Meine Informationsgesellschaft

„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster“ (Antonio Gramsci, zitiert aus Claus Leggewie „Mut statt Wut“)

Vor 25 Jahren kam es öfter vor, dass ich in meinem Briefkasten ausgeschnittene Artikel fand und eine kleine Notiz meines Freundes Axel. Wir wohnten beide im Frankfurter Nordend, trafen uns aber wegen unterschiedlicher Lebensverhältnisse nicht mehr sehr oft. Weil ich die Frankfurter Rundschau las, Axel aber die taz, informierte er mich auf diesem Weg über Artikel, die ihm gefielen. Über die Zeit hatte ich mehrere derartige Bekanntschaften mit „Artikel-Bring-Service“. Heute ist es meine Freundin Kristin, die manchmal Texte aus dem FAZ-Feuilleton aufhebt und mir mit den Worten gibt: Vielleicht willst du was darüber bloggen.

Bis vor wenigen Jahren zeigte die Wahl der Tageszeitung verlässlich das Lebensgefühl und die politische Einstellung seiner LeserInnen. FAZ-Leser waren vielleicht klug, aber konservativ und langweilig, Frankfurter Rundschau-Leserinnen waren intellektuell und kritisch, taz-LeserInnen weit links und BLÖD-Leser waren – wie heute auch noch – blöd.

Inzwischen sind es wesentlich weniger – und vor allem ältere – Menschen, die sich ausschließlich von einer Tageszeitung informieren lassen und auf deren Auswahl und Interpretation des Tagesgeschehens vertrauen. Diese schwindende Gruppe zieht sich die Meinung des Journalisten an wie eine bequeme Jacke, die vor der Unübersichtlichkeit schützt. Dass dieses Vertrauen auch grob missbraucht werden kann, wurde mir wieder bei der Berichterstattung (und Angstmache) von FAZ und FNP über Blockupy und den „schwarzen Block“ deutlich. Bis heute halten die beiden Zeitungen z.B. ihre LeserInnen im Glauben, bei der Verabschiedung von Oberbürgermeisterin Petra Roth hätten sich gewaltbereite Demonstranten angekündigt (Link zu meiner Post über die Aktionen zu Verabschiedung von Roth hier.)

Die Angst vor der Unübersichtlichkeit verstehe ich gut. Auch mir wird das Internet manchmal zuviel. Dann schmeiß ich Leute aus meiner Twitter-Timeline, die mir zuviel babbeln, missachte alle Hinweise auf tolle Blogs und halte mich an meine eigene Blogroll.

Zum Beispiel an Jürgen Fenn, Jurist und Blogger. Nach der Lektüre seines Artikels über das geplante Leistungsschutzrecht für Verlage erscheint es konsequent und als Bloggerin sicherer, in Zukunft ausschließlich auf andere Blogs zu verlinken und das ohnehin einseitige Verhältnis als Werberin für die Print-Presse zu beenden. Manche Juristen halten zukünftig gar das Verschicken eines Links via Twitter für einen (abmahnfähigen) Verstoß gegen das geplante Gesetz.

Andererseits: Soll ich mir wirklich verbieten lassen, meinen Bekannten und Lesern einen Artikel in den digitalen Briefkasten zu werfen?

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Ein Gedanke zu “Meine Informationsgesellschaft

  1. uhupardo 22. Juni 2012 / 02:06

    Ich glaube, dass das nicht so heiss gegessen werden wird, wie es derzeit kocht; was nicht heissen soll, dass der Widerstand dagegen überflüssig wäre. Erst abwarten, was wirklich beschlossen wird. Und sollte es beschlossen werden, wird es zuerst ein Gericht beim erstbesten Anlass kassieren und danach die Politik selbst, weil es dem deutschen Justizapparat den Kollaps bescheren würde.

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