Über die Auto-Gesellschaft

Im vergangenen November wurde in Frankfurt ein 5-jähriger Junge beim Überqueren einer grünen Ampel überfahren und getötet. Der 19 Jahre alte Autofahrer war mit deutlich über 50 kmh unterwegs und missachtete die für ihn auf rot stehende Ampel. Das Kind erlitt lebensgefährliche Verletzungen und konnte von den Ärzten im Krankenhaus nicht mehr gerettet werden.

Vor einigen Tagen wurde das Urteil gefällt: Eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten auf Bewährung, Führerscheinentzug für zweieinhalb Jahre und die Zahlung von monatlich 150 Euro für wohltätige Zwecke in den kommenden 3 Jahren.

Das milde Urteil überrascht in der Auto-Gesellschaft nicht. Wo Radiosender wie ffh und hr3 es für eine Serviceleistung halten, Raser zu warnen, ist zu schnelles Fahren ein cooles Kavaliersdelikt. Wer als Verkehrsteilnehmer ohne Blechpanzer unterwegs ist, ist demzufolge selber schuld.

In der Frankfurter Rundschau wurde heute ein Leserbrief von Klaus Gietinger veröffentlicht. Gietinger ist Regisseur, unter anderem beim Tatort, und aktiv in der Verkehrsinitiative Frankfurt22. Er schreibt heute zu dem Gerichtsurteil:

„Das Leben eines Kindes zählt nichts auf der Straße. Warum? Wenn jemand vier Sekunden nach Rot über einen Ampel fährt, handelt er nach dem Prinzip „mir doch egal“. Dieses Prinzip hat mit Fahrlässigkeit nichts mehr zu tun, es erfüllt den Tatbestand des Totschlages. In der Kfz-Gesellschaft wird dies jedoch zur Fahrlässigkeit minimiert. Insofern leben wir in einem Unrechtssystem. Der frühere Schweizer Verkehrsminister und Bundespräsident Moritz Leuenberger hat das so formuliert: „Wir müssen Verkehrsdelikte in aller Härte verfolgen und bestrafen, genau wie Mord und Totschlag. Nur dann ändert sich auch die Moral, das heißt die innere Einstellung zum Autofahren.“ (Frankfurter Rundschau vom 27.6.2012)

In der gleichen FR-Ausgabe erscheint heute ein Artikel über den Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV). Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) bescheinigt dem RMV, seine Preise lägen um 30 Prozent höher als in vergleichbaren Städten wie München und Hamburg.

„Gerade in Hessen zeigt sich laut VCD die Vernachlässigung des öffentlichen Verkehrs durch die politisch Verantwortlichen, die trotz Schuldenbremse lieber Millionenbeiträge für wirtschaftlich fragwürdige und klimaschädliche Verkehrsinfrastrukturprojekte ausgäben“, zitiert die FR den Verkehrsclub.

Und in Frankfurt? Hier gibt es eine starke grüne Wählerschaft und den grünen Verkehrsdezernenten Stefan Majer. Aber dennoch viel Grund zum Klagen. Die Strukturen des ÖPNV in Frankfurt sind kompliziert: Die Verkehrsgesellschaft Frankfurt, die VGF, stellt u.a. die Fahrzeuge, die traffiq ist der Aufgabenträger. Das heißt Traffiq schreibt die Buslinien öffentlich aus und vergibt sie dann an den günstigsten Betreiber. Weitere Aufgabe der Traffiq ist die Überwachung der Leistungserbringung durch die privaten Busbetreiber. Und da hapert es ganz gewaltig. Im Frankfurter Norden bekam das Unternehmen Veolia den Zuschlag. Immer wieder kommt es zu Klagen des Fahrgäste wegen defekter Türen und Klimaanlagen (die bei 30 Grad Außentemperatur heizen), wegen ausgefallener Busse, schlechter Taktung und Unpünktlichkeit der Linien 25 und 28. Bei der letzten Ortsbeiratssitzung in Frankfurt-Harheim haben sich deshalb die BürgerInnen über die unhaltbaren Zustände Luft gemacht. Traffiq fährt derweil eine ganz besondere Taktik und beantwortet einfach keine Beschwerden von Fahrgästen.

