Fliehkräfte von Stephan Thome

Warum machen auch Romane glücklich, die von unglücklichen Protagonisten erzählen? Worin besteht der Unterschied zwischen einem lediglich gut geschriebenen Buch und einem Buch, das in uns nachwirkt und uns bereichert?

Weil mich diese Fragen nach der Wirkung von Literatur schon früh beschäftigten, habe ich mich während meines Soziologie-Studiums auch mit Tiefenhermeneutik beschäftigt. Dieses sozialpsychologische Verfahren versteht Literatur als „kulturelle Objektivation“, die sich durch „szenisches Verstehen“ erklärt. Das hat mir damals großen Spaß gemacht, ermöglichte es mir doch, viele Monate mit der Lektüre von Marlen Haushofers Romanen und Erzählungen zuzubringen.

Das ist lange her. Heute könnte ich es nach der Lektüre von Stephan Thomes neuem Roman „Fliehkräfte“ auch einfach bei dem Ausrufer „Ich liebe diesen Mann!“ belassen.

Aber da ich mir nun mal die Aufgabe gestellt habe, meinen LeserInnen von Büchern zu erzählen, die umami sind, komme ich mit einem verliebten Stoßseufzer nicht davon.

Die Frage „Was macht einen bedeutenden Roman aus?“ beantwortet die Tiefenhermeneutische Literaturanalyse mit der Annahme, dass „gute Literatur“ kollektive Erfahrungen verarbeitet und verdichtet darstellt. Beispiele für diese Behauptung gibt es viele, hier zwei Beispiele:

Der 2010 verstorbene J.D. Salinger hat in seinem langen Leben nur einen Roman geschrieben: „Der Fänger im Roggen“. Dennoch gilt er als einer der größten US-Autoren der Nachkriegszeit. Der Welt-Erfolg des Romans wird damit begründet, dass es „Jahre vor James Dean und Jahrzehnte vor den Rolling Stones und den Vietnam- Demonstrationen“ den Geist der Rebellion verkündete.

Die österreichische Autorin Marlen Haushofer (1920 – 1970) hat zu Lebzeiten ca. 20 Roman und Erzählbände veröffentlicht, doch berühmt wurde sie erst, als in Folge der Frauenbewegung im Jahr 1986 der Roman „Der Wand“ neu aufgelegt wurde und als Taschenbuch in Deutschland erschien. „Einsamkeit in Würde“ – in dieses Begriffsbild habe ich die haushofersche Utopie gestellt, die damals viele Feministinnen angesprochen hat. Ob die Protagonistinnen wie in „Die Wand“ wirklich allein waren oder aber in ihrer Ehe einsam waren, wie in den meisten anderen ihrer Romane, spielte nur ein äußerliche Rolle. Der weibliche Lebensentwurf, den uns Haushofer in ihren Büchern vorlebte, bestand in der Überzeugung, dass (Liebes-, Ehe-, Familien-) Glück eine durchaus schöne, aber zeitlich begrenzte Angelegenheit ist, es für eine Frau aber weitaus wichtiger, „würdevoller“, ist, die innere (!) Unabhängigkeit zu wahren. Mich hat das als junge Frau in den späten 80ern sehr bewegt und ich erinnere mich an lebhafte Diskussionen mit Kommilitoninnen, die Haushofers Bücher gehasst haben.

Warum ausgerechnet eine Quasselstrippe wie ich, die sich nur ungern Sendungen nachträglich in der Mediathek ansieht, weil sie das Gefühl mag, mit Millionen anderen zeitgleich TV zu gucken – was meines Erachtens einen Teil des Twitter-Erfolgs ausmacht – als junge Frau vom Motto „Einsamkeit in Würde“ angetan war, ist nur im zeitlichen Kontext zu verstehen. Über den männlichen Partner definiert zu werden, war für Frauen in den Jahren und Jahrzehnten nach 1968 noch immer selbstverständlich, weibliche Unabhängigkeit ein Kraftakt.

Wenn also Salinger das Lebensgefühl der amerikanischen und europäischen Jugend in den 50er Jahren und Haushofer das vieler deutscher Frauen in den 80er und 90er Jahren traf, für wen schreibt Stephan Thome?

