Die Ökonomie von Gut und Böse

Letzlich geht es bei der gesamten Ökonomie um das Gute und das Böse oder Schlechte – Menschen erzählen anderen Menschen Geschichten über Menschen. Selbst die ausgefeiltesten mathematischen Modelle sind in Wirklichkeit Geschichten, Gleichnisse, ein Bemühen, die Welt um uns herum (rational) zu begreifen.“ (Tomas Sedlacek)

Viele Jahre pflegte ich eine ausgeprägte Geringschätzung für die Wirtschaftswissenschaften. Der Grundstein wurde zum einen dadurch gelegt, dass die größten Langweiler meines Jahrgangs BWL studierten und zum anderem durch das Soziologie-Studium, das mich im Vorstudium auch zu Mikro- und Makroökonomie-Seminaren verpflichtete. Allein bei dem Gedanken an die „Lebenszyklushypothese“ gerät mein Gehirn in einen narkoleptischen Zustand.

Diese von vielen geteilte Arroganz ist uns teuer zu stehen gekommen. Keiner lacht heute mehr bei dem Begriff „Wirtschaftsweiser“, im Gegenteil glaubt unsere politische Elite, wie z.B. die Physikerin Angela Merkel, sie hätte es bei der Ökonomie mit einer exakten Wissenschaft zu tun. Wie ist es dazu gekommen? Wie wurde aus der Ökonomie, die ursprünglich ein Bereich der Moralphilosophie war, die mathematisch-orientierte Wirtschaftswissenschaft von heute?

Wenn wir die Krise, in der sich die kapitalistischen Gesellschaften seit Jahren befinden, verstehen wollen, wenn wir mitdiskutieren und -entscheiden wollen, müssen wir uns mit wirtschaftlichen Fragen beschäftigen. Wir dürfen nicht länger den Kopf in den Sand stecken oder hoffen, das es Deutschland schon nicht so hart treffen wird in der Finanzkrise. Jeder Fernsehzuschauer wird täglich mit Börsennachrichten bombardiert, die im Ton des Unausweichlichen vorgetragen werden. Konjunktur, Wachstum, Fortschritt, BIP sind die Mantren unserer Zivilisation. Das war nicht immer so und das muss nicht so bleiben.

Der tschechische Philosoph und Ökonom Tomas Sedlacek widmet sich in seinem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ der Geschichte der Ökonomie und ihres Verhältnisses zur Ethik. Er beginnt mit seiner Untersuchung beim ältesten literarischen Werk der Menschheit, dem 4.000 Jahre alten Gilgamesch-Epos, und führt den Leser über das alte Testament, das antike Griechenland, das Christenum, Descartes, Mandeville bis zum – in hohem Maße missverstandenen – Adam Smith:

Meiner Ansicht nach besteht Smiths Erbe für uns Ökonomen darin, dass wir moralische Fragen in die Ökonomie einbeziehen müssen – dass gerade sie ihren Kern bilden. In meinen Augen ist Smiths maßgeblicher Beitrag zur Ökonomie ethischer Natur„, schreibt Sedlacek und widerspricht damit der modernen Rezeption, die Adam Smith als Begründer des Konzeptes der „unsichtbaren Hand des Marktes“ versteht.

In der Jetztzeit angekommen, lässt uns Sedlacek an seinen „blasphemischen Gedanken“ teilhaben. Und die lauten: „Es reicht. Du sollst nicht immer optimieren.“ Hätten die Amerikaner die technologische Entwicklung der letzten 20 Jahre der Zeitersparnis gewidmet, würden sie heute nur 3 Tage in der Woche arbeiten.

Wir wissen längst, das ein Mehr an Wohlstand uns nicht in gleichem Maße glücklicher macht. Wer heute einen Job hat, ist ständig gestresst. Jeder hat in seinem Bekanntenkreis Menschen, die wegen Burnout behandelt werden.

„Gibt es eine Alternative zur ständigen BIP-Maximierung? Es erhebt sich die Frage, ob wir für uns nicht auch eine Art Jubeljahr, eine Zeit der Zufriedenheit, ansetzen sollten. Wenn die alttestamentlichen Hebräer, eine um das Vielfache ärmere Gesellschaft, sich so etwas leisten konnten, müssten wir das doch ebenfalls können!“.