Grüne Verkehrspolitik heißt für mich Förderung des autofreien Lebens nicht nur durch neue Radwege, sondern durch günstigen, barrierefreien und am Nutzer orientierten ÖPNV.

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7 Gedanken zu “Über die Auto-Gesellschaft

  1. Hackentrick 27. Juni 2012 / 11:25

    […] „Grüne Verkehrspolitik heißt für mich Förderung des autofreien Lebens nicht nur durch neue Radwege, sondern durch günstigen, barrierefreien und am Nutzer orientierten ÖPNV“ […]

    …und die mediale / pädagogische, wirtschafts- und verkehrspolitische Abkehr vom Automobil, des Deutschen liebstem Fetisch!

  2. uhupardo 27. Juni 2012 / 15:24

    Gestern hielt ich jemandem einen Vortrag über die ganz simple Änderung unseres Verkehrssystems. Seine Reaktion: „Hey, das ist genial, das musst du mal irgendwo bei den Verantwortlichen unterbringen und gleich patentieren lassen.“

    Uhupardo grinst und sagt: „Diesen Vortrag halte ich wortgleich seit 28 Jahren, ohne dass ihn jemand hören will.“

    Viel zu viel Lobby im Spiel, gerade in Deutschland, aber auch überall anders. Da ist es dann fast normal, dass jemand, der auf diese Art ein Kind totfährt, 18 Monaten auf Bewährung bekommt … und für jedes alberne Eigentumsdelikt fünf Jahre Haft angesagt werden.

  3. redsock 29. Juni 2012 / 13:01

    Verkehrspolitik ist ein Minenfeld. Wie Uhupardo schon geschrieben hat, gibt es seit langem diverse Konzepte. Durch Lobbys und zum Teil auch durch Bequemlichkeit haben sie sich bis heute nicht durchgesetzt. Enttäuscht bin ich in diesem Zusammenhang immer wieder von den Grünen worden. Sobald ein Dienstwagen zur Verfügung steht, wird gierig zugegriffen. Der erste grüne Ministerpräsident ließ sich ja auch erst kürzlich mit dem Hubschrauber einfliegen und dann seinen Dienstwagen nachkommen.

    Im konkreten Fall bin ich mir nicht sicher, ob man tatsächlich an einem 19-jährigen ein Exempel statuieren will. Ich habe generell eine Abneigung gegen Exempel, genauso wie gegen „Automörder“, die ihr Gefährt als Waffe einsetzen.

    • Carmen 29. Juni 2012 / 13:22

      Ein Exempel wurde ja durchaus statuiert: Wer zu Fuß geht, sich dabei an die Verkehrsregeln hält, kann trotzdem überfahren werden – der Täter darf mit Nachsicht rechnen.

      Auch in Zukunft wird Rasen und das Überfahren einer roten Ampel in Deutschland mit Milde behandelt.

  4. Hackentrick 29. Juni 2012 / 20:16

    Passend zu dem Thema auch die Reportage ‚Wut am Steuer‘ (am 29.06., 20.15 Uhr, auf 3Sat): Die Autos werden immer sicherer, die Unfälle nehmen ab. Aber Aggressivität und Risikobereitschaft der Verkehrsteilnehmer steigen zunehmend…

  5. Carmen 29. Juni 2012 / 21:08

    Danke für den Tipp, ich konnte noch einen Teil der Sendung sehen: Demnach sind mangelnde Empathiefähigkeit und fehlendes Unrechtsbewusstsein v.a. der männlichen Autofahrer für die Aggressivität im Straßenverkehr verantwortlich.

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