Frauen traut euch!

Nach der gestrigen Talk-Show bei Maybrit Illner zum Thema Piraten, an der u.a. ein arroganter Klaus Wowereit (Gabs keine Party in Berlin oder warum war der da?) und die sympathische Unternehmerin Anke Domscheit-Berg teilnahmen, habe ich nochmal den Artikel „Her mit den Piratinnen“ von Alexandra Borchardt im Band „Die Piratenpartei – Alles klar zum Entern?“ gelesen.

„Verschlafen Frauen die digitale Revolution?“, fragt Borchardt. Frauen bewegen sich im Internet, aber sie formen es nicht, lautet die Antwort: Nur 18 Prozent aller Informatik-Erstsemester sind Frauen, das heißt, der weibliche Anteil hat sogar abgenommen. Bei den Auszubildenden ist die Quote sogar unter 10 Prozent gefallen.

Auch die Wissensbildung im Internet ist Männersache. Bei Wikipedia stammen 90 Prozent der Einträge von Männern. „Wenn aber ein Teil der digitalen Welt doch männliches Terrain bleiben sollte, dann sei’s drum. (…) Auf Rechnung arbeitet es sich ohnehin viel angenehmer“, schreibt Borchardt im letzten Absatz des sehr lesenswerten Artikels.

Ja, das ist richtig, aber die Mitgestaltung der digitalen Welt funktioniert nicht, wenn immer nach dem Stundenlohn gefragt wird.

Vor einiger Zeit habe ich einer 50-jährigen, selbständigen Freundin ein Blog eingerichtet. Jemand hatte ihr gesagt, damit könnte sie ihrer Auftragsflaute begegnen. Also erklärte ich, wie wordpress funktioniert und richtete ihr die ersten Seiten ein. Ich hatte verschiedene Ideen, welche Texte sie schreiben könnte rund um ihre Dienstleistung. Aber die Bekannte biss nicht recht an. Sie schien Angst zu haben vor dem Redaktionssystem und in eine Sache soviel Arbeit zu stecken, die vielleicht gar nichts bringt, das war es ihr nicht wert. Das Blog liegt brach.

Eine andere Freundin beschwerte sich gestern in einem Telefonat darüber, dass sie keine beruflichen Chancen mehr für sich sieht. Sie hat drei Kinder mit einem IT-Fachmann, dessen Firma gerade expandiert. Ich sagte, schreib ein Blog, da bekommst du Kontakte und neue Ideen und Anerkennung. „Ach ne, worüber soll ich denn schreiben?“ Na, über Erziehung oder deinen Stadtteil, fang einfach an. „Ach, neee.“

Was ich immer wieder versuche zu vermitteln, ist, das es einfach Spaß macht, mit Leuten zu kommunizieren, mit denen man im Echtleben nie in Kontakt käme. Auf Twitter zum Beispiel bin ich mit Jungs vernetzt, die meine Söhne sein könnten. Weder Alter noch Geschlecht, sondern ausschließlich die geteilten Interessen spielen im Internet eine Rolle.

Aber: Nur wer mitmacht, wird kompetent.

Advertisements

3 Gedanken zu “Frauen traut euch!

  1. Hackentrick 20. April 2012 / 14:29

    Hm, Carmen… ich frage mich gerade, ob Du das Thema in Deinem Artikel nicht zu oberflächlich behandelst. Ich finde, die Frage „ob Frauen die digitale Revolution verschlafen“ kann man nicht so pauschal beantworten.

    1. Das Betreiben eines Blogs beispielsweise mag Chancen eröffnen, ist jedoch keine Garantie für Kontakte und Erfolg. Das Schreiben und Veröffentlichen liegt nicht jedem / jeder (hat ja auch immer ein bisschen was Exhibitionistisches und Selbstdarstellerisches) und eine gewisse Qualität muss auch gegeben sein, um Interesse zu wecken und neugierig zu machen. Es gibt viele, die trauen sich das nicht zu. Und der Zeitaufwand für eine halbwegs interessante iNet-Präsenz ist ja auch nicht gering.

    2. […] “Verschlafen Frauen die digitale Revolution?”, fragt Borchardt. Frauen bewegen sich im Internet, aber sie formen es nicht […]
    Im aktuellen Zeit-Magazin wird berichtet, dass 2/3 aller Blogs von Frauen betrieben werden. Die Beteiligung der Frauen ist also anscheinend keine quantitative Frage, sondern eine thematische. Männer schreiben mehrheitlich über Politisches. Ob das in absehbarer Zeit eine gesellschaftliche Relevanz hat, vermag ich noch nicht zu beurteilen. Momentan wohl eher noch nicht – die meisten ‚politischen‘ Blogs bedienen doch nur die eigene Meinungsgruppe, statt Andersdenkende zu überzeugen.

    Und ganz ehrlich und ohne chauvinistischen Hintergedanken: Ich lese lieber einen Blog über kreative Desserts oder schaue mir schöne Fotos an, als dass mir vom 1.000sten Anti-Islam-Artikel übel wird.

    3. Erleben wir eine ‚digitale Revolution‘ oder nur ein zeitgeistiges Kommunikationsmodell, das aufgrund der Informationsüberflutung bald wieder abebbt? Wie lange werden Blogs und Twitter noch in aller Munde sein? Weisst Du es? Ich nicht…

    LG Hackentrick

    • Carmen 20. April 2012 / 17:59

      Die Frage, ob Frauen die digitale Revolution verschlafen, hat Alexandra Borchardt natürlich ausführlicher behandelt. (Der ursprünglich in der SZ erschienene Artikel kann hier gelesen werden)

      Ich bin völlig einig mit dir, dass das Betreiben eines Blogs keine Garantie für beruflichen Erfolg ist. Um Erfolg ging es mir nicht. Sondern um Teilhabe an der digitalen Welt, um die Bereitschaft, diese Welt kennen zu lernen, mitzumischen, Fehler zu machen, sich zu blamieren, daraus zu lernen etc. Natürlich kann es auch beruflich nützlich sein, z.B. bei einer Bewerbung, wenn eine Person über 40 die neuen Kommunikationsmodelle beherrscht. Zeigt das doch, dass dieser Bewerber bereit ist, Neues zu lernen.

      Ob ein Blog gesellschaftliche Relevanz hat, interessiert mich in diesem Zusammenhang nicht. Wie verändert sich die Sicht auf die (digitale) Welt, wenn man nicht mehr Nutzerin sondern Gestalterin ist? Auch ein Blog, der sich mit Erziehungsfragen beschäftigt und monatlich nur 200 Leser hat, kann der Autorin das Gefühl geben, wieder Teil der Gesellschaft zu sein.

      Und wenn es keine Blogs und kein Twitter mehr gibt, machen wir halt was Neues…

      Nachtrag: Es kommt immer häufiger vor, dass ich bei der Tagesschau sage, Mensch, das weiß ich doch längst. Manchmal hängen die traditionellen Medien Tage hinterher. Und die Blog-Artikel sind dabei oft sogar noch besser recherchiert. Viele Blogs werden ja heute von Journalisten geschrieben – allerdings für den Leser kostenlos. Ich denke, da wird sich etwas ändern müssen.

  2. Hackentrick 21. April 2012 / 17:19

    Zu Deinem Nachtrag: Manche Blogs generieren ja bereits Geld durch anderweitige Einnahmen. Aber Du hast Recht: Gute Leistungen sollten entlohnt werden. Ich wäre jederzeit bereit, für informative, interessante Blogs eine Art Abo-Gebühr zu zahlen, wenn sie sich in Grenzen hält…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s