Thomes Protagonist in „Fliehkräfte“, Hartmut Hainbach, ist ein Professor für sprachanalytische Philosophie, Ende Fünfzig, dessen Leben durch die Entscheidung seiner Frau, in einer anderen Stadt zu arbeiten und den Auszug der erwachsenen Tochter, durcheinander gerät. Hartmut hat plötzlich viel Zeit zum Nachdenken:

„Wann, wenn je, ist er so jung gewesen, wie er gerne sein wollte? Seins war das typische Los des Spätentwicklers, dessen beste Zeit beginnt, wenn sie bei den Alterskollegen zu Ende geht. Die erste große Liebe mit Ende Zwanzig, deren Ende mit Anfang dreißig, und als er mit Maria nach Portugal fuhr, ging er bereits auf die vierzig zu. Dazwischen lag das verbissene Bemühen nachzuholen, was er davor verpasst hatte. Vater wurde er, als die anderen über Ausgehzeiten debattierten, war bei jedem Elternabend der inoffizielle Alterspräsident und zeigte erst nach dem fünfzigsten Geburtstag die Symptome einer Midlife-Crisis. Jetzt schwebt die Sechzig über dem Horizont, und der Unterschied zwischen tatsächlichem und gefühltem Alter wird immer größer.“

Hartmut beschließt spontan eine Reise zu machen. Er besucht seine erste Liebe in Paris, einen Freund in Südfrankreich, seine Tochter in Spanien und reist mit ihr weiter nach Portugal. In Rückblenden erinnert er sich an seine Zeit in den USA, sein Studium in Berlin und an Besuche bei seiner Schwester Ruth. Diese hat die Gegend der Kindheit nie verlassen und sich für eine frühe Ehe mit Haus und Kindern entschieden. Wenn Hartmut über ihre Söhne spricht, zeigt sich, wie sehr sein eigener Lebensentwurf dem heutigen Zeitgeist widerspricht:

„Sein Neffe kann Lenkdrachen basteln, Alphorn spielen und zwanzig Meter auf den Händen laufen. Auch wenn es hoffnungslos ist, wenigstens Einzelne müssen sich der Beschleunigung des Ganzen verweigern. Die Schulzeit wird kürzer, das Studium effizienter, immer mehr Freiräume fallen weg. Die Folgen sind vorerst nur zu erahnen. Mehren sich nicht die Hinweise, dass Bankvorstände ihre Pubertät am Arbeitsplatz nachholen?“

In der rasanten gesellschaftlichen Veränderung das eigene Selbst zu bewahren, sich dem Hype zu entziehen, auszuloten, was wirklich wesentlich ist, schauen wie andere das Leben meistern, ohne vorschnell zu urteilen, zu versuchen, sich und seinen Werten treu zu bleiben, damit sind die Protagonisten von Stephan Thome, sei es in Fliehkräfte oder in seinem Debütroman Grenzgang (meine Besprechung hier) vollends ausgelastet.

Als Hainbach nur knapp an einem Seitensprung mit einer Kollegin vorbeischrammt, denkt er auf dem Heimweg:

Er „fühlte sich aufgehoben im Gleichgewicht widerstreitender Gefühle. Einsam auf ebenso wohltuende wie schmerzliche Weise. Enttäuscht und erleichtert, aufgekratzt und müde.“

Am Ende des Romans wird Hartmut ein nächtliches Bad im Meer nehmen: „Das Wasser trägt ihn. (…) Vielleicht musste er dreitausend Kilometer fahren nur für diesen Moment. Um einmal in einem anderen Element zu treiben, ohne Ziel und ohne Angst.“

Muss ich jetzt noch erklären, warum ich Thome liebe? Weil kein anderer mir bekannter deutscher Autor so über Männer schreiben kann. Sie sind keine Machos und nicht larmoyant, sie sind selbstkritisch und nur ein bisschen eitel, es sind starke aber gelegentlich auch weiche Männer, die Frauen achten und lieben. Es sind „feine“ Männer, die uns Stephan Thome als seine Helden vorführt.

Der kulturelle Bedeutungsgehalt dieses großen Romans liegt m.E. in der Suche und der Sehnsucht nach einem gelungenen männlichen Selbstbild im veränderten Geschlechterverhältnis.

Stephan Thome wurde für seinen Roman „Fliehkräfte“ für den Deutschen Buchpreis 2012 nominiert, sein Debüt „Grenzgang“ wurde 2009 ebenfalls nominiert. (Post über die Verleihung des Buchpreises 2009 hier)

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2 Gedanken zu “Fliehkräfte von Stephan Thome

  1. wowtreulieb 9. Januar 2013 / 11:02

    Danke für die leidenschaftliche Rezension. Der Roman gefällt mir noch besser als Stephan Thomes erstes Buch „Grenzgang“.

  2. Beatrix Alfs 15. Februar 2013 / 11:39

    Mir gefallen die philosophischen Gedanken, die sich der Protagonist macht. Wie ganau kennt man einen Partner wirklich, obwohl man ihn schon Jahrzehnte „kennt“? Ein fantastisches Buch!

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