Schwarzbuch Esoterik – Teil 2

Das Grundgesetz gesteht jedem Bundesbürger zu, nach seiner Façon glücklich zu werden. (Artikel 4, 1: Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.)

Aber: „In dem Moment, wo andere Menschen betroffen sind und im Namen der individuellen Ausübung des Glaubens juristische Grenzen verletzt werden, endet auch hier die Freiheit“ schreibt Ursula Caberta in ihrem „Schwarzbuch Esoterik“.

Die meisten esoterischen Angebote schaden niemandem. Oft haben sie nämlich nur einen Sinn: Dem Anbieter ein Einkommen zu sichern. Menschen, die bereit sind für Zuckerkügelchen zu zahlen, die aus der Erinnerung an einen Wirkstoff bestehen, zahlen vielleicht auch für ein Seidenblumen-Arrangement, das Botschaften von Mutter Maria enthält.

Solange die Vernunft die Oberhand behält, ist gegen gelegentliche esoterische Ausflüge nicht viel zu sagen. Oder? Caberta sieht durchaus eine Gefahr darin, dass sich Menschen verstärkt mit „spirituellen Vorstellungen beschäftigen, anstatt sich an der wissenschaftlichen und politischen Diskussion zu beteiligen“.

Viele okkulte Gedankengebäude schüren die Zukunftsangst der Menschen, sei es durch die Behauptung eines bevorstehenden Weltuntergangs oder durch die befürchtete Besiedelung der Erde durch feindliche Planeten.

Die von Caberta beschriebene „Kryon“-Bewegung z.B. „channelt“ Botschaften des Esoterikers Lee Carroll, der die Phantasie verbreitet, dass in den letzten Jahrzehnten zunehmend sogenannte „Indigo“-Kinder die Welt bevölkern, um diese zu retten. Zu erkennen seien sie an der blauen Aura. Offenbar hat diese vornehmlich im Internet verbreitete Theorie dazu geführt, dass immer mehr Mütter ihren verhaltensauffälligen Kindern keine Hilfe mehr anbieten, sei es durch Zuwendung, pädagogische oder therapeutische Hilfe, sondern sie als Indigo-, Sternen- oder Kristallkinder bezeichnen und allein lassen. Gerade bei Kindern, die ernst zunehmende Probleme haben, ist diese Etikettierung nahe an der Kindesmisshandlung: Aura-Bestimmung statt Kinderarzt.

Um die Planetenrettung konkurrieren mehrere okkulte Phantasien. Ron L. Hubbard, ehemals erfolgloser Science-Fiction-Autor und Erfinder von Scientology, behauptet, dass Xenu, der Herrscher einer galaktischen Konförderation aus 21 Sonnen und 76 Planeten von den in Erdmenschen steckenden Thetanen bekämpft werden muss. Das komplizierte Gedankengebilde von Ron Hubbard lässt sich in Ursula Caberta „Schwarzbuch Scientology“ nachlesen.

Ob diese abstruse Geschichte von den Anhängern wirklich geglaubt wird, ist zweitrangig. Denn in die Fänge der Organisation geraten sie häufig über scheinbar harmlose Kommunikationsseminare oder Unterorganisationen, die sich z.B. mit dem Thema Drogen beschäftigen. Unter Drogen verstehen die Scientologen alle Medikamente. Ein Scientologe kann nach Hubbard nicht krank sein, ist er es doch, dann ist er eben kein guter Scientologe und braucht dringend teure Hilfe („Auditing“) durch die Sekte.

Im vorgeblichen Kampf gegen Drogen setzt Scientology auch sechs bis 13-jährige Kinder in der Propaganda-Maschinerie ein, sogenannte „Marshals für Drogenfreiheit“. Das 10-jährige Mädchen, dem wir im März am Hauptbahnhof beim Verteilen der Broschüren „Sag nein zu Drogen“ begegnet sind, war vermutlich in dieser Funktion dort.

Wer kürzlich im NDR den Film „Tod einer Scientologin“ gesehen hat oder die Berichte von Sekten-Aussteigern liest, weiß wie gefährlich die Sekte ist. Scientology bezeichnet Menschen, die nicht der Sekte angehören als „rohes Fleisch“, Kritiker der Sekte sind „unterdrückerische Personen“ und damit Freiwild. Die Sekte hat einen eigenen Geheimdienst, der versucht, die Kritiker mundtot zu machen.

Scientology ist keine Glaubensgemeinschaft, sondern eine gegen die Demokratie gerichtete Organisation. Deshalb wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet. Darum gilt hier nicht der Artikel 4 des Grundgesetzes.

Als ich durch Zufall erfuhr, dass ein Familienvater aus meinem Stadtteil aktiver Scientologe ist, habe ich recherchiert und erfahren, dass er seit vielen Jahren hier im Dorf aktiv ist. Ursprünglich im Bürgerhaus, später in der Dorfpizzeria hielt er Treffen der Scientology-Unterorganisation „Neue Impulse e.V.“ ab.

Ich weiß nicht, ob und wie viele Bekannte er für die Sekte gewonnen hat. Ich habe einige Zeit überlegt, wie ich mit meinem Wissen umgehen soll und es schließlich geteilt: Lokalpolitiker, Elternbeiräte und Erzieher sind informiert. Viele haben daraufhin selbst recherchiert. Manche sind eigene Schritte gegangen, so weiß ich von einer Mutter, dass Sie sich bei Polizei und Verfassungsschutz informiert hat. Soviel Aufmerksamkeit wurde der Gruppe dann wohl zuviel: Seit wenigen Tagen erscheint auf der Website die Information, der Verein habe sich aufgelöst.

Wir halten auch weiterhin die Augen offen.

Zu Schwarzbuch Esoterik – Teil 1 geht es hier.

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