Beschneidung und Demagogie II

Beschneidungsmotiv im Kölner Dom

Der Gesetzentwurf des Bundesjustizministeriums, nach dem Beschneidung im Kindes- und Säuglingsalter straffrei bleiben soll, auch wenn der Eingriff nicht von einem Arzt durchgeführt wird, ist auf ein unterschiedliches Echo gestoßen:

Die Grüne Fraktionschenfin Renate Künast mahnte laut ZEIT, „der Bundestag müsse das Thema sehr sorgfältig beraten. Die Debatte um die Beschneidung sei keine leichte“ und plädierte dafür, bei dieser Entscheidung im Parlament die Fraktionsdisziplin aufzuheben. In der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung wird heftig über das Für und Wider der geplante Regelung debattiert – und Christian Bommarius macht es sich in der Frankfurter Rundschau wieder allzu einfach.

Wie bereits in seinem Beitrag vom 15.8.2012 bezeichnet er alle Menschen, die Beschneidung von Kindern und Säuglingen kritisch betrachten – und darunter sind auch viele Juden – pauschal als Antisemiten:

„Es genügt ein Blick in die Foren und die Blogs des Internets, um die antisemitischen Züge zu erkennen, die diese Debatte immer unverhohlener bestimmen“ behauptet Bommarius.

Was liest der Mann? Darf sich einer über Boulevard-Journalismus beschweren, der BLÖD liest oder über Promi-Klatsch mit der BUNTE in der Hand? Differenzierte Beiträge zur Beschneidungsdebatte finden sich zum Beispiel in ScienceBlogs, dort werden zum Thema Argumente vorgetragenen, daran könnte sich der Qualitätsjournalist Bommarius ein Beispiel nehmen.

Eine vom „Mitleid mit acht Tage alten männlichen jüdischen Säuglingen erfasste Nation“ fordere im „Namen der Menschenrechte, des Schutzes der körperlichen Unversehrtheit und der religiösen Selbstbestimmung die Bestrafung“ der Beschneidung. Das ist pure Demagogie, Herr Bommarius. Die Kritiker fordern eine Debatte, in der das deutsche Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit nicht mit dem Hinweis auf eine „jahrtausendalte Tradition“ einfach weggewischt wird.

Gesellschaften verändern sich, zum Glück. Frauen haben in der zivilisierten Welt die gleichen Rechte wie Männer, Kinder dürfen nicht mehr geschlagen und ausgebeutet werden, wir leben in einer „heißen Gesellschaft“ (Mario Erdheim), die vom Wandel geprägt ist – und (noch) in einer demokratischen.

Die Bürger sollen darüber streiten, wohin die Gesellschaft sich weiter entwickelt, dazu gehören auch die Fragen, welche Rechte Eltern ihren Kindern gegenüber haben und ob Religionen sich über gesetzliche Grundrechte hinweg setzen dürfen. Das Argument „es war aber schon immer so“ passt nicht in unsere Welt, sondern nach Papua-Neuguinea.

Nachtrag vom 28.9.2012: Der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Dr. Wolfram Hartmann, zeigte sich entsetzt über den Gesetzentwurf und sagte der Ärztezeitung:

„Das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit soll dem Elternrecht untergeordnet werden, das ist nicht zu akzeptieren“.

Die Frankfurter Rundschau veröffentlicht heute die Ergebnisse einer Studie von amerikanischen und australischen Wissenschaftlern, die die Langzeitwirkungen von Narkotika-Verabreichungen bei kleinen Kindern untersucht: Wer vor seinem dritten Geburtstag eine Betäubung bekommen hatte, konnte sich demnach im Alter von zehn Jahren schlechter sprachlich ausdrücken und hatte geringere geistige Fähigkeiten, was etwa abstraktes Denken betraf.

Bei den Operationen, denen sich die kleinen Patienten unterziehen mussten, handelte es sich hauptsächlich um harmlose Eingriffe wie Trommelfell-Durchstoßungen, Nabelbruch-OPs und Beschneidungen.

„Das Risiko, mit zehn Jahren an einem Sprachdefizit zu leiden, war bereits bei einfach operierten Kindern zweieinhalb Mal höher als bei nicht operierten. Ihr Risiko, später bei anspruchsvollen abstrakten Aufgaben nicht mithalten zu können, stieg um das 1,7fache. (FR vom 28.9.2012)

Beschneidungen ohne Schmerzmittel traumatisieren, Beschneidungen mit Betäubung können zu kognitiven Langzeitschäden führen – wäre es da nicht an der Zeit einen empathischeren Blick auf männliche Säuglinge und Kleinkinder – gleich welcher Religion – zu werfen, Herr Bommarius?

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4 Gedanken zu “Beschneidung und Demagogie II

  1. Jarg 4. Oktober 2012 / 21:27

    Leider laufen die Argumentationen ja derzeit eher nach „Es ist schon seit mehr als 1000 Jahren Tradition, dass …“. Aber mit dem Argument liesse sich wirklich alles begründen, egal, wie überholt und absurd es ist. Schade, dass der Diskurs darüber nicht hinausreicht – und damit bestätigt, dass viele Religionsvertreter nicht wirklich über den Tellerrand schauen und nicht zur krotischen Reflektion des eigenen Glaubens und seiner Traditionen in der Lage zu sein scheinen.

  2. LOB 5. Oktober 2012 / 09:18

    Abraham Geiger (1810-1874) war ein Rabbiner und Reformjude aus Frankfurt, der die Beschneidung als einen „barbarischen blutigen Akt“ ansah. Die von ihm initiierte Diskussion innerhalb des dt. Judentums wurde letztendlich durch die Barbarei der Nazis beendet – so laufen wir heute einer Diskussion hinter her, die schon im 19. Jahrhundert von Geiger angestoßen wurde.

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