Herr H. und das soziale Pflichtjahr für Ältere

Ich kenne Herrn H. seit ca. 25 Jahren. Damals war er mein Vorgesetzter in einem kleinen Verband, der sich der Lobbyarbeit für Abonnement-Zeitungen verschrieben hat. Ich besuchte noch das Abendgymnasium und schwankte zwischen Germanistik und Soziologie. Herr H. sagte: „Germanistik ist nichts für Sie, Sie sind zu politisch, studieren Sie Soziologie!“ Ich tat’s.

Wir haben in all den Jahren losen Kontakt gehalten. Wenn wir uns früher trafen, brachte er mir Berge von Artikeln mit, die ich unbedingt lesen müsse. Später, als ich in der Kommunalpolitik arbeitete, erreichten mich regelmäßig seine Anrufe mit Antrags-Ideen. (Zum Beispiel konnte sich Herr H. unglaublich darüber aufregen, dass Monopolisten – wie Betriebe des ÖPNV – Geld für Werbung ausgeben). Herr H. hatte also Ideen und ich sollte sie umsetzen.

Kürzlich traf ich ihn wieder in einem Cafe in der Frankfurter Töngesgasse. Er schimpfte wie gewohnt auf die Gaspreise und die Verspätungen der U-Bahn. „Herr H.“, sagte ich, „Sie müssen ins Internet und Gleichgesinnte suchen“.

Also nahm ich ihn mit ins nahegelegene Internet-Cafe, zeigte ihm ein paar Blogs und versuchte ihn zu überzeugen, einen Senioren-Internet-Kurs zu besuchen.

Wieder auf der Straße erzählte er mir, wie er und seine Frau ihre Tage verbringen: Mit Einkaufen. Brot wird nur in Bornheim gekauft, Fleisch nur auf dem Bauernmarkt auf der Konstablerwache. Wenn sie frische Eier benötigen, fahren Sie in den Süden der Stadt, wo die Verkäuferin die Eier unterm Ladentisch versteckt und nur an besondere Kunden einzeln abgibt.

Kurz bevor wir uns wieder verabschiedeten, fiel Herr H. noch etwas ein: Dieser Philosoph, wie heißt er doch gleich, hätte Zwangsarbeit für Alte gefordert, das wäre doch wohl die Höhe.

„Ich finde das eine sehr gute Idee von Richard David Precht, lieber Herr H.“, sagte ich.

Herr H. hat direkt nach dem Germanistik-Studium bei o.g. Verband angefangen zu arbeiten und 35 Jahre gut verdient. Er ist kinderlos, hat mehrere Eigentumswohnungen, kein Ehrenamt, dafür aber jede Menge Ideen. Ist es wirklich zuviel verlangt, wenn eine vom Schicksal begünstigte Generation im Alter der Gemeinschaft etwas zurückgibt?

„Es kann nicht das Leitbild einer Demokratie sein, Pflichten zu reduzieren. Denn dann sehen die Menschen den Staat irgendwann als Feind, der Steuern klaut, anstatt zu fragen, was kann ich für den Staat tun? Es braucht einen neuen Solidarpakt zwischen dem Staat und den Bürgern.“ (Richard David Precht im Gespräch „Philosoph über Angst vor der Krise“ im Kurier)

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2 Gedanken zu “Herr H. und das soziale Pflichtjahr für Ältere

  1. majestyx 8. Februar 2012 / 14:03

    so was kann aber nur auf FREIWILLIGER Basis passieren.. Zwangs… Arbeit/abgaben etc…. alles schon mal „da“ gewesen? von einem „Philosophen“ erwarte ich mehr…. achso, is jan „Deutscher Philosoph nach 1945“

    achso, und dein SSL Zertifikat kann nicht verifiziert werden, warum?

  2. Carmen 8. Februar 2012 / 14:36

    „Eine normale Homepage oder ein Blog braucht normalerweise keine SSL-gesicherte Webverbindung, also auch kein SSL-Zertikat.“ schreibt Das INCONET Tagebuch.

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