„Beschneidung und Holocaust“ vs. Demagogie und Schuldgefühl

Ich lasse mich nicht als Antisemitin bezeichnen, von mir aus als Emanze, Altlinke, Auto- und FDP-hasserin, Macha (weibl. Form von Macho) – aber nicht als Antisemitin.

In der Frankfurter Rundschau ist heute ein Leitartikel von Christian Bommarius erschienen, der die GegnerInnen von Beschneidungen im Kindesalter in die Nähe von Nazis und Judenhassern stellt. Allesamt „selbstgerechte Gutmenschen und vulgäre Antisemiten“, meint Bommarius und zitiert den französischen Philosoph Alain Finkielkraut:

„Die Antisemiten in Nazi-Deutschland hassten die beschnittenen Juden. Und jetzt stellt das humanistische Deutschland im Namen des Gutmenschentums die Beschneidung wieder auf den Index.“ (zitiert aus Frankfurter Rundschau vom 15.8.2012 „Beschneidung und Holocaust“ von Christian Bommarius)

Ich bin keine „Beschneidungsgegnerin“. Wenn ein erwachsener Mensch sich aus religiösen Motiven zu einem solchen archaischen Ritual entschließt, soll er das tun können. Ich freue mich aber über das Kölner Urteil, weil es das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit für alle Kinder stärkt.

Einen differenzierten Beitrag, der sowohl die Rechte der Kinder als auch die Interessen der religiösen Gemeinschaft betrachtet, hat Christoph Schickhardt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geliefert.

„Die Beschneidung fällt nicht in den Kernbereich der positiven Religionsfreiheit, gewissermaßen nach der eigenen Facon glücklich zu werden, da die Eltern nicht sich selbst, sondern eine andere Person, nämlich ihr Kind, beschneiden lassen. (…) Das Argument, die Beschneidung sichere das Fortbestehen der religiös (und ethisch) bestimmten Gemeinschaft, orientiert sich überwiegend nicht am individuellen Kindeswohl, sondern am Interesse der jeweiligen Gemeinschaft. Es ist ein liberaler Grundsatz, dass eine Einzelperson nicht ohne ihre Einwilligung den Zwecken und Interessen einer religiösen oder ethnischen Gemeinschaft verpflichtet werden darf.“ (FAS vom 12.8.2012: „Ein Kompromissvorschlag“ von Christoph Schickhardt.)

Schickhardt schlägt als Kompromiss vor, dass die Beschneidung während der Phase der Unmündigkeit durch einen harmloseren Eingriff oder einen symbolischen Akt ersetzt wird, auf diese Weise wäre die Selbstbestimmung der Betroffenen gewährleistet.

Auf solche sachlichen und juristischen Argumente gehen die Verfechter der Beschneidung im Kindesalter aber in der Regel nicht ein. Auch Christian Bommarius versucht die Beschneidungskritiker nicht mit Argumenten, sondern mit der Nazi-Keule zum Schweigen zu bringen.

Wenn man sich auf das Niveau von Bommarius stellen wollte, könnte man fragen, was treibt ihn an? Sind es Schuldgefühle, die ihn zu solch demagogischen Höhenflügen veranlassen?

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9 Gedanken zu “„Beschneidung und Holocaust“ vs. Demagogie und Schuldgefühl

  1. LOB 15. August 2012 / 18:56

    Die schon sehr kontroverse Diskussion offenbart einen Anfangsfehler bei der Gründung unserer Republik. Die Trennung von Staat und Kirche ist nach 1918 und nach 1945 nicht konsequent umgesetzt worden. Letztendlich knickt der Gesetzgeber ein, weil er das schon immer gegenüber u.a. die christlichen Kirchen tat und insofern nehmen die Zentralräte der anderen beiden abrahamitischen Religionen nur in Anspruch, was dt. Politiker den christlichen Kirchen an Einmischung zu billigen. Letztendlich wird das BVG überprüfen, ob die Ausnahmeregelung mit dem GG vereinbar ist, aus dem politischen Diskurs wird es keine Klärung geben. Wir sind eben doch eine Nation von Komikern, angeführten von einer Komikerin.

