des Essens anprangerte und einen Wechsel des Caterers forderte. Der Hessische Rundfunk und die Frankfurter Zeitungen berichteten darüber, woraufhin Sodexo auf Unterlassung klagte. Die Klage wurde unter Berufung auf die Meinungs- und Pressefreiheit vom Oberlandesgericht abgewiesen. Den Eltern drohte das Unternehmen an, wenn sie weiterhin seinen Namen nennen würden, dann würde man sie ebenfalls auf eine hohe Summe verklagen. Daraufhin ebbten die Proteste ab. Einigen wenigen Kitas, in denen sich die Speerspitze des Widerstands betätigt hatte, wurde von der Bildungsdezernentin erlaubt, sich andere Caterer zu suchen.

So weit die aggressive Politik eines Großunternehmens. Woraus man lernen kann, dass, sobald die öffentlichen Aufgaben privatisiert sind, die Bürgerinnen und Bürger nichts mehr zu melden haben.

Warum Stadtverordnete, die sich dem Wohl der städtischen Gemeinschaft verpflichtet zu fühlen hätten, so etwas mitmachen, bleibt mir weiterhin ein Rätsel.“

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4 Gedanken zu “Sodexho in Frankfurt – ein Rückblick

  1. Gisela 10. Oktober 2012 / 11:01

    Es gab zu Sodexo einen Akteneinsichtsausschuß, in dem ich als Stadtverordnete tätig war, weil Jutta Ebeling die Information verweigerte, wie lange Kitas und Schulen in den Fesseln des Vertrages verhaftet blieben, obwohl sie eigene und vor allem regionale Kantinenlösungen bevorzugten. Wohl denen, die den Caterer, der auch skrupellos das amerikanische Militär im Irakkrieg belieferte, frühzeitig abschütteln konnten. Sodexo betreibt leider auch die Küche im Rathaus-Keller, die von namhaften Mitgliedern der Stadtverwaltung als nicht gut angeprangert wird. Viele gehen dort nicht essen. Die stadteigenen Küchenbetriebe hätten weiterhin ein gutes, qualitätvolles Essen anbieten können. Das war CDU und Grünen ganz und gar nicht genehm. Ich glaube, daß einige städtische Angestellte der Küchenbetriebe noch bei Sodexo geführt werden.

  2. Carmen 10. Oktober 2012 / 11:32

    Kleine Korrektur, Gisela: Bis 2006 hatten wir in Frankfurt ein Vierer-Bündnis aus SPD, CDU, Grüne und FDP.

  3. Jacqueline Franke-Herrfurt 31. Oktober 2012 / 12:32

    Wenn ich diese Zeilen lese, dann frage ich mich, um was es hier geht. Offensichtlich um Politik. Wir sprechen hier von der Ernährung unserer Kinder. Wir leben in einem Land, in dem es möglich ist, sehr gute Lebensmittel herzustellen. Ich kann nicht glauben, das es so schwierig ist, gerade unsere Kinder gesund und ausgewogen zu ernähren. wo bleibt die politische Verantwortung. Meine Tochter geht seit 4 Wochen in eine städtische Kindereinrichtung. Wir legen zu Hause sehr großen Wert auf regionale und saisonnale Speisen. Wie kann es sein, dass in einer Bildungsstätte derart unzureichende Kost angeboten wird. Es sind unsere Kinder!!!! Ich kann es nicht ertragen, wenn die politische Verantwortung von einem Tisch und Partei zur nächsten geschoben wird. Es sind Menschen, die die Versorgung der Kindertagesstätten entscheiden. Warum geht es nicht mit Verstand zu, sondern nur um Profit.

  4. Carmen 31. Oktober 2012 / 12:55

    Die politische Entscheidung, die Frankfurter Küchenbetriebe zu schließen, deren Essen wie jedes Großküchenessen auch Kritiker hatte, hatte natürlich Kostengründe. Das Land Hessen verpflichtet die Kommunen, auch bei den Kindertagesstätten zu sparen, ging es nach der FDP müssten die Kita-Plätze sogar vollständig von den Eltern bezahlt werden, d.h. dann kein Platz unter 600 Euro.

    Gutes Essen hat offenbar in unserer Gesellschaft keinen besonders hohen Stellenwert, Hauptsache, das Auto bekommt gutes Öl…

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