Lernen geht anders

Meine Stadt hat tolle Schulen, engagierte Lehrer, verständnisvolle Direktoren. Diesen Eindruck habe ich nach all den Offenen Türen, Mathe- und MINT-Rallyes der letzten Wochen gewonnen, die Eltern und Kinder vor dem anstehenden Wechsel auf die weiterführende Schule absolvieren.

Was man schnell vergisst, während man dem Bläser-Ensemble der einen Schule zuhört oder in der sanierten Mensa der anderen steht: Hessen hat G 8. Oft sehe ich nachmittags in der S-Bahn müde und blasse Fünftklässler, die nach einem langen stressigen Tag noch 50, 60 Minuten in Bus und Bahn sitzen, bis sie endlich zu Hause sind. Kindheitsende mit 11.

Was nützt die tollste Schule, wenn das Kind unglücklich ist? Verantwortungsvolle Eltern stellen sich diese Frage und handeln danach.

Remo Largo hat sich in seinem Buch „Lernen geht anders“ mit der Frage beschäftigt, wie eine zeitgemäße und kindorientierte Schule aussehen kann.

Die wichtigste These des Kinderarztes Largo ist die Individualität des Kindes. Wer die Variabilität in der kindlichen Entwicklung nicht beachtet, wird den Kindern nicht gerecht. So ist zum Beispiel die motorische Aktivität von Kindern höchst unterschiedlich:

„Den einen Kindern fällt es leicht, eine Schulstunde lang ruhig auf dem Stuhl zu sitzen, andere Kinder sind dazu nicht in der Lage, weil ihnen ihre hohe motorische Grundaktivität das Stillsitzen unmöglich macht. Man muss sich ernsthaft fragen, ob der Zwang, eine Schulstunde lang ruhig und aufrecht auf einem Stuhl zu sitzen, für gewisse Kinder nicht eine Form von Folter darstellt.“ (Remo Largo)

Diese breite Variabilität gilt z.B. auch für die Lesekompetenz. Mitten in diesem Entwicklungsprozess den Klassenverband aufzulösen, wie es derzeit nach der vierten Klasse geschieht, bedeutet deshalb für viele Kinder eine zu frühe und falsche Selektion. Kinder können gut lernen, wenn ihre Bedürfnisse befriedigt und wenn sie angstfrei sind. Largo spricht sich deshalb gegen den neuerlichen Trend zu mehr Disziplin aus:

„Eine Erziehung, die Kinder zu eigenständigen und selbstbewussten Wesen heranwachsen lässt, setzt auf Beziehung. (…) Die meisten Eltern wollen sich um ihre Kinder bemühen, unterschätzen aber den Aufwand an Zeit, den sie für ihren Nachwuchs aufbringen müssen. Erziehung ist anstrengend vor allem wegen der ständigen Verfügbarkeit, die das Kind erwartet. Es ist pure Augenwischerei, wenn behauptet wird, es komme für das Wohlbefinden des Kindes nur auf die Qualität und nicht auf die Zeit an, die man mit ihm verbringt.“ (Remo Largo)

Manche Lernförderung hingegen, wie zum Beispiel Frühenglisch ist völlig nutzlos und kommt „eher einer Placebo-Medikation gegen Globalisierungsängste von Eltern gleich“. (Largo)

Largo rät Akademiker-Eltern massiv davon ab, aus Statusdenken ihr Kind zum Abitur anzutreiben. Erstaunlicherweise sind es immerhin 40 Prozent der Akademikerkinder, die absteigen, d.h. die im Alter von 40 Jahren einen niedrigeren Status als ihre Eltern haben, zitiert Largo eine Studie von Levy et al. Wichtiger als der Status ist aber, dass ein selbstbewusster Mensch heranwächst, der seine Stärken und Schwächen kennt und lernt, mit diesen sein Leben zu meistern.

„In Gesellschaft und Wirtschaft kommt es immer wieder zu Dramen, weil Menschen mit Hilfe von Privilegien und Netzwerken in soziale und wirtschaftliche Stellungen gelangen, in denen sie durch mangelnde Kompetenz großen Schaden anrichten können.“

Wer sich jetzt an derartige Fälle der jüngsten Vergangenheit erinnert fühlt: Largos Buch ist bereits 2010 erschienen, aber immer noch hochaktuell.

Remo H. Largo: Lernen geht anders – Bildung und Erziehung vom Kind her denken. Verlag edition Körber-Stiftung.

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2 Gedanken zu “Lernen geht anders

  1. Jarg 4. März 2012 / 18:46

    Unsere Kinder kommen ja erst dieses Jahr in die Schule. Aber im Gedanken an G8, dass in Hamburg zumindest an den Gymnasien verbindlich ist, wird mir jetzt schon schlecht … zumal gleichzeitig die Stadtteilschulen oft nicht den besten Ruf haben und man sein Kind ja nicht durch die halbe Stadt schicken will.
    Hoffentlich verändert sich da noch etwas, denn den Kindern in unserem Umfeld, die G8 schon trifft, geht der Stress ganz schön an die Substanz. Mehr auf Remo Largo hören wäre sicher nicht schlecht … für Eltern, für Politiker, für jeden, der Verantwortung für Kinder trägt.

  2. Carmen 5. März 2012 / 09:09

    Hallo Jarg,

    die Einschulung ist ein riesiger Schritt, vor allem für die Eltern. 😉

    Aus der hessischen Ferne hört sich das Konzept der Stadtteilschulen richtig gut an. Auf den Ruf der Schulen würde ich erstmal nichts geben, solange ich sie nicht selbst kennengelernt habe.

    Bis die Entscheidung für die weiterführende Schule ansteht, vergehen ja ein paar Jahre, in denen man sein Kind einzuschätzen lernt. Es ist wichtig, die richtige Schule für sein Kind zu finden und nicht die eigenen grandiosen Vorstellungen zu befriedigen, wie das immer wieder geschieht. In der vierten Klasse werden manche Kinder im Hinblick auf den Schulwechsel so unter Druck gesetzt, dass sie aus lauter Panik schlechtere Noten schreiben. Ein bisschen mehr elterliche Gelassenheit wäre für alle besser.

    Kinder, die mehr Zeit zum Lernen brauchen, auf den Realschulzweig zu schicken, ist kein Entscheidung fürs Leben. Ich habe gerade die Direktorin einer Frankfurter Realschule kennengelernt, die stolz erzählt hat, dass 70 Prozent ihrer Schüler doch noch das Abitur machen. Umwege sind ja nicht das Schlechteste.

    VG Carmen

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