Wir müssen von der künstlichen Wachstumsstimulation durch Schulden ablassen. Sedlacek erinnert an die Josefs-Regel aus dem Alten Testament: „In guten Zeiten muss für schlechte Zeiten zurückgelegt werden“ – diese einfache Regel wurde zum Beispiel in den Wachstumsjahren 2001 bis 2008 völlig missachtet.

Die letzte Wirtschaftskrise habe deutlich gezeigt, dass die Ökonomen die Zukunft einfach nicht vorhersagen können, weder den Beginn noch das Ausmaß einer Krise, betont Sedlacek. Deshalb sollten sie lernen, dem Wunsch der Politik nach wirtschaftlichen Vorhersagen zu widerstehen. Die Ökonomie, sagt Sedlacek, ist schön und eine nützliche geistige Übung – wie das Schachspiel. Wir sollten aber nicht vergessen, das sich das Leben auch auf anderen Saiten spielen lässt als auf der egoistisch-ökonomischen.

Wir haben wirklich viel – von einem materiell-ökonomischen Standpunkt aus gesehen sogar mehr als alle früheren Generationen in der Geschichte der westlichen griechisch-jüdisch-christlichen Zivilisation (…) Daher sollten wir die materielle Verwöhntheit und die übermäßige Betonung des Glücks, das materieller Wohlstand bringen kann, hinter uns lassen.

Dieses Umdenken ist nötig, weil eine Wirtschaftspolitik, die nur materielle Ziele verfolgt, immer zu Schulden führen wird. Jede Wirtschaftskrise wird viel schlimmer werden, wenn wir ständig die Last dieser Schulden stemmen müssen. Wir müssen sie daher schnell zurückzahlen.“

Mein Fazit: Ein faszinierendes, lehrreiches und auch für Nicht-Ökonomen verständliches Buch.

„Die Ökonomie von Gut und Böse“ von Tomas Sedlacek, erschienen im Hanser Verlag. 448 Seiten, 24,90 Euro.

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5 Gedanken zu “Die Ökonomie von Gut und Böse

  1. uhupardo 20. April 2012 / 19:37

    Ein Thema, das (wenigstens mich) durchaus wütend machen kann. Abgekoppelt von JEDEM gesellschaftlichen Ziel behaupten irgendwelche Wirtschaftsfuzzis (ob „-experten“, „-wissenschaftler“, Steuerberater oder BWL-Gurus), was alles angeblich geht oder nicht, was richtig oder falsch ist. Es ist eine unglaubliche Frechheit, Wirtschaft als einen geschlossenen Kreislauf darzustellen, der angeblich unabhängig von Moral, Ethik und gesellschaftlicher Ziele funktioniert wie er funktionieren muss und aus.

    Jahrzehnte lang hat man den Menschen eingeredet, dass sie „davon sowieso nichts verstehen“, sich also gar nicht erst bemühen müssen, weil „das alles sehr kompliziert“ sei. Herrschaftswissen hat den Maya-Fürsten ihre bevorrechtigte Position zementiert – daran hat sich bis heute nichts geändert. Es wird dringend Zeit, dass sich jeder mit Wirtschaft im gesamtgesellschaftlichen Kontext beschäftigt. Es ist nämlich ganz einfach: Es war immer schon genügend Geld da für Dinge, hinter denen der politische Wille steht.

    Wenn dieses Buch dabei mithelfen kann, herzlich willkommen!

  2. Violet Teki 20. April 2012 / 20:53

    Ja, alles ein Fluch der Wissenschaftlichkeit, die von den Naturwissenschaften ausging. Plötzlich musste alles nach deren Prinzipien funktionieren, egal ob Philosophie, Sozial- oder Wirtschaftswissenschaften.

    Es ist wirklich krank, dass die ganze Welt im Prinzip dem Amerikanischen Way of Life folgen soll und jeder Gedanke, dass andere Formen des Wirtschaftens und Lebens möglich sind, im Keim erstickt wird – im Namen der Wissenschaftlichkeit …. aber es ist bald vorbei.

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