Die Frankfurter Neue Presse und das Urheberrecht

Vergangenen Freitag war Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth in der NDR-Talkshow. Wer dort ihrem konfusen Gerede zugehört hat, fragte sich, wie diese Frau jemals in eine politische Führungsposition gekommen ist. Der eigentliche Skandal war aber, wie sie über die beiden CDU-Kollegen geredet hat, die jahrelang als ihre Nachfolger gehandelt wurden. Weil ich selbst nicht recht glauben konnte, was ich spätabends im TV gehört hatte, schaute ich mir den Beitrag am nächsten Tag nochmal an, und ein drittes Mal, um wesentliche Sätze zu verschriftlichen. Danach begann ich den Blogbeitrag „Petra Roth schenkt Rhein und Becker zum Abschied ordentlich ein“ zu schreiben.


Da ich mich in meinen Artikeln stets um journalistische Sorgfalt bemühe, recherchierte ich nach, wo Uwe Becker seinen Wunsch nach OB-Kandidatur öffentlich geäußert hat und verlinkte schließlich zur Offenbach Post. Ich setzte außerdem einen Link zum Videobeitrag in der Mediathek, um meinen LeserInnen die Suche zu ersparen. Nach insgesamt zwei Stunden Arbeit konnte ich den Artikel online stellen. Den neuen Artikel teilte ich meinen Twitter-Followern mit. Am nächsten Tag twitterte mir der Lokal-Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse Boris Tomic, die FNP habe am 26.5. auch darüber geschrieben. Ich las den eher nichtssagenden FNP-Artikel und schrieb zurück, dass dort aber wesentliche Aspekte fehlten, z.B. Uwe Beckers frühes Bekenntnis zur OB-Kandidatur.

Heute morgen schau ich mir die FNP an und glaube es nicht: Unter dem Titel Roths Schelte für ihre CDU hat die FNP meinen Artikel verwertet, mit den gleichen Zitaten und den gleichen Schlussfolgerungen. Ich habe sofort einen Kommentar geschrieben, man möge doch wenigstens zu meinem Blog verlinken, wenn man sich schon bedient – der Kommentar wurde nicht veröffentlicht.

Meine Kontaktaufnahme per Twitter mit dem Lokalchef beantwortete dieser mit dem Satz:
„Inspiration ist immer gut. Dank dafür.“

Das ist nicht das erste Mal, dass die FNP meinen Blog als Quelle benutzt, ohne mich zu zitieren. Als der ehemalige Fraktionschef der FAG, Rainer Rahn, zur FDP wechselte, habe ich als Kennerin der Wählergemeinschaft ausführlich darüber berichtet. Als die FNP darüber schrieb, hat sie im Artikel „Ausbaugegner distanzieren sich von Rahn“ Gisela Becker zitiert. Dabei hatte diese damals gar nicht mit der FNP gesprochen, wie sie mir persönlich mitteilte, das Zitat wurde copy und paste aus Giselas Kommentar zu meinem Blog-Artikel geklaut .

Das ist ganz schlechter Stil, es ist respektlos und ich vermute, es verstößt gegen das Urheberrecht.

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12 Gedanken zu “Die Frankfurter Neue Presse und das Urheberrecht

  1. LOB 30. Mai 2012 / 14:34

    ..scheinbar handeln die Redakteure der FNP aus einer Position der Stärke, wissend, dass nicht geklagt wird, weil zu kompliziert und weil das ineffiziente dt. Rechtssystem hierauf keine klare Antworten hat, um Rechtsräume zu schützen.. Wie lukrativ ist das Urheberrecht für darauf spezialisierte Anwaltskanzleien?

  2. Carmen 30. Mai 2012 / 17:52

    Mit der copy und paste-Taste die Seiten zu füllen, ist schon lange gängige Praxis bei der FNP. Als ich noch Pressereferentin einer Fraktion im Frankfurter Römer war, hat es meine damaligen Arbeitgeber natürlich gefreut, dass meine Presseerklärungen von der FNP eins zu eins übernommen wurden.