  2. OswinRobert 15. August 2012 / 22:12

    Zunächst: „lob“ irrt nicht nur, er mag es augenscheinlich nicht, wenn gestritten wird. Streit ist aber Demokraties Futter! Und das sollten ALLE mal beachten, die einen diskursiven Streit als etwas Negatives oder Überflüssiges bezeichnen; man muß also Bommarius (einen nicht alt gewordenen konservativliberalen Studiosus, der vermutlich gegen Entgelt andere Leute beschimpft und für seine Behauptungen aber nicht einen einzigen Anhaltspunkt bietet!) und auch Herrn Graumann, stellvertretend für alle aggressiv auftretenden Beschneidungsbefürworter, mal schlicht die Frage stellen, ob es ihnen lieber wäre „wenn man all die sozusagen 37 streitenden Seiten dieser Debatte aus der Bundesrepublik hinausfegen sollte“ -und ob sie sich das zum Ziele setzen? Zu Lob: Nicht die Religion an sich steht einer Lösung im Wege -sondern eben gerade der an sich ja verständliche und eben gerade NICHT religiöse kulturelle Aspekt, den die Shoah für die deutschen Juden bei der Aufnahmezeremonie ins Judentum mit sich brachte.

    Genauso wahr ist aber: Jüdische Mädchen werden gewaltfrei aufgenommen in das Judentum. Warum sollte das nicht für Jungs auch möglich sein? Weshalb wäre das dann ein Angriff auf das Judentum in Deutschland, weshalb werden also Leute, die derlei Simples im Focus haben, als Antisemiten beleidigt – während die genannten Herren munter die Rechtsordnung ihrer dtsch. Heimat in Frage stellen in dieser Frage und sich auf Gottvater berufen. (Fast wie Absolutisten, die sich ja auch auf von Gott zur Macht berufen erklärten! Wir sind aber eine Republik mit humanem Recht – und das in Frage zu stellen hieße wirklich Gott zu versuchen! Das merke sich wirklich jeder!)

    (Zwischenbemerkung. Könnte unsereins ja auch machen: Grundgesetz und körperliche Unversehrtheit und Benachteiligungsverbot wegen des Geschlechts und generell humane Rechtethik und Werte sind UNVERHANDELBAR. Genannter Gott, der dies bezweifelt laut Hr. Graumann , hat keine ladungsfähige Anschrift, ist mithin im Rechtsverkehr IRRELEVANT! Punkt und Ende der Diskussion!)

    Zudem wird in dieser also doch wohl augenscheinlich eher eine Geschlechterfrage darstellenden Beschneidungsfrage mit einer angeblichen „Pflicht zur“ Benachteiligung (auch noch durch Körperverletzung) kleiner jüdischer Jungs beim Aufnahmeritus – würden sie wie Mädchen behandelt bei der Aufnahme, wäre das angeblich das Ende der jüdischen Kultur in Dtschld.- seitens der Beschneidungsbefürworter ziemlich geschmacklos (und auch ehrlos um es klar zu sagen, Herr Graumann!) mit der Shoah kokettiert, wird sie instrumentalisiert, nur um nicht erläutern zu müssen, warum kleine jüdische Jungs bei der ja unstrittig auch kulturell so wichtigen Aufnahme ins Judentum benachteiligt werden müssen per Körperverletzung und eine kindgerechte gewaltfreie Gleichbehandlung mit den kleinen Mädchen den angeblichen Untergang des deutschen Judentums bedeuten würde.

    (Finden Sie, Herr Graumann, diese Ihre wohl ganz gut wiedergegebene Position nicht auch so geschmacklos wie der Verfasser sie findet? Bommarius? Geschenkt, ein Angehöriger der einstigen Jeunesse Doree´,- viel Mundwerk, kaum Ahnung,forget it, die Typen kann man in ihren eigenen Tüten rauchen! Aber Sie, Herr Graumann – finden Sie es nicht geschmacklos, was Sie da subtil rhetorisch verwenden nur um nicht Jungs wie Mädchen zu behandeln, kindgerecht und gewaltfrei?)

    Man halte höhere Richter heute und übrigens auch die Teile des deutsch. Bundestages die als erfahrene Politpraktiker wissen, dass jede Wiederwahl hart erarbeitet sein will – nicht für diesselben obrigkeitshörigen Rechtnihilisten wie die der Weimarer Zeit, die sich damals leicht zu Komplicen machen ließen.

    Ob das heute bei der Nihilisierung von Grundlagenrecht mit heutigen hohen Richtern so einfach ist, – das darf angezweifelt werden!

  3. LOB 16. August 2012 / 09:35

    Die Kontroverse ist gut und es fällt auf, wer hier streitet, wer ans Pult tritt und wer nicht? M.A.n. hat die Diskussion eher einen „außerparlamentarisch“ Charakter, er wird vom Leitmedium der FAZ bestimmt, die anderen Medien folgen ihr halbherzig. Eine relevante Diskussion aus dem parlamentarischen Umfeld ist mir nicht bekannt. Die sonst so agilen Sprecher halten sich mit Statements wohlfeil zurück, kein klares Bekenntnis zu den Kinderrechten usw.! Allein von der Justizministerin gibt es einen kurzen Kommentar, dass es mit dem Sondergesetz für Moslems und Juden nicht ganz so einfach werden wird. Der Gedanke der Gleichbehandlung von Jungen und Mädchen bei der Aufnahme in Religionsgemeinschaften, beleuchtet ein zentrales Phänomen aller abrahamitischen Religionen, ihrem Verhältnis zum Gleichheitsgebot und dem Diskriminierungsverbot unserer weltlichen Verfassung. Mir scheint, bei der Niederschrift der Gebote Gottes, hat Moses dieses Gebot unterschlagen, wie auch die drei Religionen gerne den Vorrang unserer Verfassung vor ihren Betriebsregeln unterschlagen möchten.

  4. Carmen 16. August 2012 / 14:08

    @OswinRobert „Jüdische Mädchen werden gewaltfrei aufgenommen in das Judentum. Warum sollte das nicht für Jungs auch möglich sein?“

    Diesen Aspekt habe ich bisher gar nicht wahrgenommen, danke für Ihren engagierten Kommentar.

  5. Carmen 16. August 2012 / 14:29

    @LOB Ja, was wären wir ohne die FAZ – erinnern wir uns z.B. an ihre Rolle bei der Guttenberg-Affäre.

  6. Weltoffen 18. August 2012 / 17:25

    Danke für die Richtigstellung Carmen.

    Eine differenzierte Äusserung findet im Moment nicht statt und es wird sofort ohne Umwege der Antisemitismus herangezogen. Die Gesetze Deutschlands sind zudem Jedem Bürger bekannt und können daher auch nicht nach Belieben einer Gruppe angepasst werden. Jeder der hier lebt ist Deutscher, Teil dieses Landes. Jeder Moslem, Jeder Jude und Jeder der sich in diesem Land zuhause fühlt gehört dazu. Doch dazu gehören auch Aufgaben und nicht nur Forderungen. Jeder wirkt auch an der Gestaltung Deutschlands mit. Daher können wir nicht einzelnen Gruppen Rechte einräumen welche gegen unser Grundgesetz verstoßen und so die Möglichkeit für weitere religiöse Riten und Praktiken in unserem Rechtsstaat öffnen – wie z.b die Scharia oder die Ehrenmorde. Schade das die Diskussion, welche zunächst auf sachlicher Ebene begann, von Leuten wie Christian Bommarius in das verächtliche Nazidenken gezogen wird. Der Antisemititmus wird regelrecht herbeigerufen und alles in die Schublade gesteckt was nach Meinung der Religion reinpasst.

    So kann und darf eine vernünftige Diskussion einfach nicht stattfinden.

    Mein Ansatz wäre eine Verschiebung. Abraham hat sich im Alter von 80 Jahren beschneiden lassen. Wo wenn nicht hier besteht die Möglichkeit eines Lösungsansatzes? Ich möchte nicht das irgendjemand aufgrund dieses Urteils dieses Land verlassen muss. Daher sollte man konstruktiv vorgehen und nicht mit Brachialgewalt seine Idee von Recht und Unrecht durchsetzen.

  7. Carmen 18. August 2012 / 17:51

    @Weltoffen Ja, das sehe ich auch so. Ich finde, es zeugt auch von Respekt gegenüber Andersgläubigen, wenn ihre Bräuche und Rituale ernst genommen und diskutiert werden.

  8. teresa 20. August 2012 / 01:07

    Ich bin nicht Jüdisch, aber ich lese viel jüdische Medien, auch die sehr verbreitete sozialistisch, links liberale jüdische Zeitung Jewish Forward.

    Mein Eindruck ist, daß die Beschneidung ein fundamentales Wesensmerkmal der jüdischen Identitätsbildung ist.

    Viele, die sich als Humanisten bezeichnen, zeigen jedoch große Ignoranz und Arroganz gegenüber der jüdischen Religion, Kultur und Tradition.

    Juden sind berühmt dafür, daß sie alles für das Kindeswohl tun. Sie sind berühmt für ihre Bemühung um eine gute Kindererziehung (Bildung etc.), weshalb auch in den letzten Jahrhunderten so viele jüdische Gelehrten, Schriftsteller und Wissenschaftler gegeben haben.

    Ihnen vorzuwerfen, daß sie fahrlässig das Kindeswohl mißachten, ist völlig ignorant und arrogant.

    Ich solidarisiere mit den Juden, mit ihrem Gefühl und ich verstehe völlig den Antisemitismus-Vorwurf. Nicht zu letzt hat Julius Streicher und Adolf Hilter auch die Beschneidung als „barbarisch“ genannt.

    Ich glaube, Menschen wie Sie sollen mindesten versuchen, Ihr Horizont etwas zu erweitern und etwas mehr historische Kenntinisse erwerben, um die Sensibilität solcher Fragen richtig einschätzen zu können. Außerdem brauchen Sie dringend mehr Kulturkompetenz. In einer multikulturellen Gesellschaft wie der heutigen, kommen Sie ohne Verständnis für andere Kulturen nicht aus.

  9. Carmen 20. August 2012 / 08:12

    @teresa Gut gemeint ist nicht immer gut gedacht, teresa.

    Ich glaube nicht, dass Juden und Jüdinnen sehr begeistert sind von den „solidarischen“ Äußerungen mancher Nichtjuden, zeichnet sich doch die jüdische Bildungstradition u.a. durch die Befähigung zum klaren Argumentieren aus.

    Dass A.H. etwas als barbarisch bezeichnet hat, ist kein Argument, denn dann stünden auch alle Vegetarier unter Antisemitismusverdacht.

    Ihr Duktus im letzten Absatz, Teresa, erinnert mich an eine Twitterin, die mich vor einigen Tagen übelst beschimpft hat, bis ich sie blockiert habe. Ich weiß nicht, warum gerade bei diesem Thema manche Frauen hysterisch und unsachlich werden.

    Der Begriff „Multikulturelle Gesellschaft“ ist seit Jahren auch bei Linken umstritten, da er in der Vergangenheit lediglich eine Laissez faire-Haltung meinte, die alles Fremde als Folklore begreift und damit nicht ernst nimmt.

    Wenn ich das Grundgesetz achte, kann ich mich nicht für die Versammlungsfreiheit einsetzen und beim Recht auf körperliche Unversehrtheit ein Auge zudrücken.

    Auch unter Juden ist übrigens die Beschneidung nicht unumstritten: Ein einschneidender Beschluss .

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