    Ich habe zum Thema eine Diskussion zwischen Anatol Stefanowitsch und Jürgen Schönstein gefunden, letzterer hatte den Unterschied zwischen Wald- und Gartenerdbeeren benutzt, um zwischen Blogs und Journalismus zu differenzieren. Anatol Stefanowitsch widersprach:

    „Blogbeiträge (…) werden von Menschen erstellt, die bei der Recherche – dem Klischee des tagebuchartigen Befindlichkeitsblogs zum Trotz – häufig nicht weniger, sondern mehr Aufwand betreiben als im durchschnittlichen Pressetext steckt.
    Deine Metapher von den Wald- und Gartenerdbeeren forciert damit nur ein Missverständnis, dem viele (aber natürlich nicht alle) Journalisten aufsitzen: Dass ihre eigenen Texte hochwertige Qualitätsprodukte sind, weil dafür Geld fließt, während die Texte der „Blogger“ minderwertige Derivate sind (allerdings trotzdem gut genug, um sie als Selbstbedienungsladen für Ideen und Informationen zu behandeln).“
    (hier geht es zum vollständigen Text)

  3. Bernhard Schülke (@B_Schuelke) 30. Mai 2012 / 23:51

    Hi Carmen,

    nicht nur Vollzitate unterliegen dem Urheberrecht. Eine Summe von Zitatfragmenten ohne wissenschaftlichen Hintergrund? Für einen versierten Abmahnabwalt eine Kleinigkeit. Die FNP ist rechtslastig und hat zuviel Geld. Also: ran an den Speck!

    • Carmen 31. Mai 2012 / 07:54

      Ich ärgere mich ja vielmehr über die Dreistigkeit der FNP und den Versuch, in der Diskussion auf Twitter den Eindruck zu erwecken, ich hätte eine unsachliche „Königenmordstory“ geschrieben. Dabei würde es mir selbst unter großer Anstrengung nicht gelingen, das Niveau der FNP zu unterbieten.

  4. uhupardo 31. Mai 2012 / 09:29

    Carmen? – Klagen! Unbedingt!
    Das hört sonst nie auf. Solche Leute durch Durchwinken zu bestätigen, ist falsch.

  5. Gisela Becker 31. Mai 2012 / 11:17

    Liebe Carmen,

    die fnp sollte, wenn sie dich zitiert oder sich derart „inspirieren“ lässt, unbedingt deinen Blog angeben. Nur das ist politisch korrekt. Tatsächlich hat die fnp meine Aussagen zur Rahn-FAG aus deinem Blog geklaut. Meine Telefonnummer hat die fnp-Redaktion, um mich direkt zu fragen, hallo Herr Remlein, hallo Herr Murr. Inzwischen kämpfe ich um die Stadtbäume in den Wallanlagen, wo außer den 23 vitalen Bäumen, die Ende Februar 2012 vom Grünflächenamt in der Liesel-Christ-Anlage gelyncht wurden, weitere 5-6 dazu kommen, die jetzt vertrocknen. Green City? Keine Spur. BaumTod für Investoren und Kreditbanken. Im Herbst müssen in der Liesel-Christ-Anlage also rund 30 neue große Bäume gepflanzt werden. Ob die fnp diese Meldung auch klaut? Schön wärs.

    Gruß Gisela

  6. Carmen 1. Juni 2012 / 10:10

    @gisela Nun, wäre es lediglich eine kleine Meldung gewesen, hätte ich mich nicht aufgeregt. Ich habe mich aber am Pfingstwochenende hingesetzt und zwei Stunden gearbeitet, weil es mir wichtig war, dass über Roths Performance in der ndr-Talkshow geredet wird. Mein Engagement und meine Großzügigkeit als Bloggerin werden aber konterkariert, wenn ein Redakteur (Twitter-Profil: „earning money by writing“) sich einen ruhigen Nachmittag macht und für die Print-Ausgabe des nächsten Tages Blogger-Artikel kopiert, ohne den Anstand zu haben, die Quelle zu nennen.

    Übrigens ist heute zu deinem Thema ein Artikel in der FAZ erschienen: „Bau des Luxushotels am Opernplatz verzögert sich“ von Rainer Schulze.

  7. Carmen 1. Juni 2012 / 17:44

    @uhupardo Ach, wer klagt schon gerne? Ich kann aber nachtragend sein und auch ziemlich viel Wind machen, wenn es sein muss. Die FNP werde ich in diesem Blog sicher nicht mehr zitieren, ohne darauf hinzuweisen, dass sie plagiiert. Frank Schirrmacher, Piraten-Fan und Mitherausgeber der FAZ, unter dessen Dach auch die FNP veröffentlicht wird, hat heute auch ein Tweet von mir bekommen: „Wer vom Urheberrecht redet, darf von den Content-Dieben der @fnp_Zeitung nicht schweigen“.

  8. uhupardo 2. Juni 2012 / 20:56

    Egal wie, Carmen, Grenzen setzen finde ich gerade in solchen Belangen enorm wichtig